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Für seine Arbeit in Dachau erhielt Albert Knoll schon einen internationalen Preis.

Archivar der KZ-Gdedenkstätte

Er gibt den Opfern Namen und Gesicht

Dachau - Albert Knoll ist der Herr über die Dokumente in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Der 57-Jährige leitet das Archiv. Sein Job geht weit über den Umgang mit Schriftstücken und Fotos hinaus. Deshalb erhielt Knoll sogar schon einen internationalen Preis.

Wenn Albert Knoll jeden Morgen den Hof der KZ-Gedenkstätte entlang geht, um zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen, dann gehört das Bild der hohen Mauern und Wachtürme für ihn zum Alltag. Seit fast 20 Jahren geht er den Weg, den auch die Häftlinge gehen mussten. Knolls Weg führt zum Archiv der Dachauer Gedenkstätte, das er leitet. Auch der Blick aus dem Fenster des nüchtern und modern eingerichteten Verwaltungsgebäudes ist für ihn Routine. „Wenn ich sehe, wie jemand auf dem Hof in Tränen ausbricht und ich dann nicht von meinem Schreibtisch wegkann, um ihn zu trösten, dann macht mich das unendlich traurig.“ Dann ist von Normalität nichts mehr zu spüren.

Das Leiden der Menschen und die Gräueltaten der Nazis sind für Albert Knoll zum Greifen nah. Der 57 Jahre alte Münchner archiviert nicht einfach nur Schriftstücke, er gibt den Opfern der NS-Zeit einen Namen, ein Gesicht. Jede Mappe mit Unterlagen wird in Albert Knolls Händen wieder lebendig. „Für mich ist es nicht belastend, hier zu arbeiten. Ich finde es wichtig, dass diese Geschichten von Deutschen, wie ich einer bin, wachgehalten und bearbeitet werden.“

Über 70 Jahre nach Kriegsende erhält Knoll fast wöchentlich immer noch neues Material. Viele der Schriftstücke, wie zum Beispiel ein Entlassungs- oder Entschädigungsschein, Fotos, geschwärzte Briefe, die aus dem Lager geschickt wurden, erhält er von Angehörigen ehemaliger Häftlinge. Erst vor ein paar Wochen hat Albert Knoll von einer Dame einen ganzen Nachlass eines konservativen Widerstandskämpfers aus Wien erhalten. „Sie hat das Päckchen wohl vor Jahren auf dem Flohmarkt erworben und es uns jetzt zur Verfügung gestellt“, erklärt Albert Knoll. Es stellte sich heraus, dass der Mann im Lager als Fahrer für die SS gearbeitet hat. „Es gibt einen Einsatzbefehl vom Reichsführer der SS, in dem steht, dass die Häftlinge einschließlich der gesamten Wachmannschaft in ein Gebirgstal in Tirol, vorläufiges Ziel Ötztal, zu verlagern sind“, erklärt Albert Knoll. Dies sei eines der seltenen Dokumente, die belegten, „dass auch der Evakuierungsmarsch, wie die SS den Todesmarsch nannte, organisiert war.“

Der gesamte Nachlass des Wieners besteht aus etwa 150 Dokumenten. Knolls Aufgabe ist es nun zu sichten, zu verzeichnen, zu scannen und der Mappe einen Namen zu geben. Die Originale werden in säurefreien Materialen aufbewahrt. Für Forscher und Besucher werden die Unterlagen digital und als Farbkopie zugänglich gemacht.

„Trotz der Datenbank ist es wichtig, selbst einen Überblick zu haben. Es gibt immer neue Forschungsansätze, und nicht alles ist auch schlagwortmäßig erfasst“, so der 57-Jährige.

Neben Forschern hilft Albert Knoll auch den Mitarbeitern der Gedenkstätte, um zum Beispiel Material für neue Museumsausstellungen zusammenzustellen. Doch das umfasst noch längst nicht das ganze Aufgabengebiet des Archivars – auch viele Angehörige bitten um Hilfe, wenn sie Informationen über ein Familienmitglied bekommen möchten. „Viele wissen nichts und haben nur eine Vermutung, dass Angehörige in Dachau untergebracht wurden. Wenn ich ihnen dann Auskunft erteilen kann, in welcher Baracke jemand gelebt oder auch gestorben ist, dann können sie Abschied nehmen“, so Albert Knoll.

Dabei bemüht er sich um Distanz. „Ich gehe nicht ganz geschäftsmäßig damit um, manchmal muss auch ich mir eine Träne verdrücken. Aber es bringt nichts, mit den Angehörigen mitzuweinen.“ Viele Angehörige legen dann zum Beispiel am Hof oder auch in der Baracke eine Rose nieder und zünden eine Kerze an. „Für sie ist es ein Ort, um Abschied zu nehmen, um zu trauern.“

Knoll gibt den Menschen Halt. Sein großes Wissen und seine mitfühlende Art spenden Trost. „Was an Steinen hier steht, das ist Alltag. Es sind die emotionalen Äußerungen der Besucher, die mich erreichen.“

Nicht umsonst wurde Albert Knoll bereits mit dem „Archivist of the Year Award“ in New York ausgezeichnet. Auch dank seiner Arbeit wird der Ort des Grauens zu einem Ort der Erinnerung, zu einer Begegnungsstätte. Zu einem Ort, um Abschied zu nehmen. Regina Peter

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