Eine getrocknete Speick-Pflanze (Valeriana celtica). Sie gibt einer Naturkosmetik-Firma den Namen. Foto: Marijan Murat
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Eine getrocknete Speick-Pflanze (Valeriana celtica). Sie gibt einer Naturkosmetik-Firma den Namen. Foto: Marijan Murat

Öko auf der Haut: Naturkosmetik-Branche im Aufwind

Jung aussehen - wer will das nicht? Cremes und Salben sind für die Kosmetikbranche ein Milliardengeschäft. Besonders gut läuft es bei Firmen, die auf Naturkosmetik setzen - der Öko-Touch ist angesagt.

Leinfelden-Echterdingen (dpa) - Es ist eine Schönheit auf den zweiten Blick - wenn überhaupt. Das alpine Gewächs Speick wird zehn Zentimeter hoch, die kleinen Blüten sind weiß. Getrocknet sieht es aus, wie trockene Pflanzen nun mal aussehen: braun und brüchig.

Nicht weiter erwähnenswert - wäre da nicht die Naturkosmetik, in der die Heilpflanze einen beachtlichen und exemplarischen Erfolg feiert. Die Firma Speick Naturkosmetik aus Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart bietet Cremes, Duschgels und andere Mittel mit Stoffen aus besagter Pflanze an. Damit ist der Familienbetrieb mit seinen gut 50 Mitarbeitern auf Wachstumskurs - wie die gesamte Naturkosmetik.

Ein Umsatzplus von zuletzt etwa 10 Prozent verzeichnet die Branche, zu der auch Weleda und Wala mit seiner Marke Dr. Hauschka gehören. "Es läuft sehr gut", sagt Speick-Chef Wikhart Teuffel. Bei Kennzahlen seines Unternehmens bleibt er vage, man setze 10 bis 20 Millionen Euro jährlich um, zuletzt ebenfalls mit dickem Plus. Die Branche trifft sich zur Naturkosmetik-Messe Vivaness in Nürnberg (10. bis 13. Februar), dank guter Zahlen dürfte auch dort gute Laune überwiegen.

Insgesamt bringen Naturkosmetika und Pflegeprodukte in Deutschland mehr als eine Milliarde Euro Umsatz. Damit kommt die einstige Öko-Nische auf grob gesagt ein Zehntel der kompletten Kosmetikerlöse hierzulande. Konventionelle Konkurrenten wachsen deutlich langsamer.

"Naturkosmetik hat sich vom Nischenprodukt zum konsequenten Markttreiber entwickelt", sagt Sabine Kästner von Laverana. Selbst die eher nüchternen Experten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kommen ins Schwärmen: "Insbesondere die Umsätze der Naturkosmetik sprießen wie eine Blumenwiese im warmen Frühjahr."

Als einen Grund nennt Speick-Chef Teuffel einen Bewusstseinswandel beim Verbraucher. "Bisher waren wir preisorientiert erzogen und nicht werteorientiert - das ändert sich allmählich", sagt der 61-Jährige. Aspekte der Nachhaltigkeit spielten eine größere Rolle im Konsum. "Die Verbraucher wollen wissen, ob das, was sie da auf ihre Haut tun, unter würdigen Bedingungen hergestellt wurde oder ob das nachwachsende Rohstoffe sind."

Das Thema Rohstoffe ist nicht unproblematisch. Nach den Worten von Branchenexpertin Elfriede Dambacher setzen die Naturkosmetik-Firmen zwar auf nachhaltigen Anbau unter fairen Arbeitsbedingungen. Doch der Rohstoffmarkt sei hart umkämpft, weil etwa Rosenöl, Granatapfel-Öl oder Shea-Butter knapper und somit teurer werden.

Preislich sind Speick oder Konkurrenzmarken wie Lavera und Sante in der Mittelklasse angesiedelt - Shampoos oder Duschcremes kosten rund vier Euro und damit etwa doppelt so viel wie herkömmliche Massenware, aber noch deutlich weniger als Produkte aus dem Hochpreis-Segment.

Früher waren es klassische Biomarkt-Produkte, die vom Ökoaktivisten gekauft wurden. Das habe sich geändert, betonen Branchenvertreter. Die Biokäufer der 80er Jahre hätten die Welt retten wollen, erklärt Wala-Sprecher Antal Adam. "Heute wollen die Menschen dabei auch etwas für ihre Gesundheit tun und auch gut dabei aussehen."

Naturkosmetik sei eben auch ein "Lifestyle-Faktor". Die schwäbische Firma mit 1000 Mitarbeitern zählt zu den Großen der Nischen-Branche, von 2004 bis 2015 wurde der Umsatz auf 130 Millionen Euro verdoppelt.

Die Zeiten nachfüllbarer Cremechen-Gläser im Biomarkt sind vorbei, man ist angekommen in den Regalen von Supermärkten und großen Drogerieketten - und damit auch etwas beliebiger geworden. Wie die konventionellen Konkurrenten setzen die Naturkosmetik-Anbieter auf Plastik-Verpackungen, dadurch fällt mehr Kunststoffmüll an.

Auch aus hygienischen Gründen sei das unvermeidlich, sagt Teuffel. Zudem wollten die Kunden praktische und relativ leichte Verpackungen. Letztlich ist man auch eine Art Krisenprofiteur. Denn: "Von jedem Lebensmittel- und Umweltskandal hat die Naturkosmetik-Branche profitiert", berichtet Laverana-Sprecherin Kästner.

Die Naturkosmetik ist also eine lukrative Nische. Könnten daher nicht konventionelle Marktriesen mit ihrer Investitionskraft einsteigen, um etwas abzubekommen vom wachsenden Umsatzkuchen? Teuffel übt sich in Gelassenheit - das sei ein unrealistisches Szenario. Nach seiner Darstellung wäre es unglaubwürdig, würden Großkonzerne auf einmal auf den Öko-Touch setzen. Expertin Dambacher sieht es ähnlich: "Wenn sich konventionelle Kosmetikkonzerne plötzlich ein grünes Mäntelchen umhängen, nimmt ihnen das der Verbraucher nicht ab."

Der Begriff Naturkosmetik ist rechtlich nicht geschützt, einen gesetzlichen Standard wie etwa beim Bio-Siegel der EU gibt es nicht. Die Kosmetika unterliegen Vorgaben zum Inhalt, die sich die Branche selbst auferlegt hat.

Externe Organisationen zertifizieren die Cremes, Salben und anderen Mittel. Die verarbeiteten Rohstoffe dürfen nicht von toten Wirbeltieren kommen, Nerzöle oder Murmeltierfette sind also beispielsweise verboten. Tierische Produkte wie Milch und Honig sind aber meist erlaubt - vegan ist Naturkosmetik also nicht unbedingt. Der Einsatz von Silikonen, Paraffinen, anderen Erdölprodukten und generell von synthetischen Stoffen ist dagegen tabu.

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