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Umgelegt: Das Gipfelkreuz am Scharfreiter musste nach der Attacke aus seiner Halterung genommen werden.

Es wäre nicht der erste Fall...

Gipfelkreuze: Steckt ein religiöses Motiv hinter den Axt-Attacken?

Lenggries - Es ist der dritte Fall seit Pfingsten. Am Wochenende hat erneut ein Unbekannter ein Gipfelkreuz so schwer beschädigt, dass es umgelegt werden musste. Die Polizei schließt nicht aus, dass sich der Täter an dem religiösen Symbol störte. Es wäre nicht der erste Fall dieser Art.

Sie wollten noch vor dem Frühstück den herrlichen Ausblick vom Gipfel des Scharfreiters genießen. Doch was die Wanderer auf 2102 Meter Höhe entdeckten, war alles andere als ein schönes Foto-Motiv. Der 250 Kilo schwere Balken des Gipfelkreuzes war mit einer Säge und einer Axt stark beschädigt worden. Die Wanderer, die in der etwa 45 Minuten entfernten Tölzer Hütte übernachteten hatten, kehrten zurück und baten Hüttenwirt Michael Bubeck, die Polizei anzurufen. „Ich war nicht der erste Anrufer an diesem Morgen“, berichtet er. Polizei und Alpenverein waren bereits verständigt.

Der Schaden war so enorm, dass das Kreuz noch am selben Tag umgelegt werden musste. Davon hat Hüttenwirt Bubeck nichts mitbekommen – doch Fragen, was mit dem Gipfelkreuz des Scharfreiters passiert sei, musste er an diesem Tag noch häufiger beantworten. Der Vorfall beschäftigt Wanderer und Bergfreunde – auch deswegen, weil es seit Pfingsten bereits das dritte Gipfelkreuz im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen ist, das schwer beschädigt worden war.

An Pfingsten hatte ein Unbekannter das Kreuz an der Dudl-Alm im Längental umgehackt. Ende Juli passierte dasselbe am Prinzkopf zwischen Sylvensteinsee und Tirol. Beim zweiten Fall hatten Zeugen einen Verdächtigen beobachtet. Auch zu dem Täter vom Scharfreiter gibt es Hinweise. Die Beschreibung ist ähnlich – deshalb geht die Polizei davon aus, dass es sich zumindest bei den beiden letzten Fällen um denselben Täter handelt.

Wanderer hatten einen verdächtigen Mann gesehen, etwa 30 bis 40 Jahre alt, 1,80 Meter groß, kurze dunkle Haare. Er soll mit einem iPod laut Musik gehört haben und am späten Samstagabend mit Stirnlampe auf dem Weg zum Gipfel gewesen sein. Im Gegensatz zu den den beiden anderen Vorfällen hatte er das Kreuz nur schwer beschädigt, aber nicht umgehackt. Der Sachschaden ist hoch: 5000 Euro. Aus Sicherheitsgründen musste das beschädigte Kreuz am Sonntag umgelegt werden. Es war 2003 von einer privaten Initiative aufgestellt worden, nachdem das alte Kreuz vom Blitz getroffen worden war. Einige Gaißacher hatten es eigenhändig bis auf den Gipfel geschleppt. Mit dabei war damals Hanspeter Mair. Er war gestern fassungslos und sagte: „Wir lassen uns das nicht gefallen.“ Der Tölzer Alpenverein will so schnell wie möglich ein neues Kreuz aufstellen.

Die Polizei hält es für nicht unwahrscheinlich, dass eine ideologische Überzeugung hinter den Attacken auf die Gipfelkreuze stecken könnte. „Es gibt Freidenker-Gruppierungen, die sich darüber aufregen, dass Christen in der Natur äußere Zeichen ihres Glaubens aufstellen“, sagt Josef Mayr, der Vize-Chef der Tölzer Polizei. „Sie machen Stimmung gegen Gipfelkreuze und sagen, die Berge seien für alle da, nicht nur für Christen.“ Konkrete Bezugspunkte zu den Taten im Isarwinkel gebe es allerdings noch nicht.

Es wäre aber nicht das erste Mal, dass ein Gipfelkreuz-Gegner mit Axt und Säge zuschlägt. Im Jahr 2009 hatte ein 48-jähriger Bergführer aus der Schweiz im Kanton Freiburg zwei Gipfelkreuze beschädigt. „Die Natur gehört keiner Religion“, hatte auch er damals vor Gericht argumentiert. Sie solle freier Raum bleiben. Er habe versucht, den Einfluss und die Präsenz des Christlichen Glaubens in der Öffentlichkeit zu bekämpfen. Er ist damals zu einer Geldbuße wegen Sachbeschädigung und Verletzung der Religionsfreiheit verurteilt worden. Sein Ziel habe er dennoch erreicht, sagte er nach dem Urteil: „Ich wollte eine öffentliche Diskussion um die Gipfelkreuze provozieren.“

In Bayern sind Fälle wie dieser bisher nicht bekannt. Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins, sagte gestern, er sei „irritiert und entsetzt“, dass es innerhalb so kurzer Zeit zu drei Attacken auf Gipfelkreuze gekommen sei. Noch vor einigen Tagen war er von zwei Einzelfällen ausgegangen. Schon nach dem Vorfall am Prinzkopf habe er zahlreiche entsetzte E-Mails bekommen, erzählt er. „Wir hoffen nun, dass Wanderer durch die Berichterstattung in den Medien noch mehr sensibilisiert werden, die Augen offen halten und sich bei der Polizei melden, wenn sie etwas Verdächtiges bemerken“, sagt Bucher. Der Tölzer Alpenverein will eine Belohnung für sachdienliche Hinweise aussetzen.

Andreas Steppan

Andreas Steppan

E-Mail:andreas.steppan@toelzer-kurier.de

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