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„Lichtblick im Museumsalltag“: Elisabeth Hinterstocker freut sich über diesen Speicherfund: eine Gala-Sänfte.

Speicherfund im Tölzer Stadtmuseum

Der Krimi um die Sänfte der Kurfürstin

Bad Heilbrunn - Die Geschichte klingt gar zu schön: Am Speicher des Tölzer Stadtmuseums wird eine alte Galasänfte „ausgegraben“. Aufzeichnungen besagen, sie habe der Kurfürstin Henriette Adelheid gehört, die damit zur Kur in Heilbrunn getragen wurde. Na ja. Spektakulär ist der Fund trotzdem.

Bad Heilbrunn – Kurze Vorgeschichte: Die aus dem Hause Savoyen stammende Henriette Adelheid (eigentlich Adelaide) heiratete 1650 in Turin den bayerischen Thronfolger Ferdinand Maria. Um den Stellenwert zu verdeutlichen: Die für ihre Schönheit berühmte Braut war auch für den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. im Gespräch gewesen. Leider bekam Henriette Adelheid zunächst keine Kinder. Hier kommt Heilbrunn ins Spiel. 1659 ging die Kurfürstin mit großem Gefolge „zur Kur“ und suchte Heilung. Tatsächlich gebar sie zwei Jahre später den erwünschten Stammhalter Max Emanuel, den Blauen Kurfürsten. Seitdem besitzt Heilbrunn die Adelheidquelle.

Zeitsprung ins 21. Jahrhundert: Im Museum findet gerade eine Inventarisierung des riesigen Bestands statt. Die Leiterin des Tölzer Stadtmuseums, Elisabeth Hinterstocker, findet in einem Ordner ein altes Inventarblatt, in dem von einer Galasänfte die Rede ist, „in der sich die Kurfürstin Henriette Adelheid täglich zur Kur hat tragen lassen. In Westermanns Illustrierten Deutschen Monatsheften von 1907 entdeckt Hinterstocker zudem eine Beschreibung des Prunkstücks mit derselben Zuordnung. Die Suche nach dem guten Stück im nur über eine Leiter erreichbaren Dachstuhl und Depot des Museums ist schließlich von Erfolg gekrönt. Nach nicht ganz so einfachen Bergemaßnahmen steht die vergoldete, prächtig gefasste elegante, Sänfte mit gerundetem Lederdach im Bürgersaal des Museums. Eine Augenweide, auch nach weit über 300 Jahren und einer Lagerung, die mit ihren Temperaturunterschieden alles andere als optimal war. Aber auch das spricht für die erstklassige Handwerksarbeit, sagt Hinterstocker. „Das war Hofkunst.“ Bestätigt wurde ihr das Urteil vom Chefrestaurator der Landesstelle für nichtstaatliche Museen, Dr. Alexander Wießmann, der am Mittwoch den Überraschungsfund in Augenschein nahm. Sein Urteil laut Museumschefin: Ein Stück, wie er es noch nicht gesehen habe. Solche Sänften gibt es allenfalls im Marstallmuseum München oder in einem der bayerischen Schlösser.

Rauten und Rosen: Das Wappen deutet auf das Adelsgeschlecht der Törrings hin.

Aber war es wirklich die Sänfte der Kurfürstin Henriette Adelheid? Elisabeth Hinterstocker schüttelt zweifelnd den Kopf. Zwar hält sie es ohne weiteres für möglich, dass sich die Kurfürstin damals etwa vom Tölzer Schloss nach Heilbrunn tragen ließ. „Sänften waren damals schwer in Mode.“ Und das Wappen der Grafen Törring, das auf der Sänfte prangt, deutet auch auf einen Zusammenhang zum Kurfürstenhof hin. Die Törrings mit Sitz in Seefeld hatten stets hohe Ämter und waren dem Hofe „fast freundschaftlich und familiär verbunden“, wie Hinterstocker sagt.

Der Einwand kommt aus dem Haus Törring selbst. Die Museumschefin hat nach einem Internetbericht über den Fund einen Anruf von Hans Veit von Törring aus München bekommen, der glaubt, dass auf einer „Porte Chaise“ der Kurfürstin unbedingt das Wappen des Hofs prangen müsse. Die 40-jährige Kunsthistorikerin hat noch andere Ansatzpunkte für Zweifel. Schmuckwerk und Ornamentik an der Sänfte deuten für sie auf eine Entstehungszeit im späten 17. Jahrhundert hin. Die Kurfürstin war aber in den 1650er-Jahren zur Kur in Heilbrunn.

Hinterstocker hat aufgrund des noch nicht ganz enträtselten Monogramms eine Vermutung: Der Tragestuhl könnte eine Hochzeitssänfte von Adelaide Felicitä di Canossa gewesen sein. Sie war Tochter einer Hofdame und Freundin der Kurfürstin Henriette Adelheid und heiratete Maximilian Cajetan von Törring.

Und wie kam die Sänfte nach Tölz? Da gibt es viele Mutmaßungen, sagt die Museumsleiterin. Leider sei heute viel zu wenig über das herzogliche Schloss in Tölz bekannt. Vielleicht stamme die Sänfte aus dem 1770 eingestürzten Bau, der in etwa dort stand, wo sich heute das Marionettentheater befindet.

Es gab schon im 18. und 19. Jahrhundert in gut situierten Tölzer Familien Freunde und Sammler von historischen Gegenständen. Sie kauften auch Kunstgegenstände an. Hinterstocker nennt etwa den Bürgerbräu Franz Paul Mathis, der vielleicht nicht zufällig ganz in der Nachbarschaft des verfallenen Schlosses lebte. Im Tölzer Stadtmuseum finden sich viele Schätze aus diesen Sammlungen. Hinterstocker, die seit 2012 das Museum leitet, treibt nicht umsonst die Inventarisierung voran und spricht von einem außergewöhnlichen Bestand, der weit über den gewöhnlicher Heimatmuseen hinausgeht. Am Rande erwähnt: Im Museum ist auch ein Wanderstab, der laut schriftlicher Überlieferung dem Kurfürsten Ferdinand Maria gehörte. Auch lebte in Heilbrunn einst ein Lakai (Diener) des Hauses Törring, dessen Nachkommen dem Museum im 19. Jahrhundert eine Uhr stifteten. Man darf spekulieren.

Zurück zur Sänfte: Wie geht es weiter mit dem einzigartigen Objekt, dessen Geschichte für Elisabeth Hinterstocker ein wahrer „Krimi“ ist? Natürlich muss die Sänfte restauriert werden. Es geht etwa um die Festigung des Leders, die Malerei und Vergoldung. Diskutiert werden muss aber auch, wie mit den nachträglichen Veränderungen verfahren wird. Zum Beispiel die Jute-Bespannung im Inneren sowie die Holzplatten statt der eigentlich üblichen Glasfenster. Zusammen mit der Landesstelle und Restaurierungs-Experten will Hinterstocker ein Arbeitskonzept entwickeln – und eine Kostenschätzung. Dank ihrer Beziehungen hofft sie, eine private Münchner Stiftung bei der Finanzierung mit ins Boot holen zu können.

Bis dahin wird noch viel Wasser die Isar hinabfließen. Das macht Elisabeth Hiterstocker aber nicht viel aus. Sie freut sich wie ein Kind über den Speicherfund. „Das ist ein echter Lichtblick im Museumsalltag.“

Von Christoph Schnitzer

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