„Mit deinem bisschen Russisch zwei Monate allein nach Russland zu fahren, das ist mutig“: Erika Werner ist froh, dass sie diese und ähnliche Warnungen in den Wind schlug und sich auf große Tour begab, unter anderem an die Wolga bei Jaroslawl und zum Roten Platz in Moskau.

Zwei Monate in Russland

Erst Festnahme, dann riesige Herzlichkeit

Lenggries – Von Russland haben viele Menschen aktuell wegen der politischen Lage kein besonders gutes Bild. Die Lenggrieserin Erika Werner lernte das Land diesen Sommer von einer ganz anderen, menschlichen Seite kennen – auf einer ungewöhnlichen Reise. Mit 68 Jahren begab sich die ehemalige Herbergsmutter allein für zwei Monate auf große Tour.

Erika Werners Reise begann damit, dass sie festgenommen wurde. Es passierte an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland – da wäre ihre große Fahrt fast vorbei gewesen, bevor sie richtig begonnen hatte. Um es vorwegzunehmen: Die Lenggrieserin kam wieder frei und konnte die ungewöhnliche Reise genießen, die sie sich vorgenommen hatte. Die 68-Jährige tourte zwei Monate lang allein durch Russland. Nun ist sie gesund und überwältigt von ihren Eindrücken zurückgekommen.

Kein Transitvisum: Mit fünf Leuten abgeführt

„Meine Liebe zu Russland hat vor 14 Jahren angefangen“, sagt Erika Werner. Am Beginn stand eigentlich ein trauriges Ereignis. Da war eine russische Schülergruppe zu Gast in der Lenggrieser Jugendherberge, die Erika Werner 34 Jahre zusammen mit ihrem Mann Helmut leitete. Kurz vor der Heimreise wurde ein Jugendlicher an der B 13 angefahren. Eine der Lehrerinnen blieb in Lenggries, solange der Bub im Krankenhaus war. In dieser Zeit durfte sie im Gästehaus von Erika Werners Tochter Nicole wohnen. Sozusagen als Gegenleistung gab sie Erika Werner täglich zwei Stunden Russisch-Unterricht: der Beginn einer langjährigen Freundschaft.

Eigentlich wollte Erika Werner zusammen mit ihrem Mann nach Russland fahren, um ihre Freundin Galina zu besuchen. Doch Helmut Werner starb 2014. Als sie sich nun entschloss, die Reise allein anzutreten, stieß sie damit nicht überall auf Verständnis. „Meine Kinder waren entsetzt.“ Und auch von anderen Verwandten und Freunden habe sie immer wieder gehört. „Was, da willst du hin? Da sind die Menschen doch so arm.“ Auch aufgrund der politischen Lage hätten ihr manche abgeraten, in „Putins Reich“ zu fahren.

Doch Vorurteile sind Erika Werners Sache nicht. „Es ist immer schlecht zu sagen: DIE Russen sind soundso.“ Sie selbst habe in Russland jedenfalls ausnahmslos herzliche, gastfreundliche Menschen kennen gelernt – sehr oft mit einer ausgeprägten Liebe zu Deutschland, wie sie jetzt, nach ihrer Rückkehr, berichtet. Von den positiven Eindrücken zu berichten, ist ihr gerade in Zeiten politischer Spannungen wichtig.

Eine der ersten Bekanntschaften in Osteuropa war für die Lenggrieserin allerdings ausgesprochen unangenehm. Die 68-Jährige, die aus gesundheitlichen Gründen nicht fliegen darf, reiste mit dem Zug von Lenggries über München und Wien Richtung Moskau. Im Schlafwagen „habe ich ganz herrlich geschlafen“, sagt sie – bis sie plötzlich um 6 Uhr morgens Zollpolizisten weckten. Das war in Brest, direkt nach dem Grenzübetritt von Polen nach Weißrussland „Eine Frau und ein Mann haben meinen Pass kontrolliert und gesagt, ich hätte kein Transitvisum, ich solle mitkommen.“ Völlig verschlafen habe sie da geantwortet: „Ich brauche kein Visum, und ich bleibe hier.“ Die Polizisten stellten klar, dass sie Werner dann festnehmen müssten. „Ich wurde mit fünf Leuten abgeführt“, berichtet die Lenggrieserin. So sei sie dann in einem Grenzbüro gesessen, habe geweint und verzweifelt versucht, auf dem zunächst nicht funktionierenden Handy ihren Sohn anzurufen. „Da kam mir der Satz meiner Russisch-Lehrerin in den Sinn: ,Erika, mit deinem bisschen Russisch allein nach Russland zu fahren, das ist mutig.‘“

Von Moskau in die Taiga und ans Schwarze Meer

Als sie ihren Sohn schließlich erreichte, habe der als erstes gesagt: „Ich setz’ mich ins Flugzeug und hol’ dich.“ Erika Werners Antwort: „Nein, ich habe doch für morgen Karten fürs Bolschoi-Theater in Moskau.“ Die Vorstellung des Balletts „Gisèle“ sollte sie dann auch tatsächlich noch miterleben. Denn nach einigen Irrungen und Wirrungen und Telefonaten mit Auswärtigem Amt und Botschaften sei eine „nette, Deutsch sprechende junge Frau“ im Zollbüro aufgetaucht. „Sie hat mich in den nächsten Zug zurück nach Polen gesetzt.“ Dort bekam Erika Werner ihr Durchreisevisum. Sie wundert sich noch heute: „Alle, im Reisebüro und in der Botschaft, haben mir gesagt, dass ich kein Transitvisum für Weißrussland brauche“, sagt sie. Ob sie ihrem Pass einen Geldschein hätte beilegen sollen? Erika Werner weiß es bis heute nicht.

