Schau, was kommt vom Wald heraus: Wildschweine und andere Wildtiere sind derzeit vermehrt auf der Suche nach Unterschlupf und überqueren deshalb die Straßen.

Zahl der Wildunfälle im Landkreis Dachau steigt

Kollision ist oft besser als ausweichen

Landkreis - Der Tisch ist abgeräumt – die Wohnung zerstört! So beschreibt der bayerische Jagdverband (BJV) die derzeitige Situation der Wildtiere. Schwarzwild, Reh, Hase und Fasan suchen nach neuem Unterschlupf und überqueren besonders jetzt viele Straßen.

Wenn die Autofahrer in diesen Tagen unterwegs sind, