Fastenbrechen nach dem Ramadan

Erstes Zuckerfest am Kranzer

Reichersbeuern - Nach einer Flucht über das Mittelmeer feiert Familie I. das Fastenbrechen in ihrem Mobilheim am Kranzer. Statt mit der Großfamilie begehen die Syrer das Ende des Ramadans mit ihren neuen Nachbarn.

Es ist ruhig am Kranzer an diesem warmen Dienstagnachmittag. Nur ein paar Kinder radeln auf den Kieswegen zwischen den 40 mobilen Flüchtlingsunterkünften. Ein Security-Mann schreitet auf und ab, um sie zu ermahnen: „Setzt eure Helme auf!“ Mit der Ruhe ist es schnell vorbei, wenn sich die Wohnwagentür der Familie I. öffnet. Vier Kinder springen in dem kleinen Gemeinschaftsraum umher, ihre Eltern strahlen die Besucher an. „Sitzen bitte“, lautet ihre freundlich-bestimmte Aufforderung.

Ein paar Minuten nach dem herzlichen Empfang sitzt die Familie selbst auf ihrer Polstereckbank. Mama und Papa erzählen, wie das so ist mit dem Ramadan als Flüchtlingsfamilie. „Zuhause waren wir immer 30 Leute“, erinnert sich Mohammed I. an das Fastenbrechen in der syrischen Heimat. „Jetzt sind wir hier allein“, ergänzt seine K., die wie ihr Mann eine Mischung aus Englisch und Deutsch spricht. Einen einsamen Eindruck erwecken die I. nicht – zumal der Vater berichtet: „Die Afghanen oder die anderen Syrer hier kommen zu uns rüber – oder wir gehen zu ihnen.“

Es sind Nachbarschafts-Freundschaften entstanden am Kranzer. In Sachen Ramadan gibt es allerdings einen Unterschied zwischen den Bewohnern. Senegalesen und Malinesen feierten das Zuckerfest bereits gestern, für Syrer wie Familie Ismaeel endet die Fastenzeit am heutigen Mittwoch. Es kommt darauf an, wann der Neumond, der den Monat Shawwal des islamischen Kalenders einleitet, zum ersten Mal in den jeweiligen Ländern zu sehen ist. Die I. nehmen den Ramadan mit dem Verzichten auf Essen und Trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sehr ernst. Mohammed I. zeigt seinen Gebetsteppich, den er fünfmal täglich gen Mekka ausrichtet. „Die ersten zwei Tage waren hart, dann aber war es kein Problem mehr“, sagt K., die trotzdem erleichtert ist, dass nun wieder geregelte Nahrungsaufnahme angesagt ist. „Wir machen eine große Party für die Kinder.“ Die Luftballons baumeln schon von der Decke. Kartoffeln und Reis werde es geben, aber auch traditionelle Süßigkeiten. Die 25-Jährige stellt selbstgemachte Dattel-Schokopralinen mit Kokospulver auf den Tisch. Gerne dürfe man probieren, die Kinder müssen aber auf den syrischen Vollmond warten. Das sollen sie schon mal lernen. Die Eltern zelebrieren das Ramadan-Ende für ihren Nachwuchs, obwohl der gar nicht gefastet hat. Kinder sind im Islam bis zur Pubertät dazu nicht verpflichtet.

Hier, auf diesen rund 36 Quadratmetern am Kranzer lassen sich die Regeln des Ramadan einhalten. In Damaskus hat es die Familie nicht mehr ausgehalten. Der Krieg, tägliche Bombeneinschläge nebenan. Auf der Flucht – die Familie ist nach zwei Monaten in Landsberg seit sechs Monaten in Reichersbeuern – wäre Fasten und Beten wohl nicht so leicht möglich gewesen. Mohammed I., der in Syrien als Ingenieur gearbeitet hat, berichtet von einem „Sechs-Meter-Boot für 50 Leute“, mit dem sie von der Türkei nach Griechenland gefahren seien – nach eineinhalb Jahren in einer türkischen Unterkunft. Schließlich ging es durch Mazedonien, Serbien und so weiter. Die sogenannte Balkan-Route. Teilweise mit dem Zug – oft auch zu Fuß.

Tobias Gmach/Leo Binelli

Mehr zum Thema

Auch interessant

<center>Süße Weihnachtsbäckerei</center>

Süße Weihnachtsbäckerei

Süße Weihnachtsbäckerei
<center>CD "Stubnmusik zur Advents- und Weihnachtszeit"</center>

CD "Stubnmusik zur Advents- und Weihnachtszeit"

CD "Stubnmusik zur Advents- und Weihnachtszeit"
<center>Honigwilli</center>

Honigwilli

Honigwilli
<center>Honigschlehe</center>

Honigschlehe

Honigschlehe

Meistgelesene Artikel

Pflegeheim: Ausstieg mit Hintertürchen

Lenggries/Bad Tölz - Der Landkreis steigt aus dem Kreispflegeheim in Lenggries aus. Auch die Investitionen in einen Neubau wird er nicht stemmen – zumindest nicht …
Pflegeheim: Ausstieg mit Hintertürchen

Tölzer Knabenchor lädt heute zum Nikolaus-Konzert ins Kurhaus

Tölzer Knabenchor lädt heute zum Nikolaus-Konzert ins Kurhaus

Einbrecher erbeutet mehrere tausend Euro

Benediktbeuern - Nach einem Einbruch am Kirchenweg hofft die Polizei auf Hinweise aus der Bevölkerung. Der Dieb war über die Terrassentür ins Haus gelangt.
Einbrecher erbeutet mehrere tausend Euro

Kommentare