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Die Feste der Stadt sollen ökologischer werden – das fordern 32.000 Unterstützer von Tollwood.

Mehr Bio für München

Wie die Tollwood-Macher die Stadtfeste verändern wollen

Wir zeigen, dass es geht“ – damit hat das von Tollwood ins Leben gerufene Aktionsbündnis „Artgerechtes München“ das allerbeste Argument auf seiner Seite.

Stephanie Weigel, Leiterin der Abteilung Umwelt bei Tollwood, und tz-Redakteurin Susanne Stockmann im Gespräch über Bio-Essen bei Großveranstaltungen.

1,5 Millionen Besucher hat das Kunst- und Kulturfestival jedes Jahr – und alle werden komplett mit Nahrungsmitteln aus Bio-Anbau satt. Umso mehr frustriert es die Leiterin der Abteilung Umwelt, Stephanie Weigel, dass sich in der Stadt München so wenig tut: „Die Politik der Stadt gleicht, was die Bio-Kriterien für Großveranstaltungen angeht, einer Rolle rückwärts.“ Was ist passiert? Es werden neue Öko-Bewertungskriterien für die Veranstalter der Wiesn, der Auer Dult und des Christkindlmarktes aufgestellt. Bisher wurde der Einsatz von Bio-Produkten mit zusätzlichen Punkten belohnt. Zukünftig soll Bio nur noch so viele Punkte bekommen wie Produkte aus regionaler Herkunft. Im Gespräch erklärt Stephanie Weigel, warum dies ein Skandal ist.

Bei Diskussionen zum Thema Bio auf Großveranstaltungen gibt es immer das Argument, die Mengen an benötigtem Bio-Fleisch gäbe es auf dem Markt gar nicht. Wo bekommen Sie Ihre Nahrungsmittel her, und kontrollieren Sie auch die Herkunft?

Stephanie Weigel: Wir haben das Prinzip fordern und fördern. Wir fordern 100 Prozent ökologische Zutaten. Am Anfang mussten wir mit Beratungen und dem Bilden von Netzwerken Unterstützung anbieten. Inzwischen ist die Versorgung einer Großveranstaltung wie Tollwood mit 100 Prozent Bio-Lebensmittel überhaupt kein Problem mehr. Wer das nicht glauben kann, denladen wir zuuns ein. Allein im Sommer sind 800 000 Gäste zuversorgen, aneinem Tag sind es sehr viele, am nächsten Tag regnet es, und nur wenige kommen. Das funktioniert trotzdem. Nichtnurbeider Beschaffung, sondernauchinder Preisgestaltung.

Die Wiesn-Wirte sagen, sie könnten nicht genug Bio-Hendln und -haxn herbeischaffen.

Weigel: Natürlich könnten sie das jetzt nicht sofort. Aber jetzt muss es ein Signal er Politik geben. Bio muss sich lohnen. Dann wird es in der Zukunft möglich sein. Stattdessen gibt es jedoch jetzt in München die Rolle rückwärts. Im September wird im Stadtrat eine Beschlussvorlage diskutiert, wo die Bio-Bewertungspunkte für die Wiesn halbiert werden sollen. Bio wäre dann auf einmal nicht nur halb so viel wert, sondern soll auch noch mit Produkten aus regionaler Erzeugung gleichgesetzt werden. Wer sich ein bisschen mit Landwirtschaft in Bayern auskennt, weiß, dass hier die industrielle Intensivtierhaltung, Stichwort Massentierhaltung, stark ausgeprägt ist und ständig weiter ausgebaut wird.

Regional bedeutet nicht automatisch tierfreundlich?

Weigel: Es heißt nur, es kommt aus der Nähe. Das heißt nicht, dass es qualitativ gut ist. Wir wollen jedoch keinen Schlagabtausch, sondern suchen das gemeinsame Miteinander. Wir hoffen jetzt auch auf die Wiesn-Wirte, auf die Veranstalter bei der Auer Dult und dem Christkindlmarkt. Wir wünschen uns, dass sie mit vorangehen, auch wenn sie jetzt von der Politik eher andere Vorgaben bekommen. Der Schlagabtausch zwischen Politik, Gesellschaft und der Großgastronomie ist ein altes Ritual, da müssen wir einfach mal drüber hinwegkommen. Denn die Welt ist ein bisschen anders geworden. Die Besucher auf Veranstaltungen haben sich einfach geändert.

Warum will Tollwood etwas verändern und kein reines Festival sein?

Weigel: Wir haben 1,5 Millionen Besucher im Jahr, und wir haben damit eine Verantwortung übernommen. Wir wollen nachhaltig arbeiten. Schnell ist man dann beim Thema Ernährung und Umwelt. Wir sehen, dass vieles im Argen liegt. Auf der anderen Seite sind wir Praktiker und zeigen, dass es anders geht. Würde die Gastronomie bei uns nicht funktionieren, würde es Tollwood schon lange nicht mehr geben. Daher gehen wir raus in die Welt und erzählen anderen, wie es bei uns funktioniert.

Sie haben den TiBu gewonnen, den Preis des Deutschen Tierschutzbundes für den Wertewandel in der Gesellschaft. Wie viel Wandel ist noch nötig, damit es Tieren besser geht?

Weigel: Im Mai 2015 haben wir unser Bündnis „Argerechtes München“ vorgestellt. Binnen kürzester Zeit hatten wir über 32 000 Unterstützer aus München. Das sind ganz verschiedene Gruppierungen, z. B. 90 Verbände und Organisationen, über 180 Künstler, aber auch über 170 Unternehmen. Es steht ein großer Teil der Münchner Stadtgesellschaft hinter uns. Der Wandel ist in der Gesellschaft längst angekommen, nur die Politik zieht leider nicht nach. In der Stadt muss jetzt neu diskutiert werden, und wir hoffen mit gutem Ausgang.

Interview: sus

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