Die Künstlerinnen Rebecca Gullis (li.) und Stephanie Kieslinger zeigen vor dem Werk „Der große Torbogen“ ein Collier aus Schwemmholz. Foto: Weiß 

Vernissage im Kunstsalon

Schwemmholz für den Hals

Bad Tölz - Warum muss Schmuck immer aus Gold und Silber bestehen? Braucht es Perlen und Diamanten? Bemisst sich die Kostbarkeit am materiellen Wert? Im Tölzer Kunstsalon läuft derzeit eine besondere Ausstellung von Stephanie Kieslinger und Rebecca Gullis.

Stephanie Kieslinger ist Goldschmiedin und präsentiert ihre Schmuckkunst seit Samstag im Tölzer Kunstsalon. Nach dem Motto „Wir sind so frei“ ergänzt Rebecca Gullis die Ausstellung mit Malerei.

Es ist eine andere Welt, in die Betrachter der verschiedenen Kunstwerke eintauchen. Eine Welt, in der mehr Details zu entdecken sind, je länger man sich mit ihnen beschäftigt. Eine Welt, in der Gegenstände eine neue Bestimmung bekommen, aus ihrem Kontext gerissen werden und neues Ansehen erlangen.

Stephanie Kieslinger (40) nimmt für ihre Schmuckstücke beispielsweise ein Paar Barbie-Schuhe, fügt die Sohlen aneinander, schmückt das entstandene Dreieck mit Glitzersteinchen und macht daraus einen Kettenanhänger. Oder sie biegt Drähte so geschickt, dass winzige Kleiderbügel daraus werden und schmückt sie mit Outfits, die nicht größer als ein kleiner Finger sind. Nimmt man einen Ohrring von der Kleiderstange, hat er kaum noch etwas von Mode, sondern erinnert an Formen aus dem Jugendstil.

Die 40-Jährige lässt sich von den Dingen inspirieren, die sie findet. Das können Plastikohrringe vom Flohmarkt sein, meist kommen die Gegenstände aber aus der Natur, wie Schwemmholz oder Baumpilze. „Ich entwickle etwas daraus, das mit Schmuck zu tun hat“, sagt Kieslinger bei der Vernissage. „Es soll kein normaler Schmuck sein. Ich will einfach mal die Grenzen des Üblichen überschreiten und neue Formen entdecken.“

Als Goldschmiedin betreibt Kieslinger ein Atelier am Jungmayrplatz, in dem sie „tragbaren“ Schmuck herstellt. Seit 2003 befasst sie sich aber auch mit der Schmuckkunst. „Ich will einfach mehr machen, als das Übliche.“ München sei weltweit die Hochburg für Schmuckkunst, sagt die Tölzerin. In der Pinakothek der Moderne befasst sich sogar eine eigene Abteilung damit. „Schmuckkunst hat Tradition, trotzdem kennen es nicht viele.“ Der materielle Wert ihrer Schmuckstücke ist meist nicht hoch. „Da geht es eher um die Arbeitszeit als um das Material“, sagt Kieslinger.

Unverkäuflich: Mit Geschick hat Goldschmiedin Stephanie Kieslinger Ohrringe gestaltet, die an Kleidebügel erinnern. Sie sind eines ihrer ersten Schmuck-Kunstwerke.

Für ihre Broschen aus rhodiniertem Silber saß sie zum Beispiel zweieinhalb Monate in der Werkstatt – und könnte immer weiter daran arbeiten. Sie bestehen aus Schlaufen, die neue Formen ergeben, je nachdem wie sie aneinandergefügt werden. Die Arbeit heißt daher „Das unendliche Spiel“. Das Collier aus Schwemmholz, das in der Ausstellung daneben liegt, kostet 800 Euro. „Ich habe einen Riesensack Schwemmholz gebraucht, um die passenden Stücke zu finden.“ Hier hilft Erfahrung und technisches Können. Kieslinger hat die Äste so miteinander verdrahtet, dass sich die Kette beim Tragen an den Hals schmiegt. Die 40-Jährige trägt die Schmuckkunst zu besonderen Anlässen selbst, hat aber auch Kunden, die das Besondere suchen. „Der Schmuck ist tragbar, aber größer als das Übliche.“

Während man an die Ketten, Ohrringe und Broschen in der Ausstellung im Kunstsalon näher herantreten muss, um die liebevollen Details zu entdecken, ist bei den Malereien von Rebecca Gullis ein Schritt nach hinten nötig, um deren Tiefe zu erfassen. „Ich möchte den Betrachter mit auf eine Reise ins Unentdeckte, Geheimnisvolle nehmen, wo noch Platz für Träume ist“, sagt die 39-Jährige aus Icking.

Ein Bild namens „Der große Torbogen“ in grün und orange-rot ist so gestaltet, dass es fast so aussieht, als würden durch einen transparenten Vorhang Feenlichter blitzen. Wie Kieslinger verwendet Gullis Fundstücke aus der Natur, die sie in ihre Gemälde einarbeitet. Sand und Muschelschalen geben den farbintensiven Werken Struktur. „Ich spiele viel mit dem Zufall und fordere mich selbst heraus, mit dem Zufall zu arbeiten“, sagt Gullis. Oft lege sie die Leinwand auf den Boden und beginne mit einem Splash Farbe. Das inspiriere sie, weiterzuarbeiten und Formen zu setzen.

Weitere Infos: Die Werke sind bis 16. Oktober freitags bis sonntags von 14 bis 18 Uhr im Kunstsalon, Marktstraße 6, zu sehen. Das sind die ehemaligen Räume von Patrizia Zewe, die der Kunstverein angemietet hat. Der Eintritt ist frei. Die Finissage ist am 16. Oktober von 16 bis 18 Uhr.

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