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Ein darstellerischer Höhepunkt im neuen Stück der Komischen Gesellschaft ist der Auftritt von Christian Stadelbacher als Prometheus an der Seite von Verena Peck in der Hauptrolle der „Schauspielerin“.

Premiere der Komischen Gesellschaft

Die Unsterblichkeit der Seegurke

Bad Tölz – Komplex, vielschichtig, abstrakt – und gleichzeitig humorvoll und unterhaltsam: Diese vermeintlichen Gegensätze vereint das Stück „Der große Marsch“, mit dem die Komische Gesellschaft (KG) am Freitagabend in der Alten Madlschule Premiere feierte.

Die Zuschauer im voll besetzten Haus wirkten beim begeisterten Schlussapplaus weniger verstört – wie so oft im modernen Theater – als vielmehr angenehm verwirrt und zum Nachdenken angeregt.

Worum es geht, und was das alles zu bedeuten hat? Diese Frage muss jeder Zuschauer für sich selbst beantworten. Im Kern könnte es um Freiheit gehen, um Widerstand gegen alles Festgefahrene und gegen unumstößliche Autoritäten, zu denen auch das Theater selbst gehört. Doch es ist typisch für das Stück des preisgekrönten jungen Hamburger Autors Wolfram Lotz, dass ein mögliches Motto am Ende verballhornt wird zu: „Wir sind Brei“ statt „Wir sind frei“.

In einer Art Nummernrevue treten verschiedene Talkshow-Gäste auf. Fast sketch-artig stehen so in Serie großteils reale beziehungsweise historische Figuren auf der Bühne, wie der einstige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt oder etwa Lewis Payne, der als Mitverschwörer in das Attentat auf Abraham Lincoln verwickelt war. Einzige Konstante ist die Figur der Schauspielerin, die zumeist mit borniertem Unverständnis an den Anliegen ihrer Gesprächspartner vorbeimoderiert. Der KG-Vorsitzenden Verena Peck kommt mit dieser Rolle die Aufgabe zu, alle losen Fäden des Stücks zusammenzuhalten – und sie hat mit Bühnen-Strahlkraft, Witz und anhaltender Spannung im Spiel eindeutig das Zeug dazu.

Im ersten Teil scheint es sich um eine selbstironische Reflexion rund ums Theater selbst zu handeln, ein Spiel um Fiktion und Realität – etwa wenn der Autor Wolfram Lotz, dargestellt von Stephan Konrad, höchstpersönlich auftritt und mit der Schauspielerin über die Ausrichtung seines Dramas diskutiert – und darüber dass er ja auch diesen Dialog verfasst hat.

Solche postmodernen Scherze sind in der Inszenierung von Ulla Haehn doppelt gebrochen. Man kann sie ihrerseits als Persiflage auf die ironische Haltung des modernen Theaters verstehen. Dessen Bemühungen um politische Relevanz und das Hereinholen von „Wirklichkeit“ (in Gestalt einer Schar von „Hartz-IV-Empfängern“ in Jogginghosen) werden ebenfalls aufs Korn genommen.

Bei seinem inneren Kern kommt das Stück nach der Pause an. Die Dialoge gewinnen an Tiefgang, und das Spiel der KG-Akteure wird intensiver. Eine Schlüsselszene ist der neckische Auftritt von Majid Mehro als Anarchist Bakunin, der sich mit der Behauptung, 1981 in Davos geboren und 1543 gestorben zu sein, gegen das Diktat von Logik und Geschichtsschreibung auflehnt. Zum schauspielerischen Höhepunkt gelangt der Abend mit Christians Stadelbacher als Prometheus. Die Spannung zwischen emotionalem Aufbegehren gegen den Tod und absurdem Humor gelingt ihm perfekt, wenn er in der Seegurke das Geheimnis der Unsterblichkeit zu finden glaubt.

Aber auch die anderen Akteure bewältigen die Gratwanderung zwischen Leichtigkeit und der sperrigen Anmutung des Stücks. Wären sie nicht mit solcher Spielfreude bei der Sache, könnte Lotz’ Drama leicht papieren wirken. Doch die Truppe hat Spaß, und das darf der Zuschauer auch. Das Bühnenbild von Ulla Haehn und Anselm von Huene passt zur Doppelbödigkeit, zur Bedeutungsoffenheit und zum „Theater im Theater“: Zentrales Element ist eine – auch als Sitzgelegenheit geeignete – Skulptur, die man als einen in alle Richtungen gesprengten Rahmen auffassen könnte.

Weitere Aufführungen: freitags und samstag, 21., 22. 28. und 29. Oktober, jeweils 20 Uhr im Kulturhaus Alte Madlschule. Karten gibt’s in der Buchhandlung Winzerer (Telefon 0 80 41/ 98 12) und an der Abendkasse ab 19 Uhr.

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