Klare Meinung zum Brexit

„Wenig Gefühl für offene Grenzen“

Dachau - Am morgigen Donnerstag ist es soweit: Großbritannien stimmt über einen Austritt aus der Europäischen Union ab. Wie stehen Mitbürger mit britischen Wurzeln aus dem Landkreis zu einem möglichen Brexit?

Die Großberghoferin Karen Barkham, gebürtige Engländerin aus Farnborough, hat eine eindeutige Meinung: „Oh ja, ich bin für einen Verbleib in der EU“, beteuert die 50-Jährige. „Wir genießen die Freiheit in der EU.“ Die Lehrerin für Kunst und Englisch an der Dachauer Montessorischule besitzt einen britischen Pass, wohnt aber seit 1996 in Deutschland. Abstimmen darf sie am Donnerstag nicht, da sie länger als 15 Jahre hier in Deutschland gemeldet ist. „Das ist schon schade, weil der Brexit betrifft uns auch“, meint Barkham.

Und das in vielerlei Hinsicht. Die 50-Jährige ist zwar in Deutschland gemeldet, ihr Mann aber in England. „Wir haben dort viele Verwandte, sie sind ja nur zwei Stunden mit dem Flieger entfernt. Ich bin gespannt, ob wir sie nach einem Austritt noch so einfach besuchen können“, zweifelt Barkham. Sie stellt sich viele Fragen: „Wenn mein Mann hier erkrankt, kann er dann so einfach in Deutschland behandelt werden?“ Denn: Eine Behandlung sei bisher über Regelungen der EU gedeckt. Karen Barkham veranstaltet mit ihren Klassen regelmäßig eine Abschlussfahrt nach England. „Wenn eines der Kinder dort erkrankt, wer deckt dann die Arztrechnung?“ EU-Befürworter oder -Gegner zu sein, sei unabhängig von Herkunft oder Einkommen. Auch auf Social-Media-Seiten geben die Briten ihre Meinung ab, die EU-Gegner mit teils abstrusen Behauptungen. „Bei manchen Kommentaren im Internet werde ich echt grantig“, gibt die EU-Befürworterin Barkham zu.

Tim Reeves aus Dachau würde dagegen „vermutlich für ,Leave’ stimmen“, für den Austritt des Königreichs aus der EU. Der 61-jährige Verwalter von Internetseiten würde das rein hypothetisch, denn abstimmen darf auch er nicht. Im englischen Kent geboren, lebt Reeves seit 39 Jahren in Deutschland, seine alte Heimat England besucht er gelegentlich wegen der dort lebenden Mutter. Egal, was nach dem Abstimmungstag kommen mag, „die Briten raufen sich schon zusammen“, meint er. Tatsache sei jedoch, dass die Briten als Inselvolk das Gefühl der offenen Grenzen nicht so teilen wie Kontinentaleuropäer. Mit dem Vote für einen Brexit könne Großbritannien ein Souverän bleiben, über dessen Kurs alleine die Wählerschaft im Lande entscheidet. „Gemäß dem Motto: My home is my castle“, meinte Reeves.

Die Arnbacherin Helen Sippl bezeichnet sich als überzeugte Europäerin. „Es ist für mich unvorstellbar, dass ich ein Visum brauchen könnte, um zwischen Großbritannien und Deutschland reisen zu können.“ Die 50-Jährige besitzt die britische Staatsbürgerschaft, sie stammt aus der Grafschaft Hampshire. Abstimmen darf jedoch auch Helen Sippl nicht – auch für sie völlig unverständlich. Sie sei „natürlich“ für einen Verbleib in der EU. „Zurückgehen funktioniert nur in den seltensten Fällen“, meint sie. Positiv an der Abstimmung sei jedoch, dass sich die Menschen Gedanken über die EU machen und die „viele Bürokratie“ der Union hinterfragen. Hellen Sippl glaubt aber sehr stark an Europa und dessen Werte. Seit 30 Jahren ist die Lehrerin für Business-Englisch hier – bei einem Austritt Großbritanniens aus der EU wäre sie plötzlich „kein Teil von Europa mehr".

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