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Vom Acker zum Verbraucher: Stephanie Ortlieb (li.) und Ursula Fick mit einer vollen Regional-Kiste.

Serie Mahlzeit! (6)

Gesundes aus der Kiste

Bad Heilbrunn – Der Tölzer Kurier setzt sich in seiner Serie „Mahlzeit!“ mit dem Thema Ernährung auseinander und fragt: Wo kommen unsere Lebensmittel her? Wie werden sie produziert? Was wird aus den regionalen Rohstoffen? Heute werfen wir einen Blick in die Ökokiste vom Hofgut Letten. 

Ein Förderband, eine Waage, ein Computer. Katalin Szinyakovicz scannt die grüne Kunststoffkiste, um sie dem Kunden zuzuordnen. Ein Griff in die Apfelkiste, eine Hand voll Gelbe Rüben, Rote Beete, Hokkaidokürbis. Szinyakovicz ist flott, sie trifft direkt das gewünschte Gewicht.

Die Kiste rollt weiter zur zweiten Packstation. Dort kommen die leichteren Lebensmittel drauf: Minipaprika, Grünkohl, Physalis. Eine Regional-Kiste hat der Kunde bestellt. Physalis aus der Region? In der Tat, die Physalis wachsen in Niederbayern. Das Hofgut Letten ist immer um eine gute Mischung bemüht, will seinen Kunden jede Woche etwas anderes bieten: Hauptsache bio, so saisonal und regional wie möglich.

Start nach Tschernobyl

Die Ökokiste vom Hofgut Letten wird heuer 20 Jahre alt. Michael Holzmann hat sie 1996 mit seinem Vater in Bad Heilbrunn eingeführt. „Wir haben nach einem Weg der Vermarktung gesucht“, sagt der 44-Jährige. Die Familie hatte die Gärtnerei in Bad Heilbrunn und fragte sich nach der Explosion in Tschernobyl, was bei einem Katastrophenfall in Deutschland wäre. „Dann wären wir Gärtner, könnten aber kein Gemüse anbauen“, sagt Holzmann. Außerdem habe sein Vater mit den gesundheitlichen Folgen der Arbeit in einem konventionellen Gartenbaubetrieb zu kämpfen gehabt. „Er hat 15 Stunden am Tag gespritzt und davon viele Allergien bekommen.“

Als sich dann die Gelegenheit bot, Flächen in Letten zu pachten, begannen die Holzmanns mit dem Bio-Anbau in Bad Heilbrunn. „Der Standort ist allerdings klimatisch benachteiligt – schwieriger Boden und hohe Niederschläge.“ Die Holzmanns wollten das ausgleichen, indem die Ware direkt vom Produzenten zum Konsumenten gebracht wird, so ein System gab es schon in Hemhofen bei Erlangen. Mutter Elisabeth Holzmann packte also die Abokisten, Sohn Michael half nach der Gartenarbeit. „Nach zehn Monaten war klar, dass wir das Arbeitspensum nicht schaffen“, sagt Holzmann. Die Ökokiste Hofgut Letten wurde eine eigene GmbH.

Der einst kleine Betrieb beliefert inzwischen 2500 Kunden pro Woche und ist damit einer der größten in Deutschland. Per Telefon oder Fax wie zu Gründungszeiten bestellen heute die wenigsten. „Unser Internetshop wird am häufigsten genutzt“, sagt Betriebsleiterin Stephanie Ortlieb. Sie führt mit ihrer Kollegin Ursula Fick durch den Umschlagplatz der Ökokiste. Mitten in den Lettener Feldern steht das Hofgut, hier wird Ware geliefert, gelagert, verpackt und in die Transporter zur Auslieferung geladen.

Schreckgespenster gibt es nicht mehr

Die Kunden können im Internetshop aus 15 Kisten wählen – von Schon- über Rohkost bis zur Smoothiekiste – oder sich selbst Produkte zusammenstellen. „Die Obst- und Gemüsekiste ist am gängigsten, sie gibt einen guten Überblick über unser Sortiment“, sagt Ortlieb. Früher konnten Kunden sogenannte Schreckgespenster angeben. Der Fahrer hat dann auf der Kundenliste gesehen, derjenige mag keinen Fenchel, und hat ihn im Auto gegen ein anderes Produkt ausgetauscht. Die Schreckgespenster gibt es heute nicht mehr. Jeder Kunde sieht im Internet, was diese Woche in seiner Kiste ist und kann das beliebig ändern.

Deswegen steckt eine komplizierte Logistik hinter der Ökokiste. Nur noch ein Teil der Ware kommt von den Feldern in der Nachbarschaft. Im Kühlraum stehen zum Beispiel auch Kiwis. Die sind zwar bio, kommen aber aus Argentinien. „Da gibt es Nachfrage. Manche Kunden wollen das ganze Jahr Ananas, Bananen oder Zitrusfrüchte“, sagt Ortlieb. Und wie das so ist: Bekommt der Kunde das nicht vom Hofgut Letten, geht er eben woanders hin.

Deswegen kann man im Onlineshop alles in seine Ökokiste packen. Das Warenlager gleicht einem gut sortierten Biomarkt. Es gibt einen Käseraum, andere Milchprodukte, Wurst und Fleisch, sogar Wein, Schokolade und Kosmetik.

