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Die Papiermaschine, ein Modell einer Produktionsanlage aus 1886 aus dem Papierfabrik-Museum Dachau.

Serie: Objekte der Industrialisierung

Die Papiermaschine sparte viele Arbeitsschritte

In Dachau setzte Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung ein tiefgreifender Wandel ein.  In unserer Serie werden Objekte vorgestellt, die Dachaus Weg in die Moderne zeichnen – vom Radio bis hin zum Dauerwellengerät. Heute zum Auftakt: die Papiermaschine.

Papier ist heute eine Massenware. Schon alleine, was täglich an Zeitungen, Briefen und Prospekten ins Haus flattert und oft ungelesen in den Papierkorb wandert, gibt eine Ahnung davon, welch große Mengen produziert werden. Die Papierherstellung ist heute hochtechnisiert. Bevor die ersten Maschinen zum Einsatz kamen, war es jedoch sehr aufwändig, Papier herzustellen. 

Man verwendete dafür Stoffreste. Lumpensammler verdienten ihr Geld damit, diesen wertvollen Rohstoff herbeizuschaffen. Dann musste man die Knöpfe entfernen und die Lumpen sortieren. Diese mühsame, dreckige und schlecht bezahlte Arbeit machten vor allem Frauen, die Hadernsortiererinnen. Danach wurden die Lumpen zerrissen, unter Zusatz von Kalk gekocht und gestampft, bis man einen Fasernbrei hatte. Dieser wurde in Schöpfformen gegossen und abgelegt. Anschließend wurde das Papierblatt gepresst, getrocknet, geleimt und geglättet. 

Als Gustav Medicus 1851 die Papiermühle in der Au in München kaufte, hatte er große Pläne. Er wollte eine große, moderne Papierfabrik aufbauen und kaufte deshalb acht Jahre später die Dachauer Konkurrenzfirma, die Paun’sche Papiermühle in der Brunngartenstraße. Von Anfang an setzte er auf moderne Technik. Und das kostete ein Vermögen. Deshalb gründete er 1862 die „München-Dachauer Actiengesellschaft für Maschinenpapierfabrikation“. Louis Weinmann, der nach einer Firmenkrise das Ruder übernommen hatte, kaufte 1871 die Steinmühle, auf dem die heutigen Gebäude der Papierfabrik stehen. 

Die Arbeiter und Angestellte waren stolz auf ihre modernen Maschinen. Die vielen Arbeitsschritte, die mühsam von Hand gemacht werden mussten, erledigte nun eine einzige Maschine: das Zerkleinern der Lumpen, Einweichen und die Aufbereitung der Masse, um das Papier herzustellen. Möglicherweise wurde das Modell anlässlich des 25-jährigen Firmenjubiläums hergestellt, das 1887 groß gefeiert wurde. 

Gut hundert Jahre später restaurierten zwei Lehrlinge das stark beschädigte Modell in der Werkstatt der MD. Mit der modernen Technologie wurde die MD zur größten Papierfabrik in Deutschland. Ihre Produkte hatten auch im Ausland einen guten Ruf. Die MD produzierte eine Vielzahl an verschiedenen Papiersorten, vom feinen Seidenpapier bis zum Druckpapier für den „Simplicissimus“. 

Obwohl heute viele Briefe durch Mails ersetzt werden und immer mehr Bücher als E-Book erscheinen, bleibt das Papier ein unverzichtbares und vielseitiges Material. Es dient sogar als Rohstoff für neues Papier. Heute gibt es ein breites Angebot an recyceltem Papier, vom Druckerpapier bis zu Einmaltaschentüchern. Doch das Umdenken geschieht langsam. Dabei schnäuzt es sich in ein recyceltes Papier-Taschentuch genauso gut wie in ein blütenweißes.

Annegret Braun

Die Autorin Dr. Annegret Braun ist Kulturwissenschaftlerin und lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität Europäische Ethnologie. Als Projektleiterin der Geschichtswerkstatt im Landkreis forscht sie über Nachkriegsgeschichte. Für die Ausstellung „Hartes Brot – Gutes Leben?“ des Bezirtks Oberbayern konzipierte sie einen Sonderteil über die Industrialisierung in Dachau.

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