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Drehkreuz für Wanderer aus München: der Bahnhof Obergries. In der Nähe trafen sich Täter und Opfer und beschlossen, gemeinsam in Richtung Längental zu marschieren.

Der Kriminalfall Leitenberg - Folge1: Die Tat 

„Ins Längental? – Da will ich auch hin“

Lenggries - Er ist immer noch ungeklärt und sorgt vor allem bei Frauen immer noch für große Ängste: der Kriminalfall Leitenberg. Eine Münchner Wanderin wurde am Brauneck missbraucht und hilflos zurückgelassen. Zehn Jahre danach hat der Tölzer Kurier zusammen mit der Kripo Weilheim und anderen Polizeistellen nochmals alle Fakten und Spuren zusammengetragen. Die Hoffnung: Vielleicht liest „Kommissar Zufall“ mit und hilft bei der Aufklärung.

Der Zug hält am Bahnhof Obergries. Eine ältere Frau in Wanderkleidung steigt aus und steht ratlos auf dem Bahnsteig. Wohin geht’s nun weiter? Zwei, drei ältere Herren, ebenfalls im Bergsteiger-Dress, sehen die unschlüssige Wanderin, marschieren auf sie zu, sprechen sie an und bieten Hilfe an. Das Ende vom Lied: Gemeinsam macht sich die Gruppe schließlich auf den Weg in Richtung Längental und Brauneck.

Die Kripobeamten aus Erding staunen nicht schlecht, als sie 2009 nach dem Mord an einer 73-jährigen Frau im Egmatinger Forst auch im Isarwinkel ermitteln. Die Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang ihres Falls mit einer Tat drei Jahre zuvor? Damals war eine 67-jährige Münchnerin am Leitenberg, einem Vorberg des Braunecks, vergewaltigt und ausgesetzt worden. Die Beamten sind in Begleitung der Kripo Weilheim und sehen sich auch den Bahnhof Obergries an, wo das Opfer damals ausgestiegen ist und bald darauf ihren späteren Peiniger getroffen hat.

Zur Verblüffung der Erdinger und Weilheimer Kripo-Beamten spielt sich vor ihren Augen die eingangs geschilderte Szene ab: „Habt Ihr das für uns nachgestellt?“, fragen die verdutzten Erdinger Kriminaler ihre Weilheimer Kollegen. Die Antwort lautet: Nein. Der Bahnhof in Obergries ist nun mal das Drehkreuz für die Wanderer aus München und Umgebung. Wichtig ist daran: Das kann auch der Täter gewusst und sich auf die Suche nach einem Opfer gemacht haben. Denn dass er gezielt suchte, ist unstrittig. „Wer würde sonst einen Rucksack mit Handschellen und Klebeband mit auf den Berg nehmen?“, sagt der Chef der Kripo Weilheim, Kriminaloberrat Markus Deindl.

Es ist Samstag, 25. November 2006. Die verwitwete Rentnerin will den schönen Tag nutzen, fährt mit dem 9.45-Uhr-Zug der BOB in Richtung Lenggries und steigt in Obergries aus. Sie hat sich zuvor das Längental in einem Wanderführer als nicht gar so schweres Tagesziel ausgeguckt. Die Frau ist herzkrank und möchte lieber in der Ebene gehen. Gut kennt sie sich nicht aus. Sie ist das erste Mal in dem Wandergebiet unterwegs.

Die schicksalhafte Begegnung findet zwischen 11 und 11.30 Uhr an einem Schildermast unweit des Bahnsteigs Obergries statt, wo sie mit einem etwa 40 bis 45 Jahre alten Mann ins Gespräch kommt. Sie nennt ihm das Ziel Längental. Der hagere, 1,75 Meter große Mann mit den markanten schmalen Lippen antwortet in bairischem Tonfall: „Da will ich auch hin.“ Die Zwei marschieren los. Ein Zeuge, auf den sie in der Nähe des Freibads Arzbach treffen, spricht bald darauf sogar kurz mit dem Mann. Es geht um den Weg ins Längental. Auch aufgrund seiner Hinweise kann er später recht exakt beschrieben werden: Dunkle, kurze Haare. Er trägt einen mittelblauen Anorak, Jeans und hellbraune Wanderschuhe. Sein Rucksack ist matt-schwarz und trägt ein knallrotes Logo. Vielleicht sind es die Buchstaben „DB“.

