Gedenkfeier im ehemaligen KZ Dachau

Polnische Pilgerreise gegen das Vergessen

Dachau - 70 Jahre nach der Befreiung des Dachauer Konzentrationslagers sind hunderte Pilger aus Polen in die Gedenkstätte gereist. Um an die Toten zu erinnern. Um einen gemeinsamen Gottesdienst zu feiern. Und um die Antwort auf eine Frage zu liefern, die ein inhaftierter Priester damals in ein Tagebuch geschrieben hatte.

Es ist ein kalter Januartag 1941, als der polnische Priester Adam Kozlowiecki seine Zuversicht wiederfindet. Er findet sie in Block 26, Stube 4 des Dachauer Konzentrationslagers. Dort, wo an jenem Wintertag auf Befehl Heinrich Himmlers eine Kapelle für die geistlichen Häftlinge eingerichtet wurde. „Wie unvernünftig“, schreibt Kozlowiecki später in sein Häftlingstagebuch. „Die Nationalsozialisten waren sich nicht im Klaren, dass sie durch die Kapelle nun einen Häftling mehr hatten. Einen Häftling, den sie fürchteten. Gott war anwesend. Inmitten aller Schrecken und Unmenschlichkeiten.“

Priester Adam Kozlowiecki war einer von rund 40 000 polnischen Häftlingen im KZ Dachau. Die Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1945 haben mehr als 8000 von ihnen nicht mehr erlebt. Sie waren zuvor ermordet oder zu Tode gefoltert worden. Auf den Tag genau 70 Jahre später sind sich am selben Ort Polen und Deutsche näher als je zuvor. Hunderte Wallfahrer und Geistliche sind aus Polen in die Gedenkstätte gepilgert – es ist die größte polnische Pilgergruppe, die bisher nach Dachau gekommen ist. Die Vorsitzenden der Deutschen und Polnischen Bischofskonferenz – der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der Posener Erzbischof Stanislaw Gadecki – haben gemeinsam eine Messe gefeiert, um der Häftlinge und Toten zu gedenken. „Wer hätte sich damals vorstellen können, dass wir heute hier zusammen stehen dürfen“, sagte Marx. An dem Ort, an dem auch die Priester Momente tiefer Hoffnungslosigkeit durchlebt haben. „Aber der Glaube konnte selbst an diesem Ort des Schreckens nicht ausgelöscht werden.“

Mit weißroten Flaggen sind die Pilger aus Polen angereist. Für die meisten war es ein sehr emotionaler Tag.

Elisabeth Kynast hatte ihn sich ganz anders vorgestellt, diesen Ort des Schreckens. Sie hat die Pilgerfahrt für die deutsche Minderheit aus der ehemaligen Grafschaft Glatz in Schlesien organisiert. Mehr als 100 Menschen sind von dort nach Dachau gereist. Sie wollen einen Kranz niederlegen – für den Glatzer Priester Gerhard Hirschfelder, der 1942 in Dachau ermordet wurde. Nun steht die 73-Jährige zwischen den polnischen Bischöfen und Priestern unter einem strahlend blauen Himmel, Schüler laufen über das Gelände, auf dem früher die Häftlingsbaracken standen, und unterhalten sich laut. Auf dem ehemaligen Appellplatz wird gerade ein riesiges weißes Zelt aufgebaut. Für die große Gedenkfeier kommenden Sonntag, zu der auch Kanzlerin Angela Merkel kommen wird. Das ehemalige Konzentrationslager Dachau ist am 29. April 2015 kein stiller Ort. „Hier haben die Menschen so viel Leid ertragen müssen?“ fragt sie leise – mehr sich selbst, als die Gottesdienstbesucher, die neben ihr stehen. Es ist ein emotionaler Moment für sie. Er war die weite Reise wert. Für Elisabeth Kynast war es ein Herzensanliegen, einen Kranz niederzulegen – für den Glatzer Priester und Widerstandskämpfer, den sie seit vielen Jahren bewundert.

In seinem Häftlingstagebuch hat Priester Adam Kozlowiecki auf der letzten Seite eine Frage gestellt: „Hat die Menschheit etwas daraus gelernt?“ Kardinal Marx traut sich nicht, eine Antwort darauf zu geben. „Wer an den Mittleren Osten unserer Tage denkt, an die Gewaltorgien, von denen Teile Afrikas immer wieder heimgesucht werden, und daran, dass selbst in Europa derzeit wieder Krieg geführt wird, der wird an der Lernfähigkeit der Menschen zweifeln“, sagt er. Hoffnung mache aber die Erfahrung, wie nahe sich Deutschland und Polen trotz der Vergangenheit an diesem 70. Jahrestag der Befreiung stehen. Näher als jemals zuvor.

Katrin Woitsch

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