Eine Gedenktafel zu Ehren von Nikolaus Lehner hängt seit einem Jahr am Pavillon des Jugendgästehauses. Tochter Juliane Alon war von dieser Geste gerührt. foto: hab (Archiv)

Eine späte Ehrung

Dachau - Nikolaus Lehner ist in Dachau geblieben. Als Überlebender des KZ. Er hat hier nicht nur gelebt, sondern jahrelang gekämpft. Für das Gedenken, für die Begegnung - und gegen das Vergessen. Geehrt wurde er hier nie. Bis jetzt: Nun soll die Berufsschule Dachau seinen Namen tragen.

Er war bekannt in Dachau. Als Chef von „Sperrholz Lehner“, einem Holzverarbeitungsbetrieb, erst in der Feldiglstraße, dann in der Karl-Benz-Straße. „Ich weiß noch, wie wir als Buben damals immer zu ihm geradelt sind, um Sperrholz zu holen“, erzählte Wolfgang Offenbeck (CSU) in der Sitzung des Schulausschusses, in der einstimmig beschlossen wurde, dass die Berufsschule zur „Nikolaus-Lehner-Schule“ umbenannt werden soll. Das ist parteiübergreifend so: Auch Marianne Klaffki, Hans Lingl (FW) und Hansjörg Christmann (CSU) erinnern sich noch gut an den Dachauer. Denn Nikolaus Lehner war kein gewöhnlicher Einheimischer. Er ist auf einem schrecklichen Weg nach Dachau gekommen: Er wurde deportiert und im KZ inhaftiert.

Nikolaus Lehner war der einzige jüdische KZ-Häftling, der nach seiner Befreiung in Dachau blieb. Er baute sich hier ein neues Leben auf. Er heiratete und zog hier seine drei Kinder groß. Er eröffnete das Holzunternehmen. Und er sorgte dafür, dass in Dachau ein Bewusstsein geschaffen wurde. Für das Gedenken. Gegen das Vergessen.

Und genau das war ein beschwerlicher Weg. „Es war gewiss kein einfaches Leben für eine jüdische Familie in den Aufbaujahren nach dem Krieg in Dachau“, betonte Barbara Distel in ihrem Vortrag beim Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte, das 2012 Lehners Andenken gewidmet war. Über ihre Erlebnisse konnten die Lehners mit niemandem reden. Über die Jahre zwischen 1933 und 1945 wurde einfach nicht gesprochen. Und so blieb auch Nikolaus Lehner still.

Doch 1979 kam der Umbruch. Durch die Fernsehserie „Holocaust“ rückte das Thema endlich in die Öffentlichkeit. Lehner initiierte einen Austausch mit einem Gymnasium in Jerusalem. Und: Er begann, als Zeitzeuge über seine Geschichte zu sprechen. So wurde Lehner zum „Mahner, Aufklärer und Zeitzeugen“ in Dachau, so Distel. Lehner war der erste, der die Idee zu einer Begegnungsstätte hatte. 1980 war das. Doch die fand jedoch bei Oberbürgermeister Lorenz Reitmeier „keinen Widerhall“, so Distel. Es begann ein jahrelanges Ringen - um die Begegnungsstätte, und um das Gedenken.

1988 etwa lehnte der Kulturausschuss der Stadt den Vorschlag, eine Gedenktafel am Rathaus anzubringen, als „unzweckmäßig“ ab. Der Beschluss wurde zwar wieder rückgängig gemacht, doch es kamen noch mehr Widrigkeiten auf Lehner zu: eine Wohnsiedlung bis an die Mauer des ehemaligen KZ, eine Bordell-Eröffnung in der Nähe, eine geschmacklose Werbebroschüre der Stadt, die in der Gedenkstätte auslag.

Und der ewige Widerstand gegen das Jugendgästehaus. In einem Artikel der Zeitschrift „Focus“ sagte Nikolaus Lehner 1995, dass es die Stadt darauf abgesehen habe, dass nur noch möglichst wenig Zeitzeugen die Eröffnung der Begegnungsstätte miterleben können. „Meistens kann ich ganz gut mit dieser Antihaltung fertig werden, weil ich damit fertig werden muss“, sagte Lehner damals. „Aber ab und zu kommt ein Zusammenbruch. Dann landet man im Krankenhaus, wie jetzt vor drei Wochen, und die Ärzte finden nichts Körperliches. Und dann heißt es: zu viel Stress.“

Auch Lehners Tochter Juliana Alon berichtete beim Symposium über den Druck, der ein Leben lang auf ihrem Vater lag. Als er als Zeitzeuge Vorträge hielt, sagte er manchmal, dass es schwer für ihn war. „Als Psychotherapeutin weiß ich heute, dass er immer wieder im Erzählen durchlitt, was ihm widerfahren war“, erklärte Alon.

1998 wurde das Jugendgästehaus in Dachau eröffnet. Von der Stadt wurde Lehner nie geehrt. 1995 erhielt Lehner das Bundesverdienstkreuz. Seine Tochter hatte es für ihn beantragt.

Nina Praun

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