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Ein großes Ärgernis: Handy-Gaffer. Unser Archivbild stammt vom Tag des schweren Unfalls mit einem Sattelschlepper auf der A 8 bei Dachau. Der Brummifahrer starb.

Auch Dachaus Retter klagen über Schaulustige

Gesetz gegen Gaffer: Die Gier nach dem schnellen Foto

Landkreis - Mit einem neuen Gesetz sollen Schaulustige bestraft werden können, wenn sie Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindern oder die Unfallopfer filmen. Dachauer Retter begrüßen die Gesetzesinitiative.

Es war einer der schwersten Unfälle der vergangenen Jahre auf der Autobahn 8. Im Juni 2013 krachte ein Sattelzug kurz nach der Anschlusstelle Dachau in Fahrtrichtung Stuttgart in die Betonleitwand. Zwei Autos fuhren auf. Der Lkw ging in Flammen auf, der 48-jährige Fahrer aus Niederbayern starb noch an der Unfallstelle. Seinerzeit waren die Rettungskräfte empört über das Verhalten der Autofahrer im Stau. „Wir sind massivst behindert worden“, sagte der Dachauer Kreisbrandrat und Einsatzleiter vor Ort, Heinrich Schmalenberg, damals. Die A 8 war in beide Richtungen komplett gesperrt. Beim Ausleiten habe jeder fünfte Autofahrer fotografiert oder gefilmt, so Schmalenberg. Was Dachaus obersten Brandschützer am meisten ärgerte: „Sie haben keine Rettungsgasse gebildet, das war ganz schlimm“, so Schmalenberg, der dieses Verhalten schon oft beobachtet hat. Mit einer Ausweitung des Strafrechts will der Gesetzgeber dem wachsenden Problem von Gaffern an Unfallstellen entgegenwirken. 

Doch noch berät der Bundesrat über die Gesetzesinitiative. „Ein derartiges Gesetz wäre aber gut“, meint Richard Wacht, Leiter der Verkehrsabteilung bei der Polizei. Wenn das Gesetz abschreckt und die Zahl der Schaulustigen verringert, wäre es laut Wacht ein hilfreiches Instrument. Er stellt klar: „Gaffer sind generell unerwünscht.“ Momentan kann die Polizei jedoch nur einen Platzverweis gegen Schaulustige aussprechen. „Das funktioniert aber auch nur, wenn wir am Unfallort personell nicht anderweitig eingespannt sind“, erklärt der Polizist. Die Hilfeleistung sei immer vorrangig. Oder die Polizei muss zu anderen Maßnahmen greifen. 

Ähnlich sieht das Dachaus THW-Pressechef Sven Langer, der die Initiative „voll in Ordnung“ findet. Aber: „Die Fragen sind: Wie können wir das umsetzen? Wie soll eine Polizeistreife die Schaulustigen auf den Autobahnen oder Bundesstraßen rausziehen?“ Fragen zur Praktikabilität, die es noch zu klären gelte, so Langer. Auch der THW-Mann hat bei seinen vielen Einsätzen festgestellt, dass Gaffer wegen ihres plötzlich langsamen Fahrens oder abrupten Bremsens auf ihrer Fahrbahn brenzlige Situationen oder Unfälle provozieren. Jeder wolle das Geschehen filmen oder knipsen, um es dann in Windeseile in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram zu posten, so Sven Langer. 

„Am Vatertag vor etwas längerer Zeit gab es einen tödlichen Unfall zwischen Indersdorf und Niederroth, da haben wir zusammen mit der Feuerwehr die Schaulustigen mithilfe von Seilen von der Unfallstelle zurückgehalten“, erinnert sich Wacht. Besonders schockiert habe ihn, dass Eltern ihre Kinder für eine bessere Sicht auf die Unfallstelle auf die Schultern nahmen. „Das Ganze hat sich dann auf rund 200 Zuschauer hochgeschaukelt.“ Durch solche „Zuschauertribünen“ werde die polizeiliche Arbeit und vor allem die Arbeit der oftmals ehrenamtlichen Rettungsdienste beeinträchtigt.

Kreisbrandmeister: Probleme mit Gaffern leider traurige Gewohnheit

Auch die Dachauer Kreisfeuerwehr kann aus diesem Grund die Gesetzesinitiative nur begrüßen. „Probleme mit Gaffern sind mittlerweile leider traurige Gewohnheit“, bedauert Kreisbrandmeister Maximilian Reimoser. Oftmals entstünden auf der Autobahn in der Nähe einer Unfallstelle auf der Gegenspur Auffahrunfälle – die Fahrer seien zu sehr mit dem „Unfallspektakel“ auf der Gegenfahrbahn beschäftigt gewesen. „Manchmal bilden die Autofahrer auch keine Rettungsgasse, weil sie stattdessen möglichst gut nach vorne auf den Unfall sehen wollen.“ 

Auch als auf dem Ernst-Reuter-Platz ein Bauarbeiter vor wenigen Wochen vom Baugerüst stürzte und dabei ums Leben kam, gruppierten sich um den Verunglückten herum mehrere Schaulustige. „Gerade bei derartigen Rettungseinsätzen kommt es doch auf Sekunden an“, betont Reimoser. Trotzdem: Schaulustige halten sich nicht an Absperrungen, diskutieren mit Rettungskräften und vor allem: Sie filmen oder machen mit dem Handy Fotos vom Unfallort oder den -opfern. „Diese sensationsgeilen Menschen sollen doch auf die Menschenwürde der Opfer Rücksicht nehmen“, appelliert Reimoser. 

Richard Wacht ruft Schaulustige dazu auf, doch mal die Situation „umzudrehen“: „Wie würde ich es selbst als Geschädigter sehen, wenn ich in einer derartigen Lage gefilmt werde? Da ändert jeder bestimmt schnell seine Meinung.“ Polizei und auch Feuerwehr veröffentlichen in der Regel keine Fotos, auf denen Unfallopfer erkenntlich abgebildet sind. „Doch die Möglichkeiten, solche Bilder im Internet zu veröffentlichen, sind erschreckend vielfältig“, kritisiert Reimoser. 

Auch Paul Polyfka, Kreisgeschäftsführer des BRK, findet, dass durch das Fotografieren die Persönlichkeitssphäre von Unfallopfern und Rettungskräften verletzt wird. „Wenn der Unfall zu einem Ereignis wird, scheint das Normal-Denken auszusetzen“, stellt Polyfka fest. Denn: Manche Gaffer würden für ein besseres Foto sogar die Hilfskräfte zur Seite drängen. „Immer wieder berichten das die Einsatzkräfte“, ärgert sich Polyfka. Der BRK-Geschäftsführer begrüßt die Gesetzesinitiative. „Bis jetzt tragen die ganzen Appelle und sanften Diskussionen allein ja keine Früchte.

Maximilian Pichlmeier, Thomas Zimmerly

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