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Um den großen Andrang zu bewältigen, wurden noch Stühle in den Hörsaal getragen. Trotzdem mussten viele Besucher stehen. 

Podiumsdiskussion

Wie gelingt die Integration?

Benediktbeuern –  Rund 200 Zuhörer waren am Montagabend zur Podiumsdiskussion über das Thema Asyl in die Hochschule nach Benediktbeuern gekommen. Lokale Politiker, engagierte Helfer, die Polizei und ein Flüchtling standen Rede und Antwort.

Den Anstoß zu der Diskussionsrunde hatten die Studentinnen Katharina Reindl, Sophia Fritsch, Elisabeth Kalb und Sabrina Reinhardt im Rahmen eines Praxis-Projekts gegeben. Der Einladung folgten Dritter Landrat Klaus Koch (Grüne), Benediktbeuerns Vize-Bürgermeister Dr. Hanns-Frank Seller, Kochels Polizeichef Steffen Wiedemann, Klosterdirektor Pater Reinhard Gesing und Rudi Mühlhans, Gemeinderat in Benediktbeuern und Mitglied im Helferkreis. Zudem hatten die Studentinnen Hassan Ali Djan eingeladen, einen jungen Mann aus Afghanistan, der jetzt in München lebt und ein Buch über seine teils dramatische Flucht geschrieben hat. Der Bichler Egon Endres, Dozent und ehemals Präsident der KSFH, moderierte die Diskussion.

Dass das Thema der Bevölkerung auf den Nägeln brennt, sah man an dem großen Zuspruch: Das Audimax, das eigentlich 150 Sitzplätze bietet, platzte aus allen Nähten. Die Besucher kamen aus allen Loisachtalgemeinden, unter ihnen waren auch Gemeinderäte, Flüchtlingshelfer, Studenten und einige Asylsuchende selbst.

Anfangs ging es relativ lang um Erklärungen der aktuellen Situation, so dass die Fragemöglichkeiten der Bürger letztlich auf 30 Minuten (statt der geplanten Stunde) beschränkt wurden. Deshalb gingen einige Besucher unzufrieden nach Hause.

Derzeit leben (inklusive der beiden Erstaufnahmeeinrichtungen in Bad Tölz und Geretsried) rund 1600 Flüchtlinge im Landkreis, sagte Dritter Landrat Klaus Koch. „Egal, ob einem die Zahl gefällt oder nicht: die Notwendigkeit der Unterbringung ist da. Aber ich gebe zu, dass sie extrem schwer zu bewältigen ist.“

Die Fragen nach Wohnraum und natürlich das „Thema Köln“ beschäftigten die Bürger intensiv. Ein Benediktbeurer machte Vize-Bürgermeister Seller den Vorwurf, dass mit einer Unterbringung von Flüchtlingen im Gewerbegebiet praktisch keine Integration möglich sei. Seller erklärte, dass die Gemeinde unbedingt die Turnhalle von einer Belegung frei halten wollte, und dass man nicht alle Flüchtlinge (Benediktbeuern muss bis Ende 2016 142 aufnehmen) ins Kloster verlagern wollte. Marcus Schwabenland kritisierte, dass die Anwohner im Gewerbegebiet „erst aus der Zeitung“ von der Unterbringung von 72 Flüchtlingen erfahren hätten. Laut Seller fiel die Entscheidung mit knapper Mehrheit. „Und natürlich besprechen wir Eure Sorgen und Ängste.“

Apropos Wohnraum: Kann man die Unterkünfte nicht so bauen, dass sie in ein paar Jahren Einheimische nutzen können? Auf diese Frage eines Bürgers gab es keine eindeutige Antwort. Tenor auf dem Podium: Das sei schwierig. Schließlich werde ein Teil der Flüchtlinge bleiben. Und Wohnbebauung will generell „gut überlegt sein“, so Seller. „Dafür braucht man Zeit.“

Lenka Schäfer, die sich im Helferkreis Benediktbeuern-Bichl engagiert, dankte der Gemeinde, dass man die Turnhalle freihalten konnte: „Diese brauchen wir nicht nur für die Schüler, sondern auch für Integrationsmaßnahmen durch Sport.“ Klosterdirektor Pater Gesing berichtete, wie die Salesianer intern diskutiert hätten, wie viel Flüchtlinge das Kloster verkrafte. „Man kann ein Kloster nicht einfach auffüllen.“ Gleichzeitig müsse man Verantwortung tragen, dass die eigene Arbeit nicht gefährdet sei. Das ZUK schränke sich durch die Beherbergung schon sehr ein. „Aber die Mitarbeiter sagen: die Not der Menschen ist größer als unsere Not.“ Letztlich sei die Arbeit ohne Helferkreise nicht zu bewältigen.

Für die Engagierten gab es im Laufe des Abends immer wieder Lob. Interessant war für die Besucher auch, dass sowohl Mühlhans als auch Koch berichteten, dass ihre Familien nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebene in die Region kamen. „Damit Integration gelingt, brauchen wir Begegnung ohne Ängste. Ganz wichtig ist auch die Vermittlung von Arbeitsplätzen auf Probe“, sagte Mühlhans. Und man dürfe natürlich nicht vergessen, dass auch hierzulande Bedürftige in Not seien.

Ein weiteres wichtiges Thema war die Kriminalität. Kochels Polizeichef Steffen Wiedemann berichtete, dass die Kriminalität im Bereich Flüchtlinge nicht höher liege als im „normalen“ Bereich. „Bislang haben wir in der Statistik kein Gewaltdelikt. Aber man kann natürlich auch nie etwas ausschließen.“ Dass bei dem derartigen Zustrom von Flüchtlingen auch einige dabei seien, die in ihrer Heimat kriminell waren, könne man nicht ausschließen. Das „Thema Köln“ brachte Besucher Paul Wildenauer zur Sprache. Viele der ankommenden Männer hätten ein rückständiges Frauenbild, so Wildenauer. Er wollte wissen, wie man dieser Tatsache begegnen könne. Wiedemann und auch Rudi Mühlhans vom Helferkreis sehen hier die Flüchtlingshelfer nicht nur in großer Verantwortung, sondern bereits auch schon sehr gut aufgestellt. „Integration ist ein Lernprozess. Die Kultur muss man in der ganz alltäglichen Begegnung vermitteln.“ Laut Wiedemann gibt es im Loisachtal „den Luxus, dass die Flüchtlinge dezentral und nicht in einer Sammelunterkunft untergebracht sind.“ Das erleichterte die Integration. Er sagte auch: „Wenn es Probleme gibt, kommen Sie bitte zu uns. Wenn Grenzen überschritten werden, dann sind wir da.“

Franz von Lerchenhorst, Gemeinderat aus Kochel, appellierte zum Schluss an Klaus Koch, die Busverbindungen ins Gewerbegebiet nach Pessenbach zu verbessern. Zudem brauche man mehr Sprachkurse und mehr Lehrer beziehungsweise Förderunterricht an Grundschulen. Laut Pater Gesing plant das Kloster Veranstaltungen, um „Brücken zu den Flüchtlingen“ zu bauen.

Christiane Mühlbauer

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