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Wie frei muss man sein? Diese Frage stellen sich die Brüder Mihai (Alex Margineanu) und Emil (Razvan Enciu) auf der Reise mit ihrem schwerkranken Vater (Ovidiu Schumacher) von Ost nach West im Europa der 60er Jahre.

Filmstart von "Reise mit Vater" im Cinema Dachau 

Erster Kinofilm einer Dachauer Regisseurin

Ende der 80er Jahre gab es noch Ohrfeigen für unerwünschte Aussagen – heute wird die Dachauerin Anca Dunga als Regisseurin für die Filme über ihre einstige Heimat Rumänien groß gefeiert. Am heutigen Freitag präsentiert sie ihren neuen Film im Cinema.

 „Bei uns in Rumänien sind Zucker und Kartoffeln inzwischen streng rationiert.“ Das erzählte die neunjährige Anca Miruna Lazarescu Ende der 80er Jahre ihren Gasteltern in Thüringen. Und dafür setzte es Ohrfeigen vom rumänischen Pioniersbetreuer. Heute ist Anca Miruna Dunga 37 Jahre alt und erfolgreiche Regisseurin. Seit 1990 lebt sie in Deutschland, seit 2009 mit Mann und zwei Kindern in Dachau. Ihr Spielfilmdebüt „Reise mit Vater“ wurde nun mit dem Cinema-Award des Verbands des Filmkunstkinos ausgezeichnet und kommt diese Woche deutschlandweit ins Kino. Am morgigen Freitag wird der Film in Dachau gezeigt, und Anca Dunga wird auch anwesend sein und Fragen beantworten.

Die Regisseurin Anca Miruna Dunga bei der Cinema- Award-Verleihung in Ungarn. 

In der Tragikomödie arbeitet Anca Lazarescu – den Film hat sie unter ihrem Mädchennamen veröffentlicht – die Vergangenheit ihrer Familie im sozialistischen Rumänien auf: Der „Vater“ im Film ist Anca Dungas Großvater, und die Geschichte ist angelegt an seine Reise in die DDR.

Rumänien im August 1968: Die Brüder Mihai (Alex Margineanu) und Emil (Razvan Enciu) wollen mit ihrem schwerkranken Vater (Ovidiu Schumacher) aus ihrer Heimatstadt Arad in Westrumänien nach Ostdeutschland reisen. Denn nur dort kann die lebensrettende Operation für den Vater stattfinden. Das ungleiche Dreiergespann bricht auf und gerät mitten in die Wirren des „Prager Frühlings“. Alle drei werden in ein Auffanglager in Ostdeutschland gesteckt und verpassen den Termin für die Operation. Mittlerweile sind die Grenzen der Tschechoslowakei dicht. Die Rückreise ist nur über die BRD möglich. Die rumänische Familie landet in einem linken Wohnkollektiv in München.

Der 18-jährige Emil stellt Anca Lazarescus eigenen Vater als jungen Mann dar. Aufsässig, voller Hoffnung auf einen gerechten Sozialismus ohne Menschenverachtung und verliebt in Neli, seine erste große Liebe. „Ich habe versucht, möglichst nah an der originalen Geschichte zu bleiben“, erklärt die Regisseurin. Unzählige, intensive Gespräche mit dem Vater halfen Lazarescu beim Drehbuch. Ihr Vater verstarb aber vor Veröffentlichung des Films. „Er hat mir beim Drehbuch sehr geholfen“, sagt Anca Lazarescu. Sie senkt den Kopf.

Die Hoffnung auf einen besseren Sozialismus war für ihren Vater damals real und die Liebe zu Neli sehr stark. So entschied sich Emil für eine Rückkehr nach Rumänien. Wenig später jedoch stellte sich heraus, dass diese Hoffnungen nur Träume waren. Desillusioniert durfte Emil Rumänien bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1990 nicht mehr verlassen.

„Wie frei muss man wirklich sein, um Freiheit genießen zu können?“ Diese Frage ist Anca Lazarescus zentrales Anliegen. In dem Film „Reise mit Vater“ geben die Figuren die Antworten auf diese Frage. Doch sie fallen allesamt unterschiedlich aus. Anca Lazarescu kritisiert: „Aus westlicher Perspektive sieht häufig alles so Schwarz und Weiß aus.“ Mit ihrem Film versucht die Regisseurin, diese Sicht ein Stück weit zu widerlegen.