Auf ihrer Irrfahrt habe sie an jenem Vormittag wohl recht verheult und verwirrt gewirkt. „Ich hab ja eine große Klappe, aber da ging nichts mehr.“ Von allen Menschen, denen sie in diesem Zustand begegnete, widerfuhr ihr jedenfalls große Hilfsbereitschaft – bis sie schließlich doch noch glücklich in Moskau ankam.

Erika Werner reiste zwar ohne Begleitung – allein war die 68-Jährige in Russland aber nie. Denn ihre Freundin Galina und die Lehrerin Vera, die seinerzeit ebenfalls in Lenggries war, hatten für sie an jedem Ort Ansprechpartner organisiert – Freunde oder Verwandte, die die Besucherin aus Deutschland einluden und herumführten.

So erlebte Erika Werner die ganze Pracht Moskaus sowie die „gewaltigen Kirchen“ auf der Rundreise „Goldener Ring“ durch altrussische Städte im Nordosten Moskaus stets in angenehmer Gesellschaft. „Es war immer jemand da, der Deutsch sprach – und wenn nicht, wurde jemand herbeigeholt“, sagt die Lenggrieserin und vergleicht: „In Amerika hieß es zwar auch immer: ,Besuchen Sie uns doch mal.‘ Aber wenn man dann tatsächlich hingegangen ist, waren die Leute entsetzt. In Russland haben die Menschen das ernst gemeint.“ Wo auch immer sie hinkam: Für die Besucherin wurde reichlich aufgetischt – stets mit dabei: die russischen Pfannkuchen Blini. „Ich habe zehn Kilo zugenommen“, sagt Erika Werner und lacht.

Bekanntschaften schloss sie auch auf ihren langen Zugreisen. Von Moskau aus ging es in zwei Tagen und zwei Nächten weiter ins 1700 Kilometer Luftlinie entfernte Tjumen in Westsibirien, wo Vera und Galina leben. Im Zug könnte sie sich um 8 Uhr abends aufs Ohr legen, hatte Erika Werner vorher gedacht. Daraus wurde nichts – nicht nur wegen der netten Gespräche mit ihrem Abteilgenossen, einem beliebten Professor, der ihr die russische Historie auseinandersetzte. „Als Leute in den anderen Zugabteilen gehört haben, dass ich Deutsch spreche, sind sie gleich hergekommen. Jeder hat sein mitgebrachtes Essen aufgetischt und mit den anderen geteilt, es wurde ein richtiges Fest.“ Und wieder war ein Vorurteil widerlegt: „Alle haben mir vorher gesagt, so eine lange Zugfahrt wäre nicht auszuhalten. Aber die Zeit verging wie im Flug, denn die Menschen waren so lustig und nett.“

Nach einem Abstecher in die sibirische Taiga ging es für Erika Werner als nächstes ans Schwarze Meer: Sie begleitete Vera und Galina sowie acht weitere Lehrer in ein Feriencamp mit 60 Jugendlichen nach Tuapse. In den drei Wochen bekamen die 13- bis 20-jährigen Mädchen und Burschen täglich vier Stunden Deutsch-Unterricht, genossen ansonsten das Strandleben – und pflegten auch liebevollen Umgang mit der Lenggrieserin. „Zum Abschied haben sie sogar ein Lied für mich gedichtet.“ Auch die Besichtigung des rund 100 Kilometer entfernten Sotschi hat die ehemalige Herbergsmutter nachhaltig beeindruckt. „Das ist schöner als Nizza und Cannes – ein Traum.“

Noch einmal drei Tage und vier Nächte reiste Erika Werner von dort im Zug weiter ins nicht minder überwältigende St. Petersburg. Lachend erzählt Erika Werner, wie sie während einer Aufführung von „Schwanensee“ im Mariinski-Theater eine Gruppe schwätzender chinesischer Touristen zur Ruhe rief.

Als sie schließlich Anfang August ein Schiff nach Helsinki bestieg, wurde die Lenggrieserin noch einmal peinlich an ihr Einreise-Abenteuer in Brest erinnert. Denn als sie jetzt den Pass vorzeigte, hielten Grenzbeamte ihr vor: „Sie dürften eigentlich gar nicht da sein. Sie haben keinen Einreisestempel.“ Ihre Antwort „Ich bin aber da. Sehen Sie mich nicht?“ half da anfangs wenig. In den Wirren der Einreise nach Weißrussland war der Einreisetempel wohl vergessen worden. „Ich dachte nur, jetzt geht das schon wieder los.“ Diesmal musste Werner aber nur eine Stunde warten und ihren Pass von vier bis fünf Beamten studieren lassen, bis man sie weiterreisen ließ.

Seit ein paar Tagen ist Erika Werner wieder in Lenggries. Gestillt ist ihre Reiselust noch nicht. „Nächstes Mal“, sagt sie, „fahre ich nach Rumänien, nach Odessa und an den Baikalsee.“

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