+
Keine Chance zum Entkommen: Hans Ertl (li.) und Markus Landthaler demonstrieren die Wirkungsweise einer alten Schließkette. Die beiden Lenggrieser Polizisten haben in der Tölzer Inspektion ein Polizeimuseum zusammengetragen.

Superraritäten und spannende Geschichten

Isarwinkler Kriminalgeschichte im Museum

Bad Tölz/Lenggries - Gäbe es ein Guinness-Buch der Landkreis-Weltrekorde, wäre es bestimmt aufgeführt: Als das kleinste Museum der Tölzer Polizei, das von zwei Lenggrieser Beamten aufgebaut worden ist. Die Ausstellungsstücke erzählen faszinierende Geschichten von der Polizeiarbeit in früherer Zeit.

Für den inzwischen pensionierten Polizeihauptkommissar Hans Ertl (64) und seinen aktiven Berufskollegen Markus Landthaler (46) war der Umzug der Inspektion von der Bahnhofstraße im August 2004 in die frühere Kaserne der Anlass, genauer hinzuschauen, was die alte Dienststelle aus dem Jahr 1929 für Schätze barg. Auch das damals gerade neu erschienene Buch „Mordsgeschichten aus Bad Tölz und dem Isarwinkel“ habe, sagt Ertl, einen Anstoß gegeben, sich mit der Polizeiarbeit in vergangenen Zeiten zu befassen. „Außerdem waren unglaublich viele Sachen da.“ Auf dieser Sammlung musste man nur aufbauen. Das geschieht – mit Förderung oder zumindest Billigung der bisherigen Chefs – im Obergeschoß der heutigen Polizeiinspektion.

Wer in den aus Datenschutzgründen nicht frei zugänglichen Dokumenten blättert, findet etwa polizeiliche Charakterisierungen der Bevölkerung von 1885, wonach der Isarwinkler „dem Trunke ergeben ist“ und zum „Wildern“ neigt. Oder so amüsante Anweisungen wie jene an den Gaißacher Gendarmen, dass er auf dem täglichen Streifengang, bei dem er ausgewählte Höfe mit gutem Leumund aufzusuchen hatte, einen bestimmten Gaißacher Bauern künftig meiden solle. Der sei nämlich Wilderer und gebe den Polizisten Spitznamen.

Sehr viel ernsteren Inhalts ist die Chronik des Tölzer Gendarmen Hans Schilling, der das Kriegsende und die „gesetzlose“ Zeit nach Mai 1945 sorgfältig beobachtete und beschrieb. Eine wichtige Quelle heute. Eines der Highlights der Sammlung sind die Karikaturen eines Lenggrieser Polizisten, der kuriose Fälle im Isarwinkel mit flottem Strich und begabter Hand zeichnerisch protokollierte. Im Treppenaufgang der heutigen Polizeiinspektion ist endlich auch Platz für eine würdige Erinnerung an einen der couragiertesten Polizisten der Vergangenheit aus dem Landkreis: Paul Mayer verbarg im Krieg in der Lenggrieser Polizeistation eine Jüdin vor der Deportation. Mayer und seine Frau Rosa wurden dafür 1969 vom Staat Israel zu „Gerechten unter den Völkern“ ernannt.

Wer die Treppenstufen in den ersten Stock hinauf steigt, der erkennt gleich, wo das Herzblut von Hans Ertl und Markus Landthaler wirklich steckt: Die zwei Polizisten sind nämlich nicht nur Jäger (alles Bösen), sondern vor allem Sammler. Wenn es um Uniformen, Kopfbedeckungen, Waffen, Abzeichen, Auszeichnungen und historische Fotos geht, macht den beiden Lenggriesern keiner was vor. Dank Pensionisten und Familien ehemaliger Kollegen haben die beiden eine einmalige Sammlung von Originalstücken zusammengetragen.

Im Tölzer Polizeimuseum sind „Superraritäten“ wie das Bergführerabzeichen der Landpolizei von 1947 oder das Edelweiß-Abzeichen vor 1945 zu finden. Da haben selbst die Experten im Armeemuseum Ingolstadt große Augen bekommen, erzählt Landthaler stolz. Es sind nur Einzelstücke bekannt.

Die beiden Polizisten haben sich beim Sammeln viel Spezialwissen angeeignet. Ausfluss daraus ist etwa eine Dokumentation, die Landthaler über die Alpinausbildung der Bayerischen Polizei verfasst hat. Ertl befasste sich in zwei Abhandlungen mit der überraschend vielfältigen Edelweiß-Tradition in der Polizei.

Zu vielen Schaustücken wissen die beiden Beamten beim Gang durchs „Museum“ die Geschichten hinter der Geschichte zu erzählen. Hans Ertl deutet auf eine Pickelhaube vom Lenggrieser Stationskommandanten Franz Fuchs: „Der Mann hat drei Mordfälle erlebt.“ Darunter eine heimtückische und Aufsehen erregende Tat in einem Lenggrieser Ortsteil der 1920er-Jahre. Der Täter, ein davor ehrengeachteter Mann, war – abgesehen von der NS-Zeit – einer der letzten Isarwinkler, die in Stadelheim hingerichtet wurden.

Landthaler weist auf eine andere Pickelhaube von 1886, die in einer Faschingskiste die Zeiten überlebte. Der silberne Beschlag sagt dem Experten, dass es sich um die Kopfbedeckung eines kommunalen Gemeindedieners handelte. Gold am Kopf trug nur der Gendarm.

Die Museumsstücke stammen auch aus jüngerer Zeit. Zum Beispiel die ziemlich coolen Lederjacken der Münchner Stadtpolizei aus den 1960er-Jahren. Sie seien heute noch begehrt bei jüngeren Kollegen, erzählt Ertl. Für die Praxis taugten die Lederjacken der berühmten Funkstreife aber nicht so viel, sagt Ertl mit der Erfahrung von über 40 Jahren Polizeidienst: „Da wird’s im Winter ziemlich kalt. Die sind viel zu kurz.“

Während Ertl die Lederuniformen zeigt, kramt Landthaler im Archiv die frühen Alkotests der Polizei hervor. Die Glasampullen mussten erst angesägt und die Spitze abgebrochen werden, bevor der Delinquent ein Granulat anhauchen konnte. „Das hat schon funktioniert“, sagt Landthaler grinsend, „aber die 0,8-Promille-Grenze hast du natürlich nicht exakt ablesen können.“

In einer Vitrine am Gang vor dem Archiv sind neben Abzeichen, Fotos und Waffen auch die früher üblichen Schließketten ausgestellt, die heutzutage durch Handschellen oder Kabelbinder ersetzt werden. „Die hat man“, erzählt Ertl und demonstriert geschickt die Wirkungsweise am lebenden Objekt (Markus Landthaler), „für Hände und Füße hernehmen können. Die waren auch sehr praktisch, um beispielsweise an einem Einbruchstatort provisorisch etwas abzusperren.“

Als Ertl den gefesselten Landthaler wieder erlöst, fällt dem dazu die amüsante Geschichte eines Kollegen ein, der sich bei einem langweiligen Nachtdienst mit einem Paar alter Handschellen fesselte, ohne den Schlüssel zu besitzen. „Es musste glatt aufgesägt werden.“

Infos zur Ausstellung: Kann man das Tölzer Polizeimuseum auch als Normalbürger besuchen? „Ja“, sagen die beiden Ausstellungsmacher. Nötig ist Geduld und vorherige Terminvereinbarung per E-Mail an: markus.landthaler@polizei.bayern.de (derzeit noch in Urlaub) sowie an die Adresse pp-obs.bad-toelz.pi@polizei.bayern.de oder Telefon 08041/761060.

Christoph Schnitzer

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Dienstagabend

Tipps gegen Langeweile: Das ist los am Dienstagabend

Tölzer Taubenloch: Nicht die erste Sauerei

Bad Tölz - Ein ordentliches Gelage gab es in der Nacht zum Sonntag auf dem Spielplatz im Tölzer Taubenloch. Zurück blieben jede Menge Müll und ein Sachschaden in Höhe …
Tölzer Taubenloch: Nicht die erste Sauerei

Kommentare