Der hauptamtliche Urban-Gärtner, Alexander Schmid, kümmert sich um Gemüsebeete auf einem Stuttgarter Parkdeck. Foto: Wolfram Kastl
+
Der hauptamtliche Urban-Gärtner, Alexander Schmid, kümmert sich um Gemüsebeete auf einem Stuttgarter Parkdeck. Foto: Wolfram Kastl

Paprika auf dem Parkdeck - Schrebergärten für alle

Auf dem Parkdeck, auf der Brachfläche, auf dem Flachdach: Auch Städter wollen in der Erde wühlen und Gurken oder Kürbisse wachsen sehen. In Stuttgart bekommen sie jetzt sogar amtliche Unterstützung.

Stuttgart (dpa) - Hier oben sollen auch mal Autos geparkt haben. Heute blühen hier Blümchen, wachsen grüne Zucchini neben rotem Paprika und philosophieren Hobbygärtner über Tipps und Tricks für Obst und Kräuter.

Licht hat's reichlich auf dem obersten Parkdeck. Wärme auch. Und die Wasserversorgung ist sichergestellt. "Ebene 0" auf dem Stuttgarter Züblin-Parkhaus nahe dem Rathaus ist ein Musterbeispiel der neuen Generation deutscher Schrebergärten: Die Stadt bietet die Fläche, Bürger säen und ernten.

Die weitaus meisten dieser Gärten gibt es zwar in Berlin, Stuttgart will das Ganze aber professioneller angehen - mit dem bundesweit ersten hauptamtlichen Koordinator für Urbanes Gärtnern. Andere Beispiele sind einer Stiftungsgemeinschaft für nachhaltige Lebensstile zumindest nicht bekannt. Bei der überregional bekanntgewordenen "Essbaren Stadt" Andernach bei Koblenz etwa kümmert sich im Unterschied zu Stuttgart ein Koordinator um die Bewirtschaftung der Flächen durch die Stadt: Die Verwaltung sät, die Bürger dürfen ernten.

Baden-Württembergs Landeshauptstadt fördert solche Gärten in Holzkisten auf Flachdächern oder auf Brachflächen mit bis zu 5000 Euro. Für Erhalt und Betrieb sind 1000 Euro jährlich drin. Der Gemüsebau kehrt quasi in die Stadt zurück, schließlich trägt das erste Wohnquartier im Stuttgarter Kessel direkt neben dem Parkhaus bis heute den Namen Bohnenviertel. Kletterbohnen zwischen den Häusern stellten hier die Versorgung in Krisenzeiten sicher. Alexander Schmid, 31 Jahre, Landschaftsarchitekt, koordiniert den Gartenbau in der Großstadt. Er vernetzt, berät, spricht Eigentümer an.

Bundesweit rund 450 Gemeinschaftsgärten hat die Münchner Stiftungsgemeinschaft Anstiftung und Ertomis in ihrer Datenbank. Sie hat sich der Erforschung nachhaltiger Lebensstile verschrieben. Allein in der "Hauptstadt des Urbanen Gärtnerns" Berlin gibt es 60 Projekte, in München knapp 50, in Bremen rund 30. Das vielleicht bekannteste Projekt sind die Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg. Jahrzehnte lag die verwahrloste Fläche brach, heute sollen da über 500 verschiedene Gemüse- und Kräutersorten stehen.

"Es geht auch um ein neues Bild von Stadt, das überall entsteht", sagt Gudrun Walesch von der Münchner Anstiftung. Ein neues Bewusstsein. "Der Grünraum gehört dazu." Mit den Urbanen Gärten entwickelten sich sowas wie öffentliche Gemeingüter "als Zeichen einer lebenswerten, lebendigen und zukunftsfähigen Stadt". Die ungewöhnliche Stuttgarter Stelle eines Koordinators für Urbanes Gärtnern sei "ein wichtiges und ein gutes Zeichen" für die Kooperation zwischen Zivilgesellschaft und Stadt.

In Stuttgart ist es nicht nur der Hipster, der eher vorübergehend ein Interesse am coolen Gärtnern entdeckt, sagt Schmid. Alt und Jung sowie interkulturell - die Mischung der Urbangärtner sei wirklich bunt. Anfragen kämen aus allen Gruppen, was ja auch so gewünscht sei. Die Älteren hätten "unheimlich viel Wissen" über Kürbisse, Tomaten oder Gurken. Auch Kindergärten und Schulen könnten mitmachen. "Ich drücke Samen in die Erde und dann wächst da was" - für manch Stadtkind sei das eine durchaus wichtige Erfahrung, sagt Schmid.

Gefördert werde, was einen gesellschaftlichen und ökologischen Mehrwert verspreche, verspricht er. Einen neuen Aspekt könnten da auch die Flüchtlinge bringen. Auch deren Wissen über Gemüse und Obst könnte gefragt sein. Der Prototyp des interkulturellen Gärtnerns entstand laut Anstiftung Mitte der 1990er Jahre in Göttingen. Anderswo gibt es Kiezgärten, Nachbarschaftsgärten, Selbsternteprojekte, Stadtteilgärten. Schmid sagt: "Wir wollen einen Rahmen schaffen, aber Spielräume erhalten."

