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Volontärin Anna Schwarz war während des Münchner Amoklaufs auf dem Tollwoodgelände. Nur 2,8 Kilometer vom blutigen Tatort entfernt.

Augenzeugenbericht von Volontärin

"Noch nie hatte ich solche Angst in meinem Leben" 

Unsere Volontärin Anna Schwarz war während des Amoklaufs auf dem Tollwood-Gelände. Nachdem alles evakuiert wurde, nahm sie zwei Fremde bei sich zuhause auf. Hier schildert sie ihre Erlebnisse.

Es soll ein lauer, launiger Sommerabend werden, mit Namika und Mark Forster auf Tollwood. Die Karten hatte ich meiner 17-jährigen Cousine Helena aus Röhrmoos zu Weihnachten geschenkt. Die ganze Woche fiebere ich schon darauf hin. Doch dann wird das langersehnte Konzert zu einer Katastrophe: Ich war schon in Israel, Nicaragua und Mexiko – aber nie so nah am Ort eines Blutbades. Und noch nie in meinem Leben hatte ich solche Angst um mein Leben. Noch zwei Tage danach bekomme ich Gänsehaut, eine zittrige Stimme, wenn ich davon erzähle und bin vor allem eines: traurig.

Freundin Patricia Ertl aus Weichs ist im OEZ dem Amokläufer gerade noch entkommen

Es ist genau 18 Uhr, als wir mit der U-Bahn am Olympiazentrum ankommen. Nur zehn Minuten zuvor, um 17.50 Uhr, hat der 18 Jahre alte Deutsch-Iraner Ali S. im McDonald’s nahe des Olympia-Einkaufszentrums angefangen zu schießen. Wir ahnen nichts von alledem. 

Fast am Festivalgelände angekommen, bekommt Helena eine Sprachnachricht auf dem Handy, von ihrer ebenfalls 17-jährigen Freundin Patricia Ertl aus Weichs. Diese ringt um Luft: „Wir sind gerade um unser Leben gelaufen. Im OEZ ist ein Amoklauf.“ Ich kann es nicht glauben. Zuvor haben wir schon die Sirene eines Krankenwagens gehört. Jetzt sehen wir einen Helikopter genau über uns kreisen.

Sie sind nur drei Kilometer vom Tatort entfernt

 „Ach, Schmarrn, des gibt’s doch nicht“, sage ich ungläubig. Im Olympia-Einkaufszentrum am Freitagabend ein Amoklauf? Wie die meisten Dachauer bin ich mit meinen Eltern schon oft ins OEZ gefahren. Ich kenne jede Etage, das Parkdeck und auch den McDonald’s gegenüber. Auf dem Tollwood sind wir nur 2,8 Kilometer vom Tatort entfernt, erfahre ich später.

Meine Cousine ist angespannt. Sie schickt Nachrichten, ob es ihren Freundinnen gut geht.  

Falschmeldungen tauchen immer wieder auf

Zuerst hatte ich noch gedacht, dass die Nachricht eine Falschmeldung ist. Heutzutage kursiert ja einiges im Internet, nicht nur unter den jungen Usern. Das zeigt sich auch im Verlauf des Abends: Es gibt Fehlalarme über einen Anschlag am Stachus, vermeintliche Schüsse am Isartor und angeblich drei Täter, die mit Langwaffen in München gesichtet wurden – die Gerüchteküche in den sozialen Netzwerken brodelte. 

Genauso auf dem Handy meiner Cousine: 15 Tote gebe es bei dem Amoklauf bereits, schreibt jemand in der What’s App-Gruppe. Ich zücke selbst mein Handy, um zu recherchieren – aber es gibt noch keine verlässlichen Infos im Internet. Ich versuche, sie damit zu beruhigen. Helena ist bedrückt, doch sie will sich das Konzert nicht entgehen lassen. 

Nach der Vorband tritt Namika gegen 19 Uhr im dicht gedrängten Musik-Zelt auf die Bühne. Sie singt Gute-Laune-Songs wie „Lieblingsmensch“ oder „Kinder der 90er“. Doch unsere Gedanken sind ganz woanders. Wir können uns von der Sängerin nicht mitreißen lassen, stehen zeitweise wie in Schockstarre im Publikum. Gedanken kreisen in meinem Kopf: Was passiert, wenn der Täter aufs Tollwood kommt – in die Musikarena? Schließlich ist er noch flüchtig. 

Die S-Bahnen fahren nicht mehr - Was tun?

Dann erfahren wir, dass ganze MVV-Betrieb wird eingestellt. Ich erinnere mich, dass eine Freundin auch Karten für das Konzert hat. Ich schreibe ihr, ob sie uns mit nach Hause nehmen kann. Doch sie ist bereits auf der Autobahn stadtauswärts. Sie fragt, ob sie wieder umdrehen soll. Ich lehne ab. Eigentlich ist es ja auf dem Festivalgelände sicherer als draußen, denke ich mir. Gleichzeitig drehe ich mich immer wieder zum Ausgang um: Was ist, wenn der Täter doch hereinstürmt? Gegenüber Helena versuche ich, mir nichts anmerken zu lassen. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen. Schließlich habe ich ihr die Karten zu Weihnachten geschenkt. Wenn ihr heute was passiert, ist es meine Schuld. 