Aber zurück zur Regional-Kiste, die Katalin Szinyakovicz gerade gepackt hat. Was in jeder Woche in die Abobestellungen kommt, entscheidet das Tagwerk in Riem, ein Partnerbetrieb der Heilbrunner Ökokiste. „So können wir größere Mengen zu einem besseren Preis einkaufen“, sagt Ursula Fick. Die Rote Beete kommt vom Biohof Fuchs in Schrobenhausen, die Äpfel vom Demeter-Betrieb Schlachtenberger am Bodensee, die Gelben Rüben aus Dachau.

Den kürzesten Anfahrtsweg hatte der Grünkohl, der Radicchio und der Kürbis. Das Gemüse kommt frisch vom Feld am Hofgut Letten. Hier zieht Johannes Heubach gerade ein paar andere Radicchio-Blätter auseinander. „Die sind noch zu luftig“, sagt der Gärtner. Sie werden es wohl erst in ein paar Tagen in die Ökokiste schaffen.

Qualitätskontrolle: Johannes Heubach auf dem Feld.

Die Biolandgärtnerei Holzmann ist der Hauptlieferant der Ökokiste für Salat. Die Blattgewächse stehen in Reih und Glied auf länglichen Erdhaufen – das Dammkultursystem, wie Michael Holzmann erklärt. Er hat extra einen Bodenpraktikerkurs gemacht, um das Beste aus den Heilbrunner Bedingungen zu machen. „Es ist eben ein Letten, wir haben 30 Zentimeter Tonschicht“, sagt er. Das allein ist schon schwierig, in Kombination mit dem vielen Regen aber noch schwieriger. Die Lösung: Mit einem Gerät wird das Beet zu Damm-Reihen angehäuft und darauf die Pflanzen gesetzt. „So kann das Wasser vom Damm runterlaufen.“

Für die Tomaten, Kräuter und Asia-Salate wäre es auf dem Feld allerdings zu kalt. Sie reifen in den Gewächshäusern neben dem Hofgut. Der Feldsalat, den Heubach hier ausgesät hat, soll im Frühjahr in die Ökokisten kommen. Zwischen zwei und sieben Gärtner kümmern sich je nach Jahreszeit um die Pflanzen.

Keine Gentechnik und nicht gespritzt

Ob der Postelein, auch gewöhnliches Tellerkraut genannt, der im Gewächshaus nebenan heranwächst, nun bio oder konventionell ist, ist ihm nicht direkt anzusehen. Bio heißt laut EG-Öko-Verordnung zunächst einmal, dass Pflanzen nicht gentechnisch verändert oder gespritzt werden dürfen. Für die Menschen, die am Hofgut Letten arbeiten, steckt aber mehr dahinter. „Bio ist so etwas wie eine Lebenseinstellung“, sagt Ortlieb.

Für die Ökokiste wird Verbandsware, etwa Demeter oder Naturland, bevorzugt. Da sind die Kriterien strenger als die EG-Ökoverordnung. Außerdem wird alles in Pfandkisten verpackt, um Müll zu sparen. Bisher wird noch eine Folie eingelegt, die soll aber demnächst einer Papiereinlage weichen. „Das Bewusstsein für gesunde Ernährung ist mittlerweile bei fast allen Thema“, sagt Fick.

Kunden sehen, wo die Produkte herkommen

Wobei viele auch den Bezug zur Landwirtschaft verloren haben. Holzmann: „Für viele steht der Servicegedanke im Vordergrund, dabei kann man bei uns sehen, wo die Produkte herkommen.“ Das hält auch Heubach für entscheidend, denn das merke man beim Essen. „Produkte, die maschinell hergestellt, verpackt und weit transportiert werden, machen was im Menschen. Hier ist Ruhe dabei“, sagt er. Man spüre an der Ware, wie mit ihr umgegangen werde.

Für Holzmann ist Nachhaltigkeit aber auch ein Thema, das ihn umtreibt. „Wir profitieren jetzt von der biologischen Wirtschaftsweise, die wir hier über 25 Jahre betreiben“, sagt er mit Blick auf die Felder. Die werden dadurch immer trockener. „Dadurch nimmt der Zugkraftbedarf bei der Bodenbearbeitung ab. Wir brauchen weniger Diesel.“ An den Feld-Grenzen hat Holzmann außerdem fingerdicke Pappeln gepflanzt, die inzwischen als hochgewachsene Bäume für die Hackschnitzelheizung der Gewächshäuser verwendet werden. Die Wurzeln bleiben im Boden, wo sie Humus aufbauen. „Das bindet CO2“, erklärt Holzmann. Im besten Gewächshaus habe er inzwischen 14 Prozent Humus im Boden, angefangen hat er auf dem ehemaligen Maisacker mit zwei Prozent. Da könne Holzmann fast aufs Düngen verzichten.

Natürlich gibt es am Hofgut Letten auch Blühstreifen und gemäht wird nur, wenn keine Bienen fliegen. „Wir sind noch nicht am Optimum, aber ganz gut dabei“, sagt der Gärtner und geht zurück an die Arbeit, damit nächste Woche wieder frisches Gemüse in die Ökokiste gepackt werden kann.

Bilder: Vom Acker in die Kiste

Teil 1: "Akkordarbeit fürs Osterei" - So geht es im Hühnerstall bei Familie Häsch in Dietramszell zu

Teil 2: "Hier gibt’s (nicht) viel zu meckern" - Ein Besuch bei Familie Filgertshofer in Winkl: So wird Ziegenkäse gemacht

Teil 3:"Aus Korn wird Brot"- Quer durchs Oberland auf den Spuren des Grundnahrungsmittels

Teil 4: 

Viel Milch für wenig Geld

Teil 5: Flüssiges Gold - So wird in Wackersberg Honig gemacht

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