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Herbstliche Aussicht: Unterhalb der Tölzer Hütte erstreckt sich der Almboden der Moosenalm.

Tölzer Hütte am Scharfreiter

Hier wurde Berggeschichte geschrieben

Vorderriß - Immer am zweiten Sonntag im Oktober wird der Bergsommer mit einem Festgottesdienst auf der Tölzer Hütte verabschiedet. Dazu spielt traditionell die Tölzer Stadtkapelle auf. Wenn die Zimmerleute der Berufsschule Bad Tölz bis dahin fertig werden, dann wird bis zum 9. Oktober der Scharfreiter auch sein neues Gipfelkreuz erhalten. Ein guter Anlass, einen Besuch abzustatten.

Im Sommer 1922 wurde der Grundstein für die Tölzer Hütte unterhalb des Gipfels des Scharfreiters gelegt. Ein Pfund Fleisch kostete 55 Mark, ein Liter Bier fünf Mark und die Inflation ließ die spärlich zusammengekratzten Mittel der Alpenvereinssektion Tölz kräftig schmelzen. Die zunächst beauftragte Zimmerei gab schnell wieder auf. „Viel Arbeit gab’s und wenig Brot“. Zimmermeister Kasper Beil aus Tölz brachte unter unfassbaren Bedingungen den Bau 1924 zu Ende. Es war seiner Ehre und Stolz geschuldet: „Die Arbeiter liefen zu Hauf davon. Die Mulis blieben im Morast stecken, und die Zimmermänner mussten jeden Morgen um fünf Uhr aus der Baracke los und am gleichen Abend zurück, denn der Fußmarsch betrug täglich fünf Stunden. Das Holz wurde vor Ort geschlagen und geschultert.“ (Bericht Tölzer Kurier 14./15. Februar 1975).

Die Hütte war in den Anfangsjahren kaum rentabel. Das war hart für die Sektion, die für die Heimstätte am Scharfreiter hohe Schulden aufgenommen hatte, aber nur sehr wenig einnahm. Die Jahre zwischen 1933 und 1936 waren besonders bitter und verlangten der Sektion alles an Geduld und Hartnäckigkeit ab, um die Hütte zu erhalten.

Im Mai 1937 floh in einer schrecklichen Gewitternacht auch noch die Pächtersfrau. Ein Föhnsturm hatte das Blechdach der Hütte abgerissen und fetzenweise in die Tiefe geschleudert. Der Wind heulte in den Stiegen und Gängen der Hütte, Böen wirbelten die Herdringe zur Decke und das Wasser drang ein. Der Wirt harrte noch einige Monate wacker aus, dann stahl auch er sich davon.

Bis 1945 schlug sich der Tölzer Alpenverein tapfer durch, dann wurde der DAV von den Alliierten verboten. In dieser Zeit wurde die Tölzer Hütte vor allen von jenen besucht, die die Grenzen heimlich umgehen wollten.

Nachdem endlich die unruhigen Zeiten vorüber waren, durfte die Sektion 1951 ein Kreuz auf den Gipfel aufstellen. „Das Kreuz“, so Pater Volker bei der Einweihung, „sei ein Zeichen der Erlösung, des Sieges über Sünde und Tod.“

In den 1960er-Jahren wurde das Berghaus immer beliebter, sodass der Wirt fast täglich mit seinem Norwegerpony ins Tal ging, um die Versorgung zu sichern. Ein irrer Aufwand, der durch eine Materialseilbahn behoben hätte werden können. Doch die Jagdpächterin am Scharfreiter, Prinzessin Liliane von Belgien, weigerte sich diese zu genehmigen. Sie wollte ihr Wild ungestört wissen und fürchtete den „Massentourismus“ auf dem Berg. Der Münchner Merkur ging zum Angriff über und titelte „Prinzessin lässt Seilbahn in der Luft hängen“. Die Wiener Behörden zwangen schließlich die Prinzessin zur Zustimmung. Diese versuchte bis zuletzt ihren Dünkel hinter dem Argument, die Natur schützen zu wollen, zu verstecken.

Die Materialseilbahn wird vom heutigen Pächterpaar, Michael Bubeck und Margot Lickert, auch dafür genutzt, vor allem einheimische Lebensmittel zu transportieren. So beziehen sie das Fleisch vom Metzger Weber aus Lenggries und die Backwaren vom Bammer aus Fleck. In der Hüttensaison 2015 hatten die beiden 3050 Übernachtungsgäste, die sich auf 35 Betten in Mehrbettzimmern und 38 Matratzenlagern verteilten. Die Hütte ist behaglich und schlicht gehalten, hell und freundlich und wirklich schön gelegen. Das Gulasch ist saftig und die Knödel auch. Fast immer treibt sich ein Rudel Gämsen in naher Umgebung herum und erzürnte Murmeltiere pfeifen Besucher an.

Ludwig Ganghofer lässt seinen noch immer lesenswerten „Jäger von Fall“ am Scharfreiter spielen. Der gutherzige Jäger Friedel ist verliebt in die Modei, die mit ihrem schrägen Bruder auf der Krottenbachalm lebt. Die Sennerin, verführt vom kaltherzigen Wildschütz, ist zwischen Stolz und Liebe hin und her gerissen. Der dramatische Höhepunkt des Romans gipfelt in der Klamm des Krottenbachs. Und an ihm entlang führt ein bezaubernder Steig zum Scharfreitergipfel.

Sandra Freudenberg

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