Etwa drei Stunden dauert die nun folgende Wanderung des hintereinander, in einigem Abstand schreitenden Paares. Ein weiterer Zeuge wird sich später melden und seinen Eindruck schildern, dass die beiden zusammengehörten. Entlang des rund zehn Kilometer langen Weges stehen immer wieder Hinweisschilder in Richtung Längental und Brauneck. Als ein Wegweiser nicht mehr passt, reißt ihn der Täter, der voransteigt, blitzschnell um. Die Münchnerin fasst auch keinen Verdacht, als der Weg immer steiler wird und zuletzt sogar in einem lehmigen Holzerpfad mündet. Die Frau, die eigentlich nur in der Ebene wandern wollte, wird 600 Höhenmeter überwinden, bevor sie gegen 14.30 Uhr auf etwa 1200 Meter Höhe am Tatort ankommt. Der Weg ist heute ausgebaut und der Ganterplatz vergrößert und ist nicht mehr zu erkennen, sagt die Kripo.

Plötzlich schlägt der Täter zu. Er zieht ein Messer heraus und fordert Geld von seinem Opfer. Dann fesselt er mit Handschellen die Arme der Frau auf deren Rücken. Ein weiteres Paar nimmt er her, um sie abgelegen im Unterholz an einen Ast zu ketten. Er zieht das breite rote Klebeband aus seinem Rucksack und wickelt den Kopf seines wehrlosen Opfers fast turbanartig ein. Augen, Mund und Nase sind verklebt.

Dann entkleidet er die 67-Jährige teilweise und vergewaltigt sie, wie sie später der Polizei schildert. Nach der Tat packt er den Rucksack seines Opfers und flüchtet den Berg hinab, vermutlich auf demselben Weg wie beim Anstieg. Die Polizei wird später verschiedenste Wanderutensilien der Frau finden. Es können eindeutige DNA-Spuren des Täters gesichert werden.

Es ist mitten am Nachmittag an einem sonnigen, aber kalten Novembertag. Die Temperaturen liegen nachts bereits bei 0 Grad. Die 67-Jährige ist mit den Handschellen so stramm gefesselt, dass die Blutzirkulation stark eingeschränkt ist und Nervenbahnen geschädigt werden. „Selbst ein kräftiger junger Mann hätte sich nicht befreien können“, sagt die Kripo und schließt auch daraus, dass der Täter den Tod des Opfers billigend in Kauf genommen hat.

„Auch hätte die Frau die Nacht mit Temperaturen um die Frostgrenze nicht überlebt“, sagt ein Polizeisprecher schon kurz nach dem Verbrechen. Würde der Täter je gefasst, würde der Vorwurf des versuchten Mordes im Raum stehen, sagt Kriminaloberrat Markus Deindl heute. Deshalb verjährt der Fall auch nicht. Es kämen weitere Straftatbestände hinzu: Aussetzen in hilfloser Lage, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung.

Die Frau starb nicht und wurde gerettet. Sie hatte unglaubliches Glück. Gegen 16 Uhr überprüft ein 39-jähriger Jäger aus Lenggries die Wildfütterungsstelle am Berghang. Durch das Fernglas entdeckt er „etwas leuchtend Rotes“ und denkt zunächst an einen verletzten Waldarbeiter.

Als er zum Tatort aufsteigt, meint das Opfer zunächst, ihr Peiniger kehre zurück. Sie steht erneut Todesängste aus, bis der Jäger sie mit einiger Mühe befreien und ins Tal bringen kann, wo er Rettungsdienste und Polizei verständigt.

Christoph Schnitzer

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