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Ein strammes Mannsbild aus den Angeln gehoben – und das nur mit dem Mittelfinger. Die stärksten Fingerhakler ziehen schon mal 120 Kilo. Die Ausrichter vom Isargau landeten in Gaißach auf Platz drei.

Deutsche Meisterschaft

Fingerhakeln: Bloß nicht loslassen

Gaißach - 160 bayerische Kampfsportler duellierten sich an Mariä Himmelfahrt im Gaißacher Bierzelt. Die Erkenntnis: Eine Deutsche Meisterschaft im Fingerhakeln ist keine Gaudi-Veranstaltung.

Britta und Ralph Hoppe leben in Bad Tölz, stammen aber von der Lübecker Bucht und aus dem westfälischen Sauerland. „Wir sind Preußen“, sagt Ralph Hoppe und grinst seine Frau dabei an. Die beiden sitzen in sportlichen Sommerklamotten inmitten hunderter Männer in Lederhosen. Das Gaißacher Bierzelt ist an diesem Mariä- Himmelfahrt-Feiertag keines wie jedes andere. Es ist Austragungsort der 57. Deutschen Meisterschaft im Fingerhakeln.

Den Männern, die ihre Mittelfinger in einem Lederriemen einhaken, um sich gegenseitig über den Tisch zu ziehen, sieht man nicht an, ob sie es drauf haben oder nicht. Dick und dünn, breit und schmächtig begegnen sich in sämtlichen Alters- und Gewichtsklassen. Die Gaue Bayerischer Wald, Altmühltal, Auerberg, Werdenfels, Spessart sowie der Ammer-, Schlierach- und der Isargau treten an. Ralph Hoppe schaut aus der dritten Reihe hoch auf die Bühne. „Schon erstaunlich, was Sehnen alles aushalten“, analysiert er. „Ein bisschen martialisch“, meint die Gattin. „Aber ich find’s lustig, wie die ihre Hosenträger immer runterziehen, wenn es los geht.“

Eine Gaudi-Veranstaltung ist das hier nicht. Mit strengen Mienen schreiten die bayerischen Kraftsportler zum genormten, rundum gepolsterten Haklertisch. Niemand soll sich die Knie beim Abstützen kaputt drücken. Außerdem sitzt hinter jedem Hakler einer, der den Athleten vor dem Aufschlagen auf dem harten Holzboden bewahrt.

Sepp Danner (31) sitzt auf dem – selbstverständlich ebenfalls genormten – Schemel und schaut dem Ammergauer Andreas Sturm (23) kurz in die Augen. Auf Danner ruhen die Isargauer Hoffnungen. 2014 hat er die Bayerische, die Deutsche und die Alpenländische Meisterschaft im Leichtgewicht gewonnen. Jetzt drückt er seine 70 Kilo gegen den Tisch, die Hände voll mit weißem Magnesium-Pulver, um nicht abzurutschen. Doch Sturm lässt dem Tölzer keine Chance. „Er war einfach stärker“, sagt Danner hinterher, ein wenig enttäuscht über den Vize-Titel. Vier Wochen hat er auf diesen Tag hintrainiert, jeden Abend nach der Arbeit 30 Kilo mit dem Mittelfinger in die Luft gerissen. Hundertmal hintereinander.

Beim Fingerhakeln gilt ein erweiterter K.o.-Modus: Wer zweimal verliert, scheidet aus. Auf das Schiedsrichter-Kommando „Beide Hakler fertig. . . zieht!“ geht’s los. Es gewinnt der, der den anderen über seine Tischkante zieht oder den Lederriemen in der Hand hält. Loslassen gibt es nicht. „Entweder man rutscht ab, oder die Haut gibt halt nach“, erklärt Danner. Die Sanitäter vom Roten Kreuz bekommen in ihrer Zelt-Ecke regelmäßig Besuch. „Bloß desinfizieren“, ruft ein Hakler schon aus der Ferne. Gejammert wird nicht. Maxi Nagler und Nico Bücherl müssen viele Finger verbinden. „In jeder Sportart gibt es Verletzte“, sagt Bücherl.

Blutige oder bandagierte Finger gehören nicht in die Zeitung: Da sind sich die Hakler einig. Sie fürchten um den Ruf ihres Sports. Ein Kraftsport, der Spannung und Unterhaltung bietet. Die Kämpfe dauern nur einige Sekunden. Die Energie überträgt sich sofort aufs Publikum. „Isargau“, „Werdenfels“, „Auerberg“, singen die bierbeseelten Anhänger im proppevollen Zelt. Und die Schürfwunden? Der Hakler-Tenor: „Es sieht meist viel schlimmer aus, als es ist.“ Das stimmt wohl: Denn es sind „nur“ die dicken Hornhäute, die sich – lange nicht bei allen – zähen Duellen abwetzen.

Tobias Schuster lässt sich auf die Finger schauen. Eine dicke Wölbung am unteren Ende fällt an seinem Mittelfinger auf. Der Lederriemen verhakt sich in seiner Hand wie das Kletterseil im Karabiner. „Alles Hornhaut“, sagt der 18-Jährige, der mit dem achten Platz in der Junioren-Klasse nicht ganz zufrieden ist.

Schuster verfolgt die Wettkämpfe mit seinen Gau-Kollegen, während sich die Schwergewichte hinter dem Zelt aufwärmen. Abkühlen trifft es wohl besser: Die Auerberger haben extra eine Klimaanlage angeschleppt, an der sie sich die schwitzigen Finger erfrischen. „So wird die Haut richtig ledrig“, erklärt Schwergewicht Christoph Gast, der die Klimaanlage eigentlich für das Büro seiner Kfz-Werkstatt angeschafft hat. Hinter Gast beschäftigen sich Hakler-Kollegen mit Drahtseilen, Expandern und Stahlfedern – um später mit dem richtigen Zug an den Tisch zu schreiten.

Ferdinand Bachl setzt vor allem auf Erfahrung. 25 Titel hat der Mann aus dem Bayerischen Wald in 30 Jahren Fingerhakeln gewonnen. Diesmal reicht es für den 64-Jährigen nur für Platz drei. Leichtgewicht Andreas Sturm hat neben dem Tölzer Danner auch ihn bezwungen. „Der hakelt ganz komisch“, urteilt Bachl. „Aber ich studiere das und weiß jetzt schon: Nächstes Jahr schlage ich ihn.

Deutsche Meisterschaft im Fingerhakeln in Gaißach

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