Die Leute um uns herum flüstern über den Amoklauf, checken News im Internet, tippen Nachrichten in ihre Handys, gehen raus zum Telefonieren. Mein Handy vibriert ohne Pause: „Wo bist du?“, „Fahr jetzt bloß nicht mit der S-Bahn“, „Pass bloß auf dich auf.“ Zwei Freunde bieten mir an, uns abzuholen. Doch ich will sie nicht in Gefahr bringen. Die Polizei sucht schließlich noch den oder die Täter. 

Unsicherheit: Der Veranstalter informiert lange nicht über die Sicherheitslage

Eine offizielle Durchsage gibt es bisher auf dem Konzert nicht. Man tut so, als wäre nichts passiert. Doch ich frage mich: Sind wir hier noch sicher? Endlich: Vor der Pause tritt eine Dame vom Organisationsteam auf die Bühne: „Für das Tollwood-Gelände gibt es derzeit keine Warnung. Hier ist es sicher“, sagt sie. Lauter Applaus – und Pfiffe vom Publikum. Es ist 20 Uhr. 

In der Pause wagen wir uns aus dem Zelt heraus nach draußen, auf das Festivalgelände. Es ist wie leergefegt. Wir sehen wieder einen Hubschrauber über uns kreisen. Versuchen, die Situation mit Galgenhumor zu nehmen und singen „Hub-Hub-Hubschraubereinsatz“. Auf einmal hören wir einen lauten Knall. Wir erschauern. „Ist er jetzt hier?“ 

Das Konzert wird doch noch abgebrochen

Es ist kein Schuss. Es ist Mark Forster, der auf der Bühne zu spielen beginnt. Wir gehen zurück. Der Sänger setzt ein klares Zeichen: „Es ist heute etwas Schreckliches passiert“, sagt er: „Aber genau deswegen müssen wir heute Liebe ausstrahlen.“ Nun stehen wir nicht mehr so dicht gedrängt vor der Konzertbühne. Denn einige Besucher haben das Gelände in der Pause verlassen. Mark Forster schafft es, uns ein wenig abzulenken. Trotzdem checken wir immer wieder das Handy. Vor allem ein Gedanke kreist in meinem Kopf: Wie kommen wir heim? 

Es ist 21.20 Uhr, das Konzert ist fast zu Ende, da tritt die Dame vom Organisationsteam noch einmal auf die Bühne: „Das Konzert wird jetzt abgebrochen“, sagt sie: „Bitte verlassen Sie das Festivalgelände und kommen Sie gut nach Hause.“ Aber wie? Auch das Tollwood-Team scheint keine Ahnung zu haben. Trotzdem bricht keine Massenpanik aus. Alle verlassen halbwegs gesittet das Zelt. 

Ich rufe doch meine Eltern an. Am Telefon versuche ich, ruhig zu bleiben. Ich merke, dass sich meine Mutter Sorgen macht. Mein Vater will uns holen. 

Wir setzen uns unter einem Baum am Block 1 des Parkplatzes am Olympiapark. Nach und nach fahren die Autos vom Parkplatz weg. Mehrere Polizeistreifen rasen am Mittleren Ring vorbei. Jedes Geräusch macht uns stutzig. Doch wir versuchen, die Situation mit Galgenhumor zu nehmen. Irgendwann zücke ich mein Handy. Wir machen Selfies und gaukeln uns selbst Normalität vor. Dann sehe ich das Auto meines Vaters an der Einfahrtsschranke. Wir laufen hin, sind total erleichtert.

Rettung für zwei wildfremde Gestrandete

Am Straßenrand sehen wir vier Leute, die scheinbar nach einer Mitfahrgelegenheit suchen. Kurzerhand frage ich: „Wo müsst ihr denn hin?“ – „ Unser Auto steht an der Messestadt-Ost.“ – „Egal ihr könnt auch bei mir bleiben“, antworte ich. Wir nehmen sie mit nach Dachau. Im Auto hören wir Radio und verfolgen alle News. Wir wollen nur noch raus aus der Stadt. Mein Vater ist eigentlich alles andere als ein ängstlicher Mensch. Doch nun sperrt auch er das Auto ab. Wir sehen Menschen am Straßenrand, die vermutlich auch aus München rauswollen. Unser Auto ist leider voll, wir müssen an ihnen vorbeifahren. 

Bis wir zuhause ankommen, wissen meine Cousine und ich nicht einmal die Namen der zwei jungen Damen, die wir mitgenommen haben. Doch Namen spielen keine Rolle. Uns verbindet das gemeinsam Durchgestandene. Erst an der Haustüre stelle ich mich Gabi und Maria vor. Sie kommen aus Mühldorf und Freising. Dann setzen wir uns ins Wohnzimmer und diskutieren, was im Internet über den Täter geschrieben wird. Wir reden, als ob wir uns schon seit Jahren kennen. Dass ich zwei eigentlich wildfremde Frauen aufgenommen habe, ist mir in diesem Moment gar nicht bewusst. 

Die Fassungslosigkeit bleibt

Die Nacht schlafe ich unruhig, träume davon, dass wir vor dem Täter weglaufen wollen, es aber nicht schaffen. Am nächsten Morgen fahre ich Gabi, Maria und Helena zum Bahnhof. Eine herzliche Umarmung. „Wir wissen gar nicht, wie wir Dir danken sollen“, sagen sie. 

„Auch ich habe schon oft Glück gehabt“, antworte ich. Als ich die neuesten Nachrichten im Radio höre, wird mir alles wieder bewusst. Mir schießen die Tränen in die Augen.

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