Karte Urbane Gemeinschaftsgärten

Stadt Stuttgart: Schrebergärten für alle

Richtlinie Urbane Gärten in Stuttgart

Quadratgarten anlegen: Dieses Minibeet ist perfekt für kleine Innenhöfe. Hier wird eine Holzkiste mit 16 Bereichen von 30 mal 30 Zentimetern gebaut, die 25 bis 30 Zentimeter tief sind. Jeweils in ein Feld kommen 2 Gurkenpflanzen, 4 Salatköpfe, 9 Buschbohnen- oder 16 Radieschenpflanzen. Pflanzen, die hoch wachsen werden so gesetzt, dass sie auf niedrigere Pflanzen keinen Schatten werfen, erläutert der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Diese Fläche kann eine vierköpfige Familie mit saisonalem Gemüse versorgen.

Kompakte Pflanzen wählen: Vor allem Gemüse- und Obstpflanzen müssen im Topf mit wenig Platz klarkommen. Daher wählen Stadtgärtner möglichst kompakt wachsende Sorten aus, empfiehlt der Bundesverband Einzelhandelsgärtner. Entsprechende Sorten der Tomaten finden sich im Handel etwa als Naschtomaten. Es gibt auch Snack-Gurken sowie kleinwüchsige Apfel- und Kirschbäume. Doch: Das Gemüse im Topf muss auch so viel Raum wie möglich zum Gedeihen erhalten. 10 bis 15 Liter Erde sollte das Gefäß mindestens fassen, erklärt die Deutsche Gartenbau-Gesellschaft 1822 in Berlin.

Häufig Gießen: Im Topf speichert sich wenig Wasser. Und die Wurzeln können nicht aus den Tiefen des Bodens Wasser ziehen. Das bedeutet: Sie brauchen mehr Gießwasser vom Gärtner. Daher gilt im Stadtgarten wie auch für alle Balkonpflanzen: An heißen Tagen sollten stark eingewurzelte Pflanzen in einem kleinen Gefäß bis zu dreimal Gießwasser bekommen, frisch umgetopfte Exemplare höchstens einmal am Tag. Bei trüber Witterung reicht Nachschub alle zwei bis drei Tage, wie die Bayerische Gartenakademie erläutert.

Häufiger Düngen: Auch der Nachschub an Nährstoffen ist im Topf begrenzt. Daher sollten insbesondere wüchsige und blühende Pflanzen den Sommer über regelmäßig Dünger erhalten. Die Gartenakademie rät für sie zu einer Dosis flüssigen Mehrnährstoffdünger einmal pro Woche. Aber nur bis August - denn auch danach würde Dünger noch das Wachstum der Pflanzen anregen. Ein später Austrieb im Herbst kann sich aber nicht mehr bis zum Winterbeginn verholzen. Das hat zur Folge, dass diese Stellen empfindlicher für Frost sind. Wie viel Gemüsepflanzen gedüngt werden muss, richtet sich nach den Ansprüchen der jeweiligen Art, vor allem nach ihrem Stickstoffbedarf.

Mehr zum Thema

Fischkochbuch vom Starnberger See

Fischkochbuch vom Starnberger See

Fischkochbuch vom Starnberger See
Fischkochbuch vom Oberland

Fischkochbuch vom Oberland

Fischkochbuch vom Oberland
Krickerl-Messer aus echtem Rehgeweih - Unikat

Krickerl-Messer aus echtem Rehgeweih - Unikat

Krickerl-Messer aus echtem Rehgeweih - Unikat
Gustav Klimt: Vier Teelichtgläser mit Künstlermotiven im Set

Gustav Klimt: Vier Teelichtgläser mit Künstlermotiven im Set

Gustav Klimt: Vier Teelichtgläser mit Künstlermotiven im Set

Meistgelesene Artikel

Zu Hause arbeiten: Gewerbliche Nutzung nur mit Erlaubnis zulässig

Steuerberater, Autor oder Lehrer - viele Beschäftigte können auch zu Hause arbeiten. Das kann allerdings Ärger mit dem Vermieter geben. Denn eigentlich ist eine Wohnung …
Zu Hause arbeiten: Gewerbliche Nutzung nur mit Erlaubnis zulässig

Auch ohne Eigentümer-Beschluss: Mieter zahlt Betriebskosten

Die Betriebskostenabrechnung setzt sich aus einzelnen Posten zusammen - dazu gehören unter anderem Verwaltungsausgaben. Der Vermieter kann sie meist umlegen. Aber muss …
Auch ohne Eigentümer-Beschluss: Mieter zahlt Betriebskosten

Kampf den Pappbechern: Umweltbewusst Coffee-to-go genießen

Jede Stunde landen in Deutschland etwa 320 000 Kaffeebecher nach kurzem Gebrauch im Müll. Für Umweltschützer ist das ein vermeidbares ökologisches Desaster.
Kampf den Pappbechern: Umweltbewusst Coffee-to-go genießen

Lavendel vermehren: Reste vom Schnitt nach Blüte nutzen

Einfach Reste nutzen und den Lavendel verviefältigen. Die Sächsische Gartenakademie verrät, dass ein Zweig abgeschnitten und umgepflanzt werden kann. Der Ableger bildet …
Lavendel vermehren: Reste vom Schnitt nach Blüte nutzen

Kommentare