Da ist Mihai, der gezwungen wird, mit der Securitate, dem rumänischen Geheimdienst, zu kooperieren. Er muss schließlich die Familie über Wasser halten. Oder Emil, der in Rumänien „staatsfeindliche“ Parolen an die Wand malt. Aber er ist nicht gegen den Sozialismus, sondern gegen die menschenverachtende Form der Ideologie. Genau diese Differenzierungen finden sich auch bei den Charakteren im München von 1968 wieder, in der Wohngemeinschaft der linken Aktivisten. Doch auch dort herrscht Autorität. „Der Sozialismus ist eine schöne Utopie – vielleicht die menschenfreundlichste Ideologie – aber real kaum umsetzbar“, wägt Anca Lazarescu ab. Denn der Mensch ist eben so, wie er ist. „Menschen wollen sich immer messen, immer besser sein, als die anderen.“

Auch Anca Lazarescu begann, über ihre Vergangenheit nachzudenken. Sie sagt rückblickend auf ihre Zeit in Rumänien: „Natürlich hatte ich eine schöne Kindheit. Ich habe aber gespürt, dass ein unglaublich misstrauischer Umgangston herrschte und niemand geradeaus sagte, was er denkt. Nie.“ Auch nicht dazu, wie sehr die Menschen darunter litten, dass die grundlegendsten Nahrungsmittel fehlten.

1990 floh Anca Lazarescu schließlich mit ihren Elternvon Rumänien nach Deutschland. Hier erfuhr sie keine Ablehnung durch den Staat. Und „befreiend“ war der Respekt, den die Menschen einander entgegen brachten. „Dinge hinterfragen ist hier erwünscht“, erklärt sie. In München studierte sie Dokumentarfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen. 2011 gelang ihr dann der Durchbruch mit ihrem Abschlussfilm „Stille Wasser“, ebenfalls angelegt an eine reale Geschichte eines Rumänen, der in den Westen fliehen will. Der Kurzfilm erhielt über 80 Preise und feierte Premiere auf der Berlinale.

Mit ihrem Debütfilm sah sich Anca Lazarescunun aber einer echten Mammutaufgabe ausgesetzt: Sie musste buchstäblich eintauchen ins Jahr 1968. Unterschiedlichen politischen Systeme in Rumänien, der DDR und der BRD galt es gerecht zu werden, und das möglichst authentisch. Sieben Jahre dauerte es, das Drehbuch zu schreiben. Zuerst habe sie sich die Zeitgeschichte von damals angeeignet. „Da hatte ich das richtige Gefühl.“ Die Recherche ging weiter mit Zeitungsartikeln aus dem Sommer 1968. Waren es auch nur der Wetterbericht aus dem August oder Zeitungsannoncen – das habe ihr unglaublich geholfen, einen „möglichst breiten Blickwinkel“ zu erhalten. Aber auch hier: Anca Lazarescu orientierte sich auch in der Recherche eng an Themen, die die Menschen 1968 bewegten. „Am meisten geholfen haben mir aber Zeitzeugen-Gespräche“, sat sie. Mit den „68ern“: mit Tillmann Fichter, einem Weggefährten Rudi Dutschkes, mit einem ehemaligen NVA-Soldat , der Westfunk abhörte – und natürlich mit der eigenen Familie.

Denn das ist „Reise mit Vater“ eben auch: ein Film über Familie. Im Mittelpunkt steht aber nicht die Figur Emil, also Anca Lazarescus Vater, sondern Mihai, der reifere und interessantere der beiden Brüder. „Ich habe die Rolle für Darsteller Alex Margineanu geschrieben.“ Er muss im Laufe des Films immer wieder zwischen der politischen Ideologie und seinen eigenen freien Entscheidungen wählen – im Osten wie im Westen. Nah dran ist immer: die Kamera. „Das war mir sehr wichtig, ansonsten verliert man sich ja in dem irrsinnigen Wirrwarr der Geschichte.“

Anca Lazarescu aber ist angekommen in Deutschland. „Ich bin dankbar, dass ich meine Kinder mit den westlichen Werten großziehen kann“, sagt sie nachdenklich. Die „Tiefgründigkeit“ der Menschen in Dachau beeindruckt sie dabei besonders – und die starke Künstlerszene in der Stadt. Nach Filmvorführungen in Russland und Ungarn, gesteht Anca Lazarescu aber, dass sie sich vor den Dachauern etwas fürchtet: „Hier habe ich meine ehrlichsten Kritiker.“

(Maxi Pichlmeier)

Der Film 

läuft ab heute deutschlandweit in 40 ausgewählten Kinos an. Das Cinema Dachau zeigt „Reise mit Vater“ am morgigen Freitag, 18. November, um 19.30 Uhr: Die Regisseurin Anca Lazarescu wird anwesend sein und nach dem Film Fragen beantworten. Karten gibt es unter 0 81 31/2 66 99 oder auf www.cinema-dachau.de.

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