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Vier Goaßler in der Marktstraße im Viervierteltakt (v. vorne): Leonhard Schwaighofer, Thomas Listle, Franz Schwaighofer und Peter Gambs.

Das Goaßlschnalzen an Leonhardi 

„Wenn’s groovt, einfach weitermachen“

Bad Tölz - Alle Jahre wieder haben die Goaßlschnalzer an Leonhardi ihren großen Auftritt. Zwei Experten weihten den Tölzer Kurier in einige Geheimnisse dieser Kunst ein.

Was, das soll Musik sein? – Ist es. Das Goaßlschnalzen ist eine Kunst, und der Unterschied zwischen Könner und Dilettanten hörbar. Egal. Alle Jahre wieder haben die Goaßlschnalzer an Leonhardi ihren großen Auftritt.

Das Handwerkszeug: die Dreschgoaßl mit Stock, Hanfschnur und Schmitz.

Gegen 14 Uhr sammeln sich am Leonharditag Florian Rein & Co. in der Mitte der noch dicht bevölkerten Tölzer Marktstraße und bereiten langsam ihre Musikinstrumente vor. Viele Zuschauer, Einheimische zumal, wissen dann schon, was jetzt kommt und suchen sich in respektvollem Abstand einen guten Platz am Rand zum Zuhören. Denn gleich beginnt das Goaßlschnalzen.

Wo die Ursprünge des Brauchs liegen, ist nicht ganz klar. Es gibt die Vermutung, dass sich Bauern während der Pestzeit von Hof zu Hof damit verständigten. Plausibler ist die Erklärung, dass das Goaßeln altes Lärmbrauchtum ist und zu Beginn der Winterzeit die Dämonen aus Haus und Ställen vertreiben soll. Das ist für Leonhardi durchaus typisch. Der Pflanzen- und sonstige Schmuck von Pferden und Wagen hat in seinen Ursprüngen ebenfalls kultischen Charakter und soll Hexen und böse Geister bannen.

„Einfach draufhauen ist das nicht“, sagt Florian Rein, der es als Schlagzeuger der Bananafishbones wissen muss. „Ziel ist ein homogenes Klangbild, ein schöner Dreiviertel- oder Viervierteltakt.“ Der Weg dahin ist steinig. Florian Rein hält für Anfänger Motorradhelm und Handschuhe für durchaus sinnvoll. Die Schmitz am Ende der 3,50 Meter langen Goaßlschnur erreicht nämlich Schallgeschwindigkeit.

Der Altmeister der Tölzer Goaßler, Franz Schwaighofer, hat zwar als Junger keinen Helm, sondern nur einen Hut aufgehabt. „Den hab ich mir aber schon ein paarmal runtergeschlagen.“ Der 68-Jährige, der heuer das 48. Mal dabei ist, beschreibt das Geheimnis des Goaßelns mit der liegenden Acht. Wer den Achter mit der Goaßlschnur sauber nachzeichnen kann, der wird auch den Moment des Schnalzens schaffen.

„Entscheidend ist die Technik, nicht die Kraft“, sagen Rein und Schwaighofer unisono. Schwaighofer nennt als Beleg – Traditionswächter aufgepasst – goaßelnde Frauen. „Die machen nach, was man ihnen zeigt und kommen fast automatisch zum Schnalzen. Männer hingegen wollen schnell, dass es scheppert. Dann machen sie es mit Kraft und es dauert länger.“

Dass es schnalzt, ist nur die erste Stufe. Das ist einer, der ein Instrument lernt und quasi als Solist ganz passable Tonfolgen hervorbringt. Die Kunst aber ist das Zusammenspiel, „das Spielen im Orchester“, wie Schwaighofer sagt. Einen Dreiviertel-Takt (= drei Goaßler) zu schlagen, ist die Pflicht. Die Kür beginnt beim Vierviertel- oder gar Fünfviertel-Takt (= 4 bzw. 5 Goaßler). „Die Abstände zwischen den einzelnen Tönen müssen absolut gleich sein“, beschreibt Rein die Vorgabe, „damit die Klangfolge sauber klingt“ und kein „Pasch“ entsteht, also ein Gleichklang. Rein bezeichnet übrigens die frühere Schwaighofer-Combo mit den Brüdern Franz, Georg und Hans sowie Thomas Listle als „Referenzklang“ der Tölzer Goaßler.

Das Goaßeln ist im ganzen Alpenraum verbreitet. Wer im Internet ein bisschen sucht, wird auf die Aperschnalzer im Rupertiwinkel stoßen. Bei Wettbewerben mit bis 1800 Teilnehmern werden von den Mitgliedern (bis zu neun sind in einer Gruppe) ganze Klangräder mit ungeheurer Präzision geschlagen. Das sind dann Profis, die beim Üben zum Teil mit Hightech-Geräten arbeiten, um die Töne sichtbar zu machen.

Es gibt neben dem Gehör eine einfache optische Regel, um Anfänger zu erkennen. Wenn die Schmitz (manche sagen auch „der Schmitz“) „dreckig“ ist, also zerfranst, dann hat der Goaßler zu oft den Boden damit gestreift.

Etwa vier bis sechs Wochen vor Leonhardi, so berichtet Rein, treffen sich heutzutage die einzelnen Goaßler-Gruppen, um etwa am Strasserhof oder an der „Oach“ zu üben. Vor Ort in der Marktstraße wird dann oft spontan das Personal unter den Gruppen gewechselt. Man kennt sich und schätzt sich. Sogar auswärtige Gruppen aus Schwaben kommen seit ein paar Jahren regelmäßig und goaßeln mit.

In den vergangenen Jahren probierte man immer wieder einen gemeinsamen Pasch, also alle gemeinsam auf einen Ton. Heuer will es auch Franz Schwaighofer nochmals wissen und kündigt mit Neffen und Freunden einen Fünfvierteltakt an – „das ist was ganz Sensibles.“ Wenn’s gelingt, ist das schon ein ganz besonderes Erlebnis für den Senior unter den Tölzer Goaßlern.

Rein bestätigt, dass es so etwas wie einen Flow beim Goaßeln gibt, also wenn bei einem Durchgang Klang, Takt und Rhythmus miteinander verschmelzen. „Wenn du merkst, es groovt, dann musst du einfach weitermachen.“

Christoph Schnitzer

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