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Alois Kammermeier vor dem Schusterhäusl, das wie zwei weitere Häuser zum Museum gehört. In diesem wohnt Kammermeiers Sohn Simon mit seiner Familie. Wer das bewohnte Bauernhofmuseum besuchen möchte, findet Infos unter www.ebersbach-lebenimmuseum.de. Anmeldungen unter Telefonnummer 08137/2655 oder E-Mail alois.kammermeier@gmx.net.

Alois Kammermeier betreibt in Eberbach im Landkreis Dachau ein privates Bauernhofmuseum

Herr Kammermeier und sein bedrohtes Paradies

Alois Kammermeier, 91, war früher Frauenarzt in München. Bis sein Zuhause plattgemacht wurde – für die Autobahn. Doch er schuf sich eine neue Heimat: Er hat drei alte Bauernhäuser abgebaut, wieder aufgebaut und ein einzigartiges Museum daraus gemacht. Doch das Paradies ist in Gefahr.

Auf der Puit, da ist die Zeit stehen geblieben – irgendwie. Aber irgendwie auch nicht. Hier steht der Flachbildfernseher in der kleinen Schlafkammer, die Einbauküche neben dem Holzherd, und die Ikeabank auf der uralten „Gred“, der Terrasse. In der Einfahrt stehen Autos, drüben grasen Hochlandrinder auf der Weide, und dazwischen wackelt ein Dackel namens „Zwieferl“ über die Blumenwiese. Mittendrin ist Alois Kammermeier. Und erzählt Geschichten. Unglaubliche Geschichten, aus einer anderen Zeit.

Der 91-Jährige sitzt in seinem Bauernhofmuseum in Ebersbach vor einem kleinen Holzhäusl, auf einem kleinen Holzbankerl, mit zerzaustem Haar, in einer alten grauen Jeans und rotem Sweat-Shirt, die randlose Brille in der Hand. Er spricht. Und plötzlich sieht man sie vor sich: Die Familie, die im 18. Jahrhundert mitten in Bayern in genau dem Holzhäusl gelebt hat, das jetzt hinter Kammermeiers Bankerl steht.

Kammermeier im Bauerngarten des Doimoarhauses.

Etwa ein Dutzend Leute haben darin gewohnt, erzählt Kammermeier. Die Eltern schliefen in der Schlafkammer, die kleinen Kinder bei ihnen, die Großeltern im Stubenstüberl – und die geschlechtsreifen Mädchen wurden jeden Abend in die „Menscher-Kammer“ weggesperrt. Weggesperrt? Weggesperrt, versichert Kammermeier. Wegen der drohenden unehelichen Kinder. Die jugendlichen Buben hatten es nicht viel besser: Sie mussten sich einen Schlafplatz auf dem Heuboden suchen.

Zu essen gab es Brot, Knödel und Kraut, jeden Tag. Ja, jeden Tag, sagt Kammermeier. Nur am Sonntag, da gab es Speckknödel und Kraut. Der Schuster, vor dessen Haus Kammermeier jetzt sitzt, konnte damals, vor über 200 Jahren, jeden Winter eine Kuh durchfüttern. Weil er die Feldrainen mähen durfte – „Was ist eine Raine?“, fragt Kammermeier. Denn der weise Alte ist nicht nur ein Geschichtenerzähler – er ist auch ein Quizmaster.

So bleibt der Gast in Kammermeiers „privaten Bauernhof-Museum“ im Landkreis Dachau bei der Stange, während der Führung in die Geschichte Bayerns samt Ausflug in die Fächer Erdkunde, Biologie, Physik, Latein. Und Bayerisch natürlich. Welche Handwerker gab es in einem bayerischen Dorf? (Antworten siehe am Ende des Textes) Wie viel Quadratmeter sind ein Tagwerk? Wie sieht eine Leinpflanze aus? Aus welchen drei Materialien wurden früher Häuser gebaut? Woher kommt das Wort „Kammer“? Was ist ein „Asn“? Wenn das Gegenüber die Antwort nicht weiß, ist er großzügig: „Ach, man lernt das ja heutzutage nicht mehr in der Schule.“

Im Doimoarhaus, also dem Thalmaierhaus, leben Alois und Doris Kammermeier.

Warum ist er eigentlich kein Lehrer geworden? Ach, nix da, sagt er, was Gscheits wollt’ er schon werden: Arzt. Frauenarzt ist er. Mittlerweile in Rente. Und seitdem: Bauernhausmuseumsbesitzer. Herr über das „Schuster-Häusl“, einst gebaut im 18. Jahrhundert in Pasenbach, wiedererbaut 1994 in Ebersbach. Über das „Backhäusl“, aus Mittermarbach, gebaut 1893, wieder aufgebaut 1985. Und über das „Doimoarhaus“, Kammermeiers jetziges Wohnhaus, das Thalmaierhaus aus Günzenhausen, Landkreis Freising, gebaut 1793, gefunden 1982. Da war Kammermeier 57 Jahre alt, erfolgreicher Arzt in München mit Anwesen in Allach, ein „Traumgrundstück“ an der Würm, sagt er. Leider gibt es dieses Grundstück nicht mehr, es musste weichen, dem Autobahnring A 99. Damals hieß es: Hier kommt jetzt eine Autobahn hin, und deshalb muss alles andere weg. Punkt. „Da wurde mir klar: Es gibt kein Recht auf Heimat“, sagt er heute.

Vielleicht gibt es kein Recht. Aber für Kammermeier gibt es eine Pflicht. Damals hat er beschlossen, sich eine neue Heimat zu schaffen. Seine dritte. Nach Niederbayern, wo er in einem „Urbauerngeschlecht“ südlich von Regensburg aufgewachsen ist, mit zwei Brüdern. Einer übernahm den Hof, zwei mussten weichen, Anerbenrecht nennt man das. Er war einer der beiden, die gehen mussten. Oder durften, in diesem Fall, denn das niederbayerische Urbauerngeschlecht war mittlerweile so reich, dass er studieren konnte. Also ging es nach München, Medizinstudium, Frauenarzt, Würmgrundstück. Die A 99. Und dann: das Doimoarhaus.

Doris Kammermeier an ihrem museumsreifen Herd – aber er funktioniert perfekt.

Eine Bauruine war es. „Kannst haben, als Brennholz“, hat der Bauer zu ihm gesagt, als Kammermeier das alte Holzhaus in Günzenhausen entdeckte. Beim Verlottern. „Das ist die klassische ,warme‘ Abbruchmethode bei denkmalgeschützten Häusern“, sagt Kammermeier. Er seufzt. Doch das zerstörte Denkmal brachte ihn auf eine Idee. Er wurde in einem Holzhaus aus dem 18. Jahrhundert geboren. Warum nicht auch in einem sterben? Also hat er es gekauft, für ein Taschengeld, und sich auf die Suche gemacht nach dem richtigen Platz für seinen Lebensabend. Nicht irgendeiner sollte es sein, Kammermeier wollte keine „Allerweltsszenerie“. Nein, es sollte schon was besonderes sein. Und so wurde es Ebersbach.

Die Stube im Doimoarhaus. Kammermeier entdeckte das Original-Gebäude 1982.

Ein Kleinod, das Grundstück. Es hat Geschichte, es war einst auch ein Bauernhof, das „Pfunmoar“-Anwesen. Das letzte Gebäude des dortigen Bauernhofs wurde 1988 abgebrochen. „Auf der Puit“, steht auf einem Schild direkt an der Einfahrt. Das ist hiesiger Dialekt für „Point“ – „was bedeutet Point?“, fragt Kammermeier. Es bedeutet: eine eingezäunte Viehweide, erläutert er dann selbst.

Kammermeier ist ein weiser Mann. Ein Gelehrter. Ein Autodidakt, sagt er selber, in Sachen Geschichte und Kultur des bäuerlichen Wohnens, Arbeitens und Lebens. Ein echter Experte also. Doch Kammermeier doziert nicht von oben herab. Er lehrt. Das tut er gerne.

Alois Kammermeier schreitet jetzt über sein Anwesen, ein Tagwerk Land, am Ortsrand hinter der Kirche. Nein, er hatscht ein wenig, zumindest würde er es wahrscheinlich selbst so formulieren, und er hatscht, wie es sich für einen rundherum gesunden 91-Jährigen eben gehört.

Hatschend, redend und zeigend führt er Besucher durch seine riesigen Sammlungen: bäuerliche Geräte aus der vorindustriellen Zeit stapeln sich im Backhäusl, im Schusterhäusl ist eine Kammer mit dem kompletten Schuster-Werkzeug ausgestattet, und das Doimoarhaus ist tapeziert mit Regalen voller Geräte, Werkzeuge, Dübel, Schüsseln, Milchtöpfe, Backtröge oder Gatzl, also Schaufeln. 4000 Objekte hat Kammermeier gesammelt – „50 Jahre Flohmarkt“, sagt er.

Eine Besichtigung mit Führung ist jederzeit möglich, für Gruppen nach vorheriger Anmeldung. Noch. Denn Ende des Jahres ist es damit vorbei. Wenn sich nichts ändert. Das Museum ist Kammermeiers Lebenswerk. Das Zweite-Hälfte-des-Lebens-Werk. Doch nun, mit 91 Jahren, braucht er Hilfe. Von den Kommunen oder vom Denkmalamt – von den „angeblichen“ Kulturträgern, sagt Kammermeier. Sein Wunsch wäre eine Halbtagskraft, zweimal die Woche, für Haus und Garten, zum Beispiel. Wenigstens aber finanzielle Hilfe.

Dackel Zwieferl gehört zur Familie dazu.

Es ist zwar nur ein Kleinstmuseum, aber eben mit 4000 Objekten, und untergebracht in unbezahlbaren Räumen, den uralten Holzhäusern. „In fünf Landkreisen gibt es keine solchen Holzhäuser mehr“, zählt Kammermeier auf: Fürstenfeldbruck, Dachau, Freising, Neuburg und Ingolstadt. Wie kann das sein? Warum hat ein einzelner Mensch es geschafft, drei alte Häuser zu bewahren – und die öffentliche Hand kein einziges? Kammermeier will weitermachen. Aber eben nicht alleine.

Er hat drei Kinder, und sein jüngster Sohn, Simon, der mit seiner Familie im Schusterhäusl lebt, der ist gewillt, das Ganze später weiterzuführen. Aber so, wie der wohlhabende Rentner Kammermeier es bisher gemacht hat, das kann sich der junge Landschaftsarchitekt und Familienvater nicht leisten, „da ist er zeitlich und finanziell überfordert“, sagt Kammermeier. Also: Hilfe muss her. Nur eine Bedingung hat er: Das Konzept soll so bleiben. Das bewohnte Bauernhofmuseum. So was ist einzigartig, so was machen sonst nur Adelige mit ihren Schlössern, sagt Kammermeier, „eine Rarität ist das hier“.

Und diese Rarität beinhaltet einen kleinen Trick: Kammermeier muss den Besuchern nichts von „Naturschutz“ erzählen, muss nicht über „Nachhaltigkeit“, „Ökologie“ oder „Verantwortung“ schwafeln. Nein, Kammermeier sitzt einfach mittendrin. In seinem nachhaltigen, naturnahen Leben. Sitzt da und zeigt: Schaut her, so geht’s auch, im hier und jetzt – das mit dem Paradies.

Die Antworten:

Welche Handwerker gab es in einem bayerischen Dorf? 

Schuster, Weber, Schmied, Wagner, Zimmerer (Maurer erst ab dem 14. Jahrhundert). 

Wie viel Quadratmeter sind ein Tagwerk? 

Etwa 3500 Quadratmeter. 

Wie sieht eine Leinpflanze aus? 

Zart, kniehoch, blaue Blüten. 

Aus welchen drei Materialien wurden früher Häuser gebaut? 

Holz, Lehm, Stroh. 

Woher kommt das Wort „Kammer“? 

Aus dem Lateinischen: „camera“: Zimmer. 

Was ist ein „Asn“? 

Die Trockenstange über dem Kachelofen.

Von Nina Praun

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