Slacklining

„Das ist meine Art der Meditation“

Bad Tölz - „Seid Ihr beim Zirkus?“ Wer sie nicht kennt, nimmt Slackliner schon mal als Drahtseilartisten wahr. Zwei Tölzer erzählen vom Reiz ihres Sports – und wie sie auf einem 650 Meter langen Band den Sylvensteinsee überquerten.

Matthias Brunner und Dorian von Kölln sagen „Park“ zum Isarufer nahe der Tölzer Altstadt. Nicht selbstverständlich: Picknicken, Kicken und Faullenzen war hier nicht immer möglich. Erst seit wenigen Jahren wird die Grünfläche zwischen den Bäumen genutzt wie ein echter Park. Und die beiden jungen Tölzer haben ihren Anteil daran.

Brunner erzählt, dass hier alles angefangen hat: „Geiler Park, geile Bäume“, findet der 20-Jährige. Dieses Mal haben er und Kumpel von Kölln (22) vier Slacklines dabei, zwei hohe, zwei niedrigere. „Wir spannen immer auch einfache Lines, damit das jeder mal ausprobieren kann“, sagt Brunner, während er im Muskelshirt und mit Sonnenhut im Gras sitzt. Dann ruft eine Frau von der Seite: „Wann geht ihr wieder hoch“? Dass man angesprochen werde, sei normal, berichtet von Kölln. Aus der Ferne vermuten die Menschen schon mal ein Stromkabel – oder ein Drahtseil. „Viele fragen uns, ob wir für den Zirkus üben“, sagt Brunner. Verständlich, nicht nur weil von Kölln sich gerne auf der Slackline dreht oder auf ihr herumspringt: Die beiden jungen Männer und ihr dritter „Highliner“ Simon Müller aus Lenggries überqueren hunderte Meter hohe Gebirgsschluchten und Wasserfälle. Im Gegensatz zum Zirkusartisten sind sie aber mit einem Gurt am Seil gesichert.

Von Kölln erzählt, dass er „aus dem Klettern kommt“ – genauso wie sein Szenesport: Den gibt es nur, weil ein paar Kletterer in den 80er-Jahren im kalifornischen Yosemite-Nationalpark die Idee hatten, ihre Ausrüstung zum Balancieren zu nutzen. Heute ist Slacklining ein Sport im Aufwind, den aber immer noch wenige betreiben. „Das ist das Schöne“, sagt Brunner. „Es ist wie eine große Familie.“

Seine Freunde spannten zuletzt eine Line quer über den Sylvensteinsee. 650 Meter lang. Mit dem Boot transportierten sie ein leichtes Führungsseil zum anderen Ufer, um die Slackline daran rüberzuziehen. Ein Aufwand von sechs Stunden – ohne das Abbauen hinterher. Das Befestigen ist nichts für Anfänger: Wie beim Klettern werden bei derartigen Großprojekten Löcher in Felswände gebohrt.

Als „Projekt“ sehen die Slacker jede Line. „Man versucht es so oft, bis man am anderen Ende angekommen ist“, sagt Brunner.

Gerade in der amerikanischen Szene werden derzeit wöchentlich neue Rekorde aufgestellt. Doch der Wettbewerbsgedanke ist für Brunner weit weg: „Die Line bringt dir eine gerade Körperhaltung bei. Das ist meine Art der Meditation.“ Während er bedächtig Schritt für Schritt macht, übt von Kölln den nächsten Trick. „Jeder bringt eben seinen eigenen Style mit“, sagt Brunner. Die ganze Muskulatur – besonders in den Armen – wird beim Slacklinen beansprucht. „Der Rumpf ist das A und O“, sagt von Kölln. „Aber vor allem ist es eine Ausdauerfrage und Kopfsache.“

Ein paar Sprünge, Salti und Surfeinlagen sind ganz nett, doch die Isarwinkler reizt das wirklich Spektakuläre. Zum Beispiel eine Schlucht in U-Form am Plankenstein (zwischen Wallberg und Risserkogel). „Bayerisches Geheimnis“ tauften sie die Highline, auf der sie 35 Meter über dem Boden liefen. Ein Stück weiter geht es sogar 300 Meter in die Tiefe.

Die meisten spannenden Stellen für die Tölzer Slacker sind kein Geheimnis, sondern in privatem oder kommunalem Besitz. Manchmal gibt es Probleme mit Genehmigungen. „Viele Leute wissen nicht, was wir da tun und denken, es ist gefährlich“, so Brunner. „Dabei machen wird ja nichts kaputt.“ Für den Tölzer Park stimmt das auf jeden Fall: Jeder Baumstamm, an dem sie eine Line befestigen, bekommt ein schützendes Band.

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