Zirkus-Workshop

Integration ist kein Drahtseilakt

Lenggries - Ob am Einrad, am Trapez, auf Hochstelzen oder auf dem Drahtseil: In dieser Woche trainieren Kinder beim interkulturellen Zirkusworkshop in Lenggries Kunststücke für die Manege – und das Leben.

Lange rote Tücher hängen von der Decke, daneben zwei Trapeze und im Vorraum liegen Einräder. Die Lenggrieser Turnhalle dient gerade als Trainingsort für den Zirkus: Rhythmisch trommeln zwei Handvoll Kinder beim Stocktanz mit langen Stäben auf den Boden. Teller, Diabolos und Bälle fliegen durch die Luft. Elegant schwingt sich eine junge Frau im „Zirkusschule Windspiel“-Shirt auf ein Trapez, um einigen Kindern eine Figur zu zeigen.

Unter dem Motto „Vorhang auf: Wir lernen voneinander, trainieren miteinander und zeigen gemeinsam, was wir können“ turnen, lernen und lärmen dort gerade täglich rund 80 Landkreis-Kinder – davon 37 aus Flüchtlingsfamilien.

Für das integrative Projekt arbeitet die Gemeinde Lenggries mit der Zirkusschule Windspiel zusammen. Die Tölzerin Gudrun Jäger, die die Zirkusschule vor zwölf Jahren gründete, möchte damit ihren ganz persönlichen Beitrag zur bunteren Gesellschaft leisten. „Man schaut immer nur auf das, was anders ist, egal ob zwischen Bayern und Preußen, bei verschiedenen Religionen oder Hautfarben. Dabei ist es doch wichtiger, gemeinsam zu lachen und zu leben. Mehr darauf zu schauen, was wir gemeinsam haben, als auf das, was uns unterscheidet.“ Deswegen veranstaltet Jäger mit ihren 18 Zirkus-Lehrern das Projekt auch unentgeltlich.

Die neunjährige Islaam nimmt am Vertikaltuch-Workshop teil. Dabei führen die angehenden Artisten Figuren mithilfe langer, an der Decke befestigter Tücher aus. „Wir haben schon den Engel, die Statue, den Drachenflieger, die Galionsfigur und den Kartoffelsack gemacht“, zählt das syrische Mädchen auf. Kartoffelsack? „Ja, da klettert man ein bisschen hoch, macht einen Knoten um den Fuß, dann ein Tuch nach vorne und eines nach hinten. Dann sitzen wir da drin und das sieht ganz rund aus – eben wie ein Kartoffelsack.“

Auch Helferkreis-Kind Nina ist begeistert. „Wir haben uns beim Stocktanz mehrere Rhythmen ausgedacht und mit den Stöcken auf Bänke und Boden getrommelt.“ Die Elfjährige und ihre Freundin Emma stimmen überein: „Eine Zirkuswoche wollen wir bald wieder machen.“

Die Ehrenamtskoordinatorin des Asyl-Helferkreises Annette Ehrhart erklärt die zwei Faktoren der Kinderfreizeit: „Die Zirkuswoche ist einerseits ein Integrationsprojekt, andererseits wollen wir den Helfern damit auch danken.“

Dass man seine Dankbarkeit auch über glückliche Kinder zeigen kann, bewiesen die zahlreichen Anrufe die Ehrhart bereits nach dem ersten Tag von begeisterten Eltern erhielt.

Obwohl die Kinder in verschiede Workshops aufgeteilt sind, beginnen und enden die Lehreinheiten immer mit einem gemeinsamen Spiel. Vertikaltuch-Trainerin Sandra Krost sagt: „Das sind Spiele ohne Gewinner, damit keines der Kinder am Ende traurig wird. Die Aufgaben müssen dabei immer im gesamten Team bewältigt werden.“

Der Jonglage-Trainer Eddie Hofmann freut sich, am Projekt teilzunehmen: „Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, die Kinder sind sehr aufnahmefreudig und konzentriert. Sie helfen sich gegenseitig bei Tricks, aber auch bei der Verständigung durch Dolmetschen.“

Verständigung im Zirkus funktioniert aber auch ohne Deutsch, Arabisch und Afghanisch: Die Zirkus-Kinder haben zusammen eine Fantasiesprache, die jedes Kind neu lernen muss und die die Kinder verbindet. Die Kinder rufen sich beispielsweise mit dem Ausruf „Kaukaukule“ zusammen.

Tagsüber trainieren die 5- bis 17-Jährigen für die große Abschlussgala am Freitag, am Abend wagen sich die erwachsenen Flüchtlinge an die Akrobatik. Ob ein Mädchen den jungen Muslimen Hilfestellung geben darf? Die Syrer und Afghanen sind sich einig: „Natürlich, sonst fallen wir ja runter.“

Zur Abschlussgala am Freitag, 19. August, um 15 Uhr in der Mehrzweckghalle der Lenggrieser Mittelschule ist die ganze Bevölkerung eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Nora Linnerud

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