+
Unterstützung von den Pflegeeltern: Antonie und Andreas Dachsberger helfen ihrem Pflegesohn Astevan (Mi.) bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle. Die gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Integration

Zu hohe Hürden vor dem Traumjob?

Reichersbeuern - Der Pflegebereich braucht dringend Fachkräfte-Nachwuchs. Und viele junge Flüchtlinge sind motiviert und talentiert, um in soziale Berufe einzusteigen. Passen da zwei Puzzleteile perfekt zusammen? Der Fall des in Reichersbeuern lebenden Irakers Astevan (17) zeigt, dass die Realität nicht ganz so einfach ist.

Vor wenigen Tagen hat das neue Lehrjahr begonnen. Der 17-jährige Astevan hätte sich gewünscht, am 1. September ebenfalls zu den jungen Leuten zu gehören, die in die Berufsausbildung starten. Seine Chancen standen vermeintlich gut. Denn in seinem Traumberuf Pflegehelfer wird dringend Nachwuchs benötigt. Astevan ist intelligent, fleißig und ehrgeizig, und von verschiedenen Seiten hat man ihm die nötige soziale Kompetenz bescheinigt. Allerdings musste Astevan die Erfahrung machen: Der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist für Flüchtlinge oft schwerer als gedacht – auch aufgrund von formalen Hürden.

So schnell wie möglich eigenes Geld verdienen, den eigenen Lebensunterhalt bestreiten und mit der ganzen Familie eines Tages wiedervereint in Deutschland zusammenleben. Das sind die großen Ziele von Astevan. Dafür ist er bereit, hart zu arbeiten. Der Jugendliche floh aus seiner Heimatstadt Mossul im Irak, die 2014 vom Islamischen Staat eingenommen wurde. Im Juni 2015 kam er mit 16 Jahren als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in Deutschland an. Sein Weg führte ihn über Landsberg/Lech Anfang 2016 zur Familie Dachsberger nach Reichersbeuern, die ihn als Pflegesohn aufnahm.

„Ich habe sofort angefangen, Deutsch zu lernen“, berichtet er. Anfangs habe er sich alle Wörter, die er aufschnappte, auf den Arm geschrieben. Als er zur Schule durfte, war er in seiner Flüchtlingsklasse bald einer der Besten. Drei Tage nachdem er in Reichersbeuern angekommen war, hatte er seinen ersten Schultag in der neunten Klasse der Tölzer Montessorischule.

Bei einem dreiwöchigen Praktikum im Tölzer Krankenhaus reifte sein Berufswunsch. „Ich habe den Patienten geholfen, ihnen gebracht, was sie brauchen, und sie haben sich gefreut, mit mir zu sprechen“, sagt er. „Man hat ihm großen Fleiß, Enthusiasmus, Einfühlungsvermögen, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Lerneifer attestiert“, sagt Pflegemutter Antonie Dachsberger. Als Astevan sagte, er wolle eine Ausbildung in diesem Bereich machen, ermutigte sie ihn. „Ihm macht es großen Spaß, Menschen zu helfen, er hat sich binnen kürzester Zeit sehr gut bei uns eingelebt, spricht bereits recht gut Deutsch und ist integriert – da müsste man doch meinen, dass wir genau so jemanden im Pflegeberuf dringend brauchen können“, meint Dachsberger. Heute sagt sie: „Die Realität sieht anders aus.“

An der Krankenpflegeschule der Asklepios-Stadtklinik platzte der Traum gleich bei der ersten telefonischen Anfrage. „Man hat uns gesagt, wenn er nicht Sprachniveau B1 oder B2 nachweisen kann, braucht er sich gar nicht erst zu bewerben“, berichtet Dachsberger. B1 und B2, das sind offiziell anerkannte Kenntnisstufen nach dem „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen“, über die man Zertifikate erlangen kann.

Antonie Dachsberger ist selbst Lehrerin und wundert sich: „B2 – das hat man nach sieben Jahren Englisch-Unterricht am Gymnasium.“ Astevan kann sich zwar weitgehend auf Deutsch verständigen – ein Zertifikat hatte er aber nicht in der Hand.

Am Krankenhaus Agatharied wurde er trotzdem in ein Assessment-Center eingeladen. Doch als er schriftlich einen kleinen Fragebogen über seine Motivation ausfüllen sollte, wurde seine schriftliche Ausdrucksfähigkeit für nicht ausreichend befunden. Auf Bitten seiner Pflegeeltern bekam Astevan sogar noch eine zweite Chance. Auf den erneuten Termin bereitete sich der junge Iraker intensiv durch „Power-Learning“ mit einer Freundin der Familie vor, büffelte eigens Fachvokabular aus dem Pflegebereich.

„Man hat ihm dann einen kleingedruckten, überaus komplexen zweiseitigen Fachtext aus einem Pflegelehrbuch vorgelegt“, sagt Antonie Dachsberger. „Er bekam 15 Minuten Zeit, diesen durchzulesen und drei Fragen dazu schriftlich zu beantworten. Diese Aufgabe hätte die Hälfte meiner Zehntklässler nicht erfüllen können – geschweige denn Absolventen der Mittelschule, für die diese Ausbildung eigentlich gedacht ist.“

Für die 50-Jährige und ihren Mann, den Bauingenieur Andreas (52) ist unverständlich, warum die Zugangsvoraussetzungen so hoch sind. In der Praxis könne Astevan die Aufgaben eines Pflegehelfers doch perfekt bewältigen, sind sie überzeugt. „Und die Gesellschaft braucht dringend Leute wie ihn“, argumentiert Antonie Dachsberger. Es werde in den kommenden Jahren kaum möglich sein, die vielen Flüchtlinge auf das Sprachniveau B2 zu bringen. „Wollen wir deshalb lieber Hartz IV bezahlen, als dass wir die jungen Leute fördern und in den Beruf bringen, damit sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen?“, fragt sie.

Auf Anfrage des Tölzer Kurier bestätigt Angelika Eckl, die Leiterin des Asklepios-Bildungszentrums für Gesunheitsberufe in Bad Tölz, die Zugangsbedingungen für die Ausbildung zum Pflegehelfer: neben dem Abschluss des 16. Lebenjahrs, der gesundheitlichen Eignung und einem Mittelschulabschluss auch das Sprachlevel B2. Warum Letzteres nötig ist? „Diese Kriterien gibt der Gesetzgeber vor“, antwortet Eckl. In den vergangenen Monaten seien „vereinzelte Anfragen“ von Asylbewerbern nach einem der 18 Ausbildungsplätze zum Pflegehelfer eingegangen. Geklappt hat es in keinem Fall. „Leider scheiterte eine erfolgreiche Zulassung an fehlenden Deutschkenntnissen und/oder einer fehlenden Arbeits- beziehungsweise Aufenthaltserlaubnis.“

Das Krankenhaus Agatharied schickt zur Antwort auf die schriftliche Anfrage des Tölzer Kurier eine Pressemitteilung. Der Inhalt: Als dort am 1. August die einjährige Ausbildung zum Pflegefachhelfer begann, war „dieses Mal alles anders“. Denn von den 16 Schülern seien acht Flüchtlinge, die im Rahmen eines Berufsintegrationsjahrs auf die Ausbildung vorbereitet worden seien. Das Krankenhaus habe dazu eigens das Projekt „Fit für den Arbeitsmarkt“ initiiert und dazu ein umfangreiches Paket geschnürt: „Dieses umfasst zusätzliche Sprachkurse ebenso wie ein eigens entwickeltes Tutorenkonzept oder zusätzliche Vertiefungsstunden. Um besser auf die einzelnen Schüler eingehen zu können, wurde die Klassenstärke von 20 auf 16 reduziert.“

Warum Astevan nicht von diesem Projekt profitieren konnte, dazu äußert sich der Pressesprecher des Krankenhauses Agatharied nicht. Für den 17-Jährigen hat sich mittlerweile aber ein anderer Weg aufgetan. Er nimmt an einem Programm der Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) München teil, bestehend aus einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einer Klinik, Deutschförderung und der Vorbereitung auf den Mittelschulabschluss.

Seine Sprachkenntnisse hat er übrigens in der Zwischenzeit in einem offiziellen Test unter Beweis gestellt. Ergebnis: Level B1. Eigentlich wäre sein Deutsch also gut genug gewesen.

Mehr zum Thema

Auch interessant

Trachtenweste / Gilet weinrot

Trachtenweste / Gilet weinrot

Trachtenweste / Gilet weinrot
Trachtenweste / Gilet grün

Trachtenweste / Gilet grün

Trachtenweste / Gilet grün
Dirndl-Strickjacke

Dirndl-Strickjacke

Dirndl-Strickjacke
Dirndl "Apia"

Dirndl "Apia"

Dirndl "Apia"

Meistgelesene Artikel

Kommentare