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Über den Dächern des Badeteils trafen sich zuletzt die Teilnehmer des Integrationskurses von Annette Schörner (hinten rechts). Entweder sie oder Dozent Alexander Bronisch geben Deutsch-Unterricht. Das BAMF hält den Seminarraum jedoch für ungeeignet.

"Haus am Park"

Kurs nehmen aufs Ziel Integration

Bad Tölz - Geflüchteten Menschen den Einstieg in die deutsche Gesellschaft und die Arbeitswelt erleichtern: Dieses Ziel verfolgt der Bund mit der Finanzierung von Integrationskursen. Teilnehmer aus dem südlichen Landkreis erhalten ihren Unterricht unter anderem über den Dächern des Tölzer Badeteils. Doch das darf nicht mehr lange so bleiben.

Das Wort „Donaudampfschifffahrtskapitän“ steht an der Tafel – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, welche Wortungetüme die deutsche Sprache hervorbringen kann. Doch nun wechselt Lehrer Alexander Bronisch das Thema. Heute geht es darum, „worüber deutsche Paare sich streiten“. Mit der Sprachlektion bringt der Dozent gleich elegant die Botschaft an die Frau und vor allem den Mann, dass die Aufgaben im Haushalt geteilt werden sollten.

Etwa 15 Frauen und Männer sind an diesem Vormittag im „Haus am Park“ motiviert bei der Sache. Sie stammen aus Eritrea, Syrien, dem Irak, der Türkei, Thailand und Afghanistan. Jetzt leben sie in Bad Tölz, Gaißach, Lenggries, Kochel und Bichl. Im Café im siebten Stock, über den Dächern des Tölzer Badeteils, findet ihr Integrationskurs statt.

Mit den Integrationskursen will die Bundesregierung die Integration von Geflüchteten vorantreiben. Kürzlich zogen Innenminister Lothar de Maizière und Sozialministerin Andrea Nahles eine positive Bilanz: Heuer hätten bereits 196 000 Personen an den Kursen teilgenommen – mehr als im gesamten Vorjahr.

Einer der Träger, die Integrationskurse im südlichen Landkreis anbieten, besteht aus einer Einzelperson: Annette Schörner, 49 Jahre alt, wohnhaft in Lenggries. Ein ungewöhnlicher Lebenslauf hat sie bis zu dieser Aufgabe geführt: Eigentlich ist sie Gartenbauingenieurin, blickt aber auch auf „ein halbes Übersetzerstudium“ zurück, wie sie sagt. Zwölf Jahre lebte sie in Japan, war dort zunächst in der Forschung tätig und „rutschte dann in den Sprachbereich hinein“, sagt sie. Mittlerweile verfüge sie über 25 Jahre Erfahrung im Deutsch-Unterricht.

Über die Integrationskurse sagt sie: „Das ist nicht einfach irgendein Job.“ Die Kurse seien ein Beitrag, „dass die Menschen sich besser in Deutschland zurechtfinden“. An den Teilnehmern „herumzuerziehen“, sieht Schörner dagegen nicht als ihre Aufgabe an. „Es sind erwachsene Menschen“, sagt sie. „Es ist wichtig, alle zu akzeptieren und zu respektieren.“ Dass sie hier mit gewissen Verhaltensweisen – etwa Unpünktlichkeit – anecken, sei freilich im Kursalltag von ganz allein als Thema präsent.

„Spannend und sinnvoll“ findet auch Bronisch die Tätigkeit. Er ist Inhaber eines Verlags in Warngau und bietet freiberuflich redaktionelle Dienstleistungen an. An zwei Vormittagen pro Woche unterrichtet er nun im Integrationskurs. Annette Schörner würde gern noch mehr Lehrer beschäftigen. Doch die sind nicht so leicht zu finden. „Sie brauchen eine Anerkennung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“, erklärt sie. Die bekomme man, wenn man Deutsch als Fremdsprache studiert habe oder entsprechende Fortbildungen nachweise. Aktuell unterrichtet Schörner großteils selbst, in zwei, manchmal auch drei parallel laufenden Kursen.

Auch sonst hat Schörner Erfahrungen mit praktischen Fallstricken gemacht. Ein akutes Problem ist die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten. Eine Zeit lang fand der Unterricht im Kolpinghaus an der Marktstraße statt. Nachdem der dortige Mietvertrag ausgelaufen war, zog der Kurs ins BRK-Seniorenheim „Haus am Park“ um. Vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bekam Schörner jetzt aber die Mitteilung: „Das entspricht nicht unseren Vorstellungen von einem Schulungsraum.“ Notgedrungen ist Schörner nun auf der Suche nach einem neuen Objekt. Die nächsten Stunden werden im Schulungsraum des TÜV stattfinden oder im Pater-Rupert-Mayer-Heim. Schörner hat gelernt zu improvisieren. „Wenn es ganz eng wird, machen wir eine Exkursion.“

Ausflüge stehen nämlich auch auf dem Lehrplan, den das BAMF vorgibt. „Das Programm ist straff“, sagt Bronisch. Umso ungünstiger ist es dann, wenn Schüler gezwungen werden, einen Unterrichtstag zu versäumen. „Vor Kurzem hatte eine Teilnehmerin ein Schreiben vom Jobcenter dabei: Sie musste für einen Tag zu einer Typ- und Farbberatung und konnte deshalb nicht am Kurs teilnehmen“, berichtet Schörner. „Da frage ich mich schon, warum das in der Unterrichtszeit sein muss.“

Auf der anderen Seite bekommen die Lehrer auch die Schwierigkeiten der Geflüchteten mit. Neben bürokratischen Anforderungen steht hier die Wohnungssuche ganz oben auf der Liste. „Ich liebe Bad Tölz und möchte hier bleiben“, sagt ein junger Eritreer aus dem Kurs. „Die Menschen hier sind sehr freundlich.“ Aber eine Wohnung zu finden, das sei „ganz schwierig“. Ein Syrer berichtet, nach sieben Monaten Bemühungen habe er endlich eine Wohnung in Lenggries gefunden. „Auch Deutsche haben das Problem, dass sie lange suchen müssen“, meint er. Er macht sich um seine berufliche Zukunft Gedanken. „Ich war in Syrien Orthopädietechniker“, sagt er. „Aber hier in Deutschland ist das System ganz anders.“

Ein anderer Kursteilnehmer hat eine Perspektive. „Ein Schreiner hat mir gesagt, dass ich nächstes Jahr bei ihm anfangen kann“, sagt er stolz. Ohne den Integrationskurs, meint Annette Schörner, hätten es die Geflüchteten schwer, eine Arbeit zu finden. Auf die Zeit nach der Abschlussprüfung setzen alle ihre große Hoffnung.

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