Bei der Hegeschau in Lenggries nahm Dr. Christine Miller die Gams-Trophäen unter die Lupe. Sie beklagt, die „Verschwendung von Steuermitteln“ für das neue Forschungsprojekt, da ein ähnliches bereits seit über einem Jahr läuft. Foto: Mk/A

Neues Forschungsprojekt:  Jagd im Bergwald

Wald, Wild, widersprüchliche Ansichten

Bad Tölz/Vorderriß – Mit der Bejagung im Bergwald befasst sich ein Forschungsprojekt, das das bayerische Forstministerium vergangene Woche gestartet hat und bei dem es Unterstützung vom Tölzer Forstbetrieb gibt. Es ist ein Thema, das seit Langem für erbitterte Debatten sorgt.

Während Minister Helmut Brunner hofft, dass das Projekt zu einer „Versachlichung der Diskussion“ führt, hält es die Wildtierbiologin Dr. Christine Miller aus Rottach-Egern für eine „Verschwendung von Steuermitteln“.

Ziel des ministerialen Forschungsprojekts ist es, die Bejagung von Rehen, Hirschen und Gämsen in den bayerischen Bergwäldern zu optimieren. „Wir brauchen gleichermaßen intakte Bergwälder und gesunde, artenreiche Wildbestände“, so Minister Brunner in einer Pressemitteilung. Zu viel Wild gefährde aber die Verjüngung der Wälder. Daher seien „effiziente Bejagungskonzepte notwendig, die den komplexen Wechselwirkungen zwischen Wald und Wild sowie zwi-schen den einzelnen Wildarten Rechnung tragen“.

Das Projekt wird von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft gemeinsam mit den Forstbetrieben Bad Tölz und Ruhpolding durchgeführt und von zwei Wildbiologen begleitet. Daten werden in zwei Modellgebieten erhoben. Eines liegt im Karwendel. „Es geht praktisch um den Bereich zwischen Vorderriß und Mittenwald“, erläutert der Tölzer Forstbetriebsleiter Rudolf Plochmann. Das Areal eigne sich gut, weil es sowohl Hochlagen als auch Schutzwaldsanierungsbereiche, aber auch „normale“ Waldgebiete aufweise. „Es wird unter anderem aufgezeigt, wie sich die Bejagungsstrategien auswirken.“

Daten erhoben werden für Reh, Hirsch und Gams. Das geschieht über genetische Analysen des Kots. „Diese neuartige Methode ermöglicht Experten zufolge genauere Aussagen etwa über Populationsgröße, Geschlechterverhältnis und räumliche Verteilung der Tiere“, so das Ministerium.

Die Daten sollen anschließend mit Informationen zum Jagdmanagement oder zur Verjüngungssituation in den Wäldern verknüpft und Jägern und Förstern zur Verfügung gestellt werden.

Die Kosten in Höhe von 480 000 Euro trägt das Forstministerium. „Eine Verschwendung von Steuermitteln“, befindet Wildbiologin Miller. Denn bereits seit einem Jahr arbeite sie an einem ähnlichen Forschungsprojekt der Deutschen Wildtierstiftung und der Universität für Bodenkultur in Wien. „Ich weiß nicht, warum man eine halbe Million Euro in die Hand nehmen muss, um ein bestehendes Projekt zu kopieren.“

Für sie habe das Ganze „ein Gschmäckle“ und sei wissenschaftlich „nicht so sauber, wie ich mir das von seriöser Forschung wünschen würde“. Zumal die Projektleitung in der Hand eines Försters liege. Miller befürchtet daher, dass die Belange des Wilds eventuell etwas zu kurz kommen könnten.

Sie beklagt aber auch, dass ihre eigene Anfrage an die Bayerische Staatsforstverwaltung, in einem Projektgebiet bei Schiersee Daten zu erheben, einfach abgelehnt worden sei. „Uns wurde gesagt, dass wir das auf öffentlichen Flächen nicht machen dürfen“, sagt die Rottach-Egerin.

Die Gams liegt ihr bei den Untersuchungen besonders am Herzen. Um ihre These zu untermauern, dass nur noch junge Tiere geschossen werden, weil kaum noch alte da sind, griff Miller zu etwas unorthodoxen Methoden. Weil sie auf dem offiziellen Weg nicht in Erfahrung bringen konnte, wie alt die erlegten Gämsen tatsächlich sind, klapperte sie mit Helfern die Hegeschauen zwischen dem Allgäu und Berchtesgaden ab und nahm die ausgestellten Trophäen unter die Lupe.

Auch in Garmisch-Partenkirchen und Lenggries sagte sie sich an. Als Plochmann Wind von Millers Vorgehen bekam, ließ er auf den bereits ausgefüllten Trophäenanhängern das Alter der Gämsen schwärzen. Ein Kleinkrieg entbrannte (wir berichteten).

Miller erhob bei der Lenggrieser Hegeschau trotzdem Daten. Ein eigens von der Jagdkreisgruppe engagierter Sicherheitsdienst sorgte allerdings dafür, dass die Wildbiologin den Trophäen nicht zu nahe kam.

Mittlerweile hat Miller die Daten aus den Hegeschauen ausgewertet. „Wir haben 3000 Trophäen begutachtet.“ Ihr Fazit: „Zwei Drittel der auf Staatsforstflächen geschossenen Tiere sind zwischen zwei und acht Jahre alt. Ein klarer Verstoß, denn diese Klasse müsste eigentlich geschont werden.“

Für Plochmann dürfte dieses Ergebnis keine Überraschung sein. Er hatte sich schon zu Beginn von Millers Untersuchungen „als Ausrotter des heimischen Gamswilds an den Pranger gestellt“ gefühlt. Unter anderem hatte Miller in einer Pressemitteilung im Zusammenhang mit den Staatsforsten von einem „Kartell des Schweigens“ gesprochen.

Plochmann hatte sich schon damals eine „objektive und ergebnisoffene Forschung“ gewünscht statt Daten, „die auf fragwürdige Art und Weise gegen den Widerstand der Betroffenen erhoben werden“. Zumal man das Wohl der Gams nicht isoliert betrachten könne, sondern „in einen Zusammenhang mit dem Wohl des Waldes und der Waldverjüngung stellen muss“.

Ob die neuen Forschungen der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft diesen Wunsch erfüllen, zeigt sich in drei Jahren: Auf diesen Zeitraum ist das Projekt angelegt. „Dass auf die Diskussion über Bejagungsstrategien wissenschaftlich reagiert wird, ist richtig“, sagt Plochmann. Das trage zur Versachlichung bei.

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