Frauenärzte dringend gesucht

Klinik kämpft um Erhalt der Geburtshilfe

Bad Tölz – „Stirbt der gebürtige Tölzer – also der, der Bad Tölz als Geburtsort im Personalausweis stehen hat – bald aus?“ Diese zugespitzte Frage stellte SPD-Stadtrat Jürgen Renner am Mittwoch an den Anfang eines Infoabends zur Zukunft der Geburtshilfe an der Asklepios-Stadtklinik.

Wie berichtet, hat das Krankenhaus mit einem akuten Mangel an Frauenärzten zu kämpfen, die hier noch Geburten betreuen wollen und können. Damit vor Ort weiter Kinder zur Welt kommen können, wolle sein Haus jetzt eine eigene kleine Hauptabteilung für Geburtshilfe aufbauen, kündigte Geschäftsführer Joachim Ramming an. Dazu würden nun dringend ein Chefarzt und mehrere Fachärzte gesucht.

Zu dem Abend im „Kolberbräu“ hatte der SPD-Ortsverein unter dem Label „Politischer Aschermittwoch“ eingeladen. Weil es hier aber um keinen krachenden politischen Schlagabtausch, sondern nur um sachliche Infos ging, hatte Ortsvorsitzende Camilla Plöckl in dem Zugunglück von Bad Aibling keine Veranlassung gesehen, die Veranstaltung abzusagen. Der Meridian-Unfall mit zehn Toten steckte auch Hauptreferent Ramming „in den Knochen“, wie er sagte, wohnt er doch selbst in Bad Aibling.

Sorgen ganz anderer Art macht ihm seit seinem Dienstantritt im Sommer vergangenen Jahres die Zukunft der Geburtshilfe an der Stadtklinik. Die ist in Bad Tölz seit vielen Jahren eine Belegabteilung: Das bedeutet, dass – neben der Arbeit von neun Hebammen – niedergelassene Tölzer Gynäkologen den ärztlichen Part übernehmen. Sie haben je ihre eigene Praxis und sind zudem rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche in Bereitschaft, um an der Klinik Geburten zu betreuen. Diese Aufgaben füllten lange Zeit drei Frauenärzte aus – bis vergangenes Jahr überraschend Dr. Bernhard Schwaiger starb. Kaum war für ihn Dr. Florina Rummel als Ersatz gefunden, sprang Dr. Wolfgang Oettle ab, der seinen Belegarzt-Vertrag Ende 2015 nicht mehr verlängerte. Jetzt sind es wieder nur zwei Belegärzte: Rummel und Dr. Stephan Krone. Die Arbeitsbelastung bei zuletzt 549 Geburten im Jahr 2015 ist enorm und auf Dauer nicht tragbar.

„Vom ersten Tag, an dem ich erfuhr, dass Dr. Oettle seinen Vertrag nicht verlängert, habe ich gesagt, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um die Geburtshilfe zu erhalten“, erklärte Ramming. Zunächst habe er versucht, möglichst zwei zusätzliche Belegärzte zu gewinnen. „Wir haben im Umkreis von 50 Kilometern jeden Facharzt angeschrieben“, berichtete er. „Zusätzlich haben wir Personalagenturen auf die Suche geschickt und Ausschreibungen in Ärztezeitungen geschaltet. Eingegangen ist genau eine einzige Bewerbung – von einem 62-jährigen Arzt aus der Nähe von Hamburg. Das ist aber auch keine langfristige Lösung.“

Eines der großen Probleme sei die Versicherungsprämie. Um sich gegen finanzielle Ansprüche nach ärztlichen Fehlern bei Geburten abzusichern, müssten die Mediziner 52 000 Euro im Jahr zahlen. Viel Geld, auch wenn die Klinik dabei helfe.

Nun müsse man „der Realität ins Auge blicken“, so Ramming, und sich auf das Ziel konzentrieren, eine kleine Hauptabteilung aufzubauen. Das würde bedeuten, dass die Klinik selbst einen Chefarzt und weitere Fachärzte anstellt. Diese könnten in Bad Tölz dann auch ein breiteres Spektrum gynäkologischer Operationen anbieten, erklärte der Geschäftsführer. Auch das ist freilich kein leichtes Unterfangen. „In Deutschland sind 80 gynäkologische Facharzt-Stellen unbesetzt, unsere ist dann die 81.“, räumte Ramming ein. „Aber es gibt Interessenten, und wir führen schon die ersten Vorstellungsgespräche. Wir sind optimistisch, dass wir eine Lösung finden.“

Landrat Josef Niedermaier, der als Gast an der Veranstaltung teilnahm, machte auf die problematischen Rahmenbedingungen aufmerksam. „Eine neue Hauptabteilung aufzubauen, ist unter den Gegebenheiten im Gesundheitssystem schwierig“, sagte er. Nicht leichter werde die Lage dadurch, dass schon jetzt viele Eltern für die Geburt ihres Kindes nicht die Krankenhäuser in Bad Tölz und Wolfratshausen auswählten, sondern Starnberg oder Agatharied vorzögen, wo es im Haus auch eine Kinderklinik gibt. „Außerdem gibt es weiterhin einen Trend zur alternativen Geburtshilfe außerhalb von Krankenhäusern.“ Pro Jahr würden etwa 1350 neue Landkreis-Bürger geboren, so Niedermaier. Aber nur 750 davon kämen in den Kliniken Bad Tölz und Wolfratshausen zur Welt – obwohl in diesen Krankenhäusern für jede „normale Geburt“ ebenfalls eine tadellose Versorgung gewährleistet und für den Notfall alles bestens geregelt sei. Damit habe sich ein Teil des „Schreckensszenarios“ des Verschwindens der Geburtshilfe vor Ort schon erfüllt.

Andreas Steppan

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