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Lebensgefährte spricht

Urlaubs-Drama einer Dachauerin: "Welle hat sie mitgerissen"

Dachau - Es war der erste gemeinsame Urlaub von Franzi F. (51) und Clemens Billig (57). Koh Samui: tolles Hotel, feine Strände, Ausflug zum James-Bond-Felsen. Als es im Boot von dort zurück ging, kam es zur Katastrophe.

Die schreckliche Welle hat sie alle fortgetragen, die wunderbaren Bilder und Gedanken, die Clemens Billig während seines 14-tägigen Urlaubs auf der thailändischen Insel Koh Samui in seinem Kopf gesammelt hatte. Es war die erste gemeinsame Reise des Dachauers mit seiner Lebensgefährtin Franzi F. aus Markt Indersdorf. Alles war so schön gewesen – das Hotel, der Strand, die Zweisamkeit mit Franzi.

Clemens Billig trauert um seine Franzi.

Doch nun ist Franzi tot; während eines Bootsausflugs am drittletzten Tag der Reise über Bord gespült. Die schönen Bilder und Gedanken in Clemens Billigs Kopf haben Platz machen müssen, für Bilder des Grauens und tief traurige Gedanken. Zitternd und mit immer wieder versagender Stimme erzählt Clemens Billig von jenem verhängnisvollen Tag, der so wunderschön begann und so fürchterlich endete. Der kleine, zierliche Mann muss das einfach tun. Um sich alles von der Seele zu reden. Vor allem aber, um mit dem Gerücht aufzuräumen, seine Freundin sei hilflos im Golf von Thailand ertrunken, während er ganz locker ans Ufer gelangt sei – mit ein paar lächerlichen Schrammen.

Keiner trug Rettungswesten

Fatal, gibt Clemens Billig sofort zu, dass die rund 30 Touristen an Bord allesamt keine Rettungswesten getragen haben. Möglich, dass die dreiköpfige Crew zu spät darauf reagierte, dass die See aufbraust und vier Meter hohe Wellen schickt. Doch: „Ich habe mich erkundigt: Die Bootsagentur ist sehr renommiert, der Kapitän ist einer der erfahrensten. Wir fühlten uns sicher!“, sagt Clemens Billig. Welcher Mensch verschwendet schon einen einzigen Gedanken daran, dass ein etwa acht Meter langes, 700 PS starkes Schnellboot in einem einzigen Augenblick untergehen kann, wie ein Papierschiffchen, das ein Kind an einem Bachlauf ausgesetzt hat? „Da rechnet keiner damit“, sagt der 57-Jährige.

Und doch geschah genau das. Das Paar aus dem Landkreis Dachau setzt sich ganz hinten in das Schnellboot, das sie den gesamten Tag über in die Inselwelt nahe Koh Samui trägt. Es ist 9 Uhr als der Kapitän den Motor aufheulen lässt. Es geht zum Schnorcheln an ein Korallenriff, zum Mittagessen in ein malerisches Fischerdorf und zu dem weltbekannten Felsen, an dem einst der James-Bond-Streifen „Der Mann mit dem goldenen Colt“ gedreht wurde. Franzi F. und Clemens Billig sind fasziniert und glücklich. Noch.

Erste Welle dreht Boot, zweite lässt es kentern

Franzi F.

„Der Kapitän hat irgendwann gesagt, er sieht eine Schlechtwetterfront, und wir sollten sofort zurück nach Koh Samui“, erinnert sich der 57-Jährige. Das Schnellboot gleitet bald entlang der Küste, zur Anlegestelle sind es nur noch zehn Minuten, als das Drama seinen Lauf nimmt. „Eine erste Welle hat das Boot gedreht und voll laufen lassen“, sagt Billig. Eine zweite lässt es kentern. „Das Letzte, was ich von Franzi gesehen habe, ist, wie sie aus dem Sitz gehoben und davon gerissen wurde“, sagt Clemens Billig. Er selbst wird nach unten gezogen. „Ich habe nicht mehr gewusst, wo oben und wo unten ist.“ Instinktiv wählt der gute Schwimmer die richtige Richtung. Mit dem letzten Quäntchen Luft in seinen Lungen gelangt er an die Oberfläche, und mit den letzten Kräften seiner Armmuskeln erreicht er das Ufer, das nur 100 Meter entfernt ist. Er robbt noch ein paar Meter und bricht zusammen. Retter bringen ihn ins Krankenhaus.

Clemens Billigs Körper ist übersät mit Schnitt- und Schürfwunden sowie Prellungen. Doch er spürt sie nicht. Seine Gedanken gelten seiner Lebensgefährtin: „Man hofft so sehr, dass sie irgendwann kommt. Aber sie ist nicht gekommen“. Franzi. F. muss mit dem Kopf gegen die Bootswand geschlagen sein, bevor sie über Bord ging. Wohl bewusstlos versinkt sie in den Fluten. Clemens Billig erfährt dies alles tags darauf von der Polizei.

Drei Touristen tot

Von den 30 Touristen sind insgesamt drei tot, viele verletzt, ein Brite wird noch vermisst. Der Kapitän wird verhaftet. Franzis Leiche wird geborgen. Er könne sie noch einmal sehen, wenn er wolle, sagen die Polizisten zu Clemens Billig. Doch der Dachauer will nicht. „Ich möchte sie so in Erinnerung behalten, wie ich sie während des Ausflugs sah: glücklich.“

„Beim Abendessen zuvor haben wir uns das Versprechen gegeben, dass wir für immer zusammenbleiben“, sagt der 57-Jährige. Beide haben mehrere gescheiterte Beziehungen hinter sich. Erst 2015 hatte sich die Frührentnerin von ihrem dritten Ehemann getrennt. Mit Clemens Billig träumte sie von einem kleinen Häuschen im Dachauer Land. Und: „Die nächste Reise sollte eine Kreuzfahrt sein“, sagt Clemens Billig. Doch gemeinsam mit seiner Franzi wird er nie wieder ein Schiff betreten.

Thomas Zimmerly

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