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Er weiß, woher der Wind weht: Kabinenführer Ivan Zagorac hat das Display mit den Windgeschwindigkeiten bei jeder Fahrt im Auge. Ab 20 Metern pro Sekunde stoppt er die Herzogstandbahn per Knopfdruck.

Herzogstandbahn

Mit Schaffner Ivan auf 1600 Meter

Walchensee - Vier Minuten dauert eine Seilbahn-Fahrt auf den Herzogstand. Ivan Zagorac fährt an guten Tagen 80 Mal rauf und runter. Das Multitalent hat sich in 25 Jahren als Kabinenführer so manchen Spaß erlaubt.

Ivan Zagorac ist Tanzlehrer, Sprengmeister, Pistenraupenfahrer, Musiker, Parkplatzeinweiser und Technikgenie. Unter „Qualifikationen“ könnte er im Lebenslauf noch anfügen, dass er vier Sprachen spricht. Was dieser 57-jährige kleine Mann mit dem akkurat gekämmten Haar beruflich noch so macht?

Auf 1600 Metern schließt Zagorac die Türen. Während er per Knopfdruck den Startvorgang einleitet, sagt er: „Manche Leute kriegen Probleme mit dem Kreislauf. Ich lege ihnen dann die Beine hoch, nach zwei Minuten ist meistens alles wieder gut.“ Dann taucht die Kabine der Herzogstandbahn hinab ins fast schon kitschig-schöne Postkarten-Panorama aus Walchensee und Alpengipfeln. Mit 28 Stundenkilometern schweben knapp 30 Menschen und ein Hund Richtung Talstation. Dort angekommen meint man, dass Zagorac auch noch Wahrsager ist: Kurz bevor einer älteren Dame schwarz vor Augen wird, muss ihr Zagorac die Beine hochlegen. Zwei Minuten, alles gut.

Ivan Zagorac ist Kabinenführer. Kutschiert eine Seilbahn mehr als 15 Personen, braucht sie einen Begleiter. So will es das Gesetz. Das Gesetz hat sicher auch nichts dagegen, dass am Herzogstand ausgerechnet der Seilbahnangestellte Zagorac diesen Job erledigt. Nach bald 25 Dienstjahren weiß er, woher der Wind weht. „Wenn er von der Seite mit zehn oder elf Metern pro Sekunde kommt, muss man aufpassen“, sagt Zagorac. Aufpassen heißt, die Geschwindigkeit an die Böen anzupassen. Oder die Bahn ganz zu stoppen. Der Schaffner hat einen Knopf für das sanfte und einen Hebel für das ruckartige Bremsen. Wenn es nicht mehr weitergehen darf, packt Zagorac gerne seinen Humor aus. Das klingt dann so: „Hier ist die Aussicht besonders schön. Fotografieren Sie ruhig.“ Oder so: „Ausgerechnet an der höchsten Stelle müssen wir halten.“ Die Leuten wüssten dann schon, dass es Spaß ist. Was nicht jeder weiß: Zagorac und die anderen vier Kabinenführer am Herzogstand haben in Schulungen gelernt, wie sie in Paniksituationen beruhigend einwirken können – und wie sie sich und andere aus der Bahn sicher abseilen.

Die Luke im Metallboden der Kabine nutzt Zagorac vornehmlich im Winter, wenn er eben mal eine Lawine sprengen muss. „Aber die Zündschnur muss lang sein, damit man mit der Kabine weit genug wegfahren kann.“ Diesmal ohne Witz. Lustig fand Zagorac den Hund, der einst schnurstracks in seine Kabine marschierte, um sich den weiten Weg zu sparen. Das Herrchen, einen Förster, ließ der 57-Jährige dann nur wissen, dass sein Hund „schon runtergefahren“ sei.

Zagorac erzählt Anekdoten wie die vom Enkel, der sich aus Mangel von Alternativen in Opas Geldbeutel erbrach, mit einem begeisterten Grinsen im Gesicht. Was für die Passagiere ein überwältigendes vierminütiges Naturkino ist, ist für Zagorac Routine. 60 bis 80 Mal am Tag fährt er rauf und runter. „Einmal waren es über 100 Fahrten“, erinnert er sich. Seine Gäste versuchen gerne, das kurze Erlebnis in vollen Zügen zu genießen – und öffnen die Fenster. „Und ich habe dann am Abend Halsweh“, ärgert sich Zagorac, dessen Arbeit nicht nur aus Knöpfchendrücken besteht. Für Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen öffnet er an der Bergstation die Tore, Wissbegierigen nennt er die Namen der vielen Berggipfel.

„Aber alle kenne ich nicht“, sagt der Mann, der früher in seinem Geburtsland Kroatien Tanzturniere gewonnen hat. Nachdem Zagorac mit 14 nach Deutschland gekommen war, arbeitete er in einer Benediktbeurer Kfz-Werkstatt. Deshalb löst er auch gerne technische Probleme der Seilbahn – wenn er nicht gerade die Räder der Pistenraupe wechselt oder die steilen Ski-Hänge mäht. „Nach 16 Jahren in der Werkstatt mit den ganzen Abgasen wollte ich raus“, sagt Ivan Zagorac. Er hat alles richtig gemacht.

Tobias Gmach

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