Der Wagen des Anstoßes: Das Foto zeigt die zwar geschmacklose, aber vergleichsweise harmlose Seite. Auf der anderen Seite zu sehen war eine große Schere unterhalb eines aus dem Wagen ragenden Phallus. Im Mittelpunkt des Spotts steht Amanda Reiter, die über 40 Jahre als Mann lebte, und sich dann entschloss, zu ihrer Identität als Frau zu stehen. Foto: Krinner
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Der Wagen des Anstoßes: Das Foto zeigt die zwar geschmacklose, aber vergleichsweise harmlose Seite. Auf der anderen Seite zu sehen war eine große Schere unterhalb eines aus dem Wagen ragenden Phallus. Im Mittelpunkt des Spotts steht Amanda Reiter, die über 40 Jahre als Mann lebte, und sich dann entschloss, zu ihrer Identität als Frau zu stehen. 

Thema Transsexualität

Lenggrieser Faschingswagen verletzt Menschenwürde

Lenggries - Überhaupt nicht zum Lachen zumute ist Amanda Reiter nach dem Lenggrieser Faschingszug. Sie fühlt sich durch einen Wagen „öffentlich bloßgestellt und diskriminiert“. Hintergrund: Ein Wagen thematisierte ihre Transsexualität und Geschlechtsangleichung vom Mann zur Frau.

Aus ihrer Transsexualität macht Amanda Reiter im Ort kein Geheimnis. Spätestens seit sie im Tölzer Kurier ihre Geschichte ganz offen schilderte, ist den meisten Lenggriesern bekannt, dass sich Reiter, die über 40 Jahre als Mann lebte, entschloss, zu ihrer Identität als Frau zu stehen und das auch nach außen zu zeigen. Ausgrenzung hatte sie deswegen bislang nicht erlebt. „Ich bin in Lenggries bekannt und denke auch, dass mich die Lenggrieser akzeptieren und respektieren“, erklärt sie. Daher habe sie auch „nie erwartet“, beim Faschingszug bloßgestellt zu werden. „Ich bin schockiert. Das ist ein persönlicher Angriff auf mich und meine Familie, den ich so nicht hinnehmen werde.“

Phallus und Schere

Stein des Anstoßes ist ein Wagen mit der andeutungsweisen Darstellung eines Sägewerks sowie mit einem gelben Postgebäude – Verweise auf das stillgelegte Sägewerk, das Amanda Reiter gehört, sowie den Zustellstützpunkt, den sie auf ihrem Grund erbaut hat. Auf dem Wagen tanzten junge Männer, die auf einer Körperseite Männer-, auf der anderen Frauenkleider trugen. Am Wagen angebracht war die Aufschrift „Großgrundbesitzer/in verkauft Grundstücke und nicht lebenswichtige Organe“. Auf einer Fahne stand: „Vom Reiter zum Ross“. Dazu war auf einer Seite bildlich der Tausch von Lederhose gegen Dirndl und von Handwerkszeug gegen Schminkutensilien dargestellt. Drastischer war die andere Seite des Wagens: Dort setzte eine große Schere unterhalb eines aus dem Wagen ragenden Phallus zum Schnitt an.

Amanda Reiter ist derzeit verreist und erfuhr nur aus der Ferne von den Vorgängen beim Faschingszug. Schützenhilfe bekommt die Lenggrieserin von Stefan Balk, einem Psychologen aus Amtzell im Allgäu. Er gehört einem wissenschaftlichen Netzwerk an, das sich bundesweit für die Belange transsexueller Menschen einsetzt.

Balk arbeitet an einer Doktorarbeit über „Transidentität im Beruf“, und steht in diesem Zusammenhang in Kontakt mit der Lenggrieserin. „Für mich ist sie ein Paradebeispiel dafür, wie die Integration in das Arbeits- und Alltagsleben gelingen kann“, so Balk. „Nun musste ich mit Entsetzen feststellen, dass beim Faschingsumzug eine geschmacklose und diskriminierende Zurschaustellung von Frau Reiter erfolgte“, schreibt er in einem Brief an Bürgermeister Werner Weindl. Nachdem Balk Bilder vom fraglichen Faschingswagen gesehen hat, gelangt er zu dem Urteil: „Das sprengt die Grenzen des Erlaubten. Frau Reiter wird in abscheulicher Weise lächerlich gemacht und in ihrer Menschenwürde verletzt.“ Nach Rücksprache mit Juristen ist Balk überzeugt, dass ein Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes vorliege: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Generell sei „die persönliche geschlechtliche Identität ein Thema, das auf einem Faschingszug nichts zu suchen hat“, erklärt Balk. Zudem verweist er darauf, „was so ein blöder Faschingsscherz für Auswirkungen haben kann“. Schon jetzt habe nur ein sehr geringer Teil der Betroffenen den Mut, mit ihrer Transsexualität an die Öffentlichkeit zu gehen. Ihnen werde es „durch solche Aktionen“ noch schwerer gemacht.

Faschingsverein distanziert sich

Vom Bürgermeister wünsche er sich nun, dass er klar Stellung bezieht und „im Ort ein Zeichen gegen eine weitere Diskriminierung und Ausgrenzung transsexueller Menschen setzt“.

Weindl versichert, dass er Balks Schreiben sehr ernst nehme und ihm umgehend antworten werde. „Dass jemand bei einem Faschingszug persönlich denunziert wird, kann nicht im Sinne der Gemeinde sein“, sagt er. „Es soll nicht sein, dass sich jemand durch einen Wagen diskriminiert fühlt.“ Als Bürgermeister habe er aber vorab nichts über Inhalte und Art der Darstellungen auf den Wagen gewusst. Auch während des Faschingszugs habe er die diskriminierende Dimension des Wagens, den er in dem ganzen Treiben aber auch nicht eingehend angeschaut habe, so nicht wahrgenommen. „Ich habe den Wagen eher so aufgefasst, dass es um Grundstücksverkäufe ging.“ Er habe Balks Schreiben an den Faschingsverein weitergeleitet und plädiert für das persönliche Gespräch zwischen den Beteiligten.

Das Gespräch mit Amanda Reiter will auch Michael Gascha, Chef des Faschingsvereins Mia sans, suchen. „Dieses Thema so aufzugreifen, geht definitiv nicht. Das ist weit unter der Gürtellinie.“ Gascha beteuert, dass dem Verein vor dem Zug lediglich „Reiter-Säge“ als Thema genannt worden sei. „Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir das nicht zugelassen.“ Aber letztlich sei der Verein nur der Veranstalter, nicht der Wagenbauer, „und wir hatten 800 Teilnehmer“. Gascha betont aber auch, dass bei den Vorbesprechungen darauf hingewiesen worden sei, dass es keine Darstellungen geben dürfe, die jemanden persönlich verletzen. „Dem ganzen Verein tut das furchtbar leid. Und wir distanzieren uns davon.“ Hier werde jemand verunglimpft, der „einfach nur im falschen Körper geboren worden ist“.

Den Namen der Verantwortlichen wollte Gascha gestern nicht nennen. Er wolle zuerst Kontakt mit ihnen aufnehmen. „Und wenn ihnen jetzt noch nicht bewusst ist, dass das, was sie gemacht haben, nicht geht, dann muss man ihnen die Augen öffnen.“ Ihm ist es wichtig zu betonen, „dass unser ganzer Verein Frau Reiter unterstützt“.

Andreas Steppan und Veronika Ahn-Tauchnitz

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