Alles im Kopf: Wetterexperte Kai Zorn brauchte im Seniorentreff-Erzählcafé keine Notizen, die Jahre der kalten Sommer und warmen Winter kann er auswendig aufsagen. Foto: Pröhl

Früher waren die Sommer nicht besser

Lenggries - Im Lenggrieser Erzählcafé erklärt der Meteorologe Kai Zorn das subjektive Empfinden des Wetters.

Lenggries, ein Wintertag Mitte der Achtziger: Viel Schnee würde kommen, sagen die im Radio. Der kleine Kai freut sich und packt den Schlitten aus. Doch kein Flöckchen fällt vom Himmel. Da ist der kleine Kai traurig, stampft auf den Boden und nimmt sich vor: „Wenn ich groß bin, mach’ ich das besser.“

Mit dieser Kindheitsanekdote leitete Kai Zorn, heute 42 Jahre alt, den gestrigen Vormittag im Erzählcafé des Lenggrieser Seniorentreffs ein. Der Meteorologe war auf Einladung von Barbara von Uthmann ins Pfarrheim gekommen, um über das Wetter zu reden. „Das tun wir täglich auf der Straße. Das Thema beschäftigt uns von der Wiege bis zum Tod“, stellte die Organisatorin einleitend fest.

Für Zorn, der heute in Ellbach lebt, ist es Beruf und Berufung. Die Wetterkarten, die täglich viermal erscheinen, studiert er leidenschaftlich – „auch wenn ich frei habe.“ Ein Meteorologe ist eben immer im Dienst. Zorn ist das genau gesagt seit 21 Jahren, verkündete schon in den ARD-Tagesthemen, bei Sat. 1, München TV sowie Antenne Bayern die Aussichten und beliefert diverse Radiosender bundesweit mit seinen Prognosen. Beliebt ist „Kais Kolumne“ auf dem Internet-Portal wetter.com.

Zorn erzählte seinen 20 Zuhörern, wie er 1999 beim Hochwasser an Pfingsten Murenabgänge am Sylvenstein prophezeite, oder wie er 2001 vor dem Tornado im Isarwinkel Evakuierungswarnungen aussprach und damit spontan auf Sendung im Radio ging. „Dazu braucht es Mut und gutes Bauchgefühl“, sagte Zorn, der sich als synoptischer Meteorologe versteht, also als akribischer Beobachter, Analyst und Vorhersager. Der Isarwinkler ist Autodidakt, nach dem Presse-Volontariat lernte er sein Handwerk von der Pike auf.

„Der Kai interessiert sich für nichts anderes“, habe man ihm als Kind nachgesagt. Wohl deshalb braucht der Wetterexperte heute keinen Notizzettel, um spontan Jahreszahlen hervorzukramen. 2007 zum Beispiel hätten alle vom Supersommer geschwärmt. „Weil elf von zwölf Wochenenden schön waren. Sonst war es aber sehr wechselhaft“, erklärte Zorn, der so auf das sehr subjektive Empfinden des Wetters verwies. Verallgemeinerungen nach dem Motto „Früher waren die Sommer besser“ widerlegte er – diesmal mit den Jahreszahlen 1977 bis 1981.

Zuhörerin Erna Wolf hatte auch einen Zettel mit Daten dabei. Ihre Eltern betrieben zwischen 1934 und 1961 die Brauneckhütte. Sie führten Wettertagebücher, um zu dokumentieren, wann der Aufstieg mit den Maultieren wie beschwerlich war. Am 9. Juni 1956 notierten sie „knietiefen Schnee“, am 13. Januar 1951 dagegen: „Kein Schnee, die Mulis beliefern noch immer die Hütte.“

Überraschungen liefert das Wetter auch 2016: Auf den milden September folgte der Temperatursturz im Oktober. Zorn erklärte das mit dem „gestörten Polarwirbel“ der Arktis. Das Strömungsmuster der nördlichen Hemisphäre habe sich komplett umgedreht. „Wenn das so bleibt, steht uns einer der härtesten Winter seit langer Zeit bevor.“ Das angenehme Leben im Isarwinkel sei sowieso nur dank des warmen Golfstroms möglich. Zorn: „Sonst hätten wir hier Tundra.“

Am Klimawandel sei in erster Linie der Mensch selbst schuld: „Wir vergewaltigen die Natur. Fossiles Grundwasser wird angezapft, alle Flüsse werden begradigt.“ Die Elbe habe man insgesamt um 32 Kilometer gekürzt. Man merkte: Der Mann macht sich Gedanken um das große Ganze. Kritik muss aber auch er manchmal einstecken – gerade wenn seine Prognose danebenliegt. Zorn: „Ein Wetterbericht muss in den Medien immer kurz sein. Aber eine deutschlandweite Vorhersage in 60 Sekunden ist nicht möglich. Das können nur Tendenzen sein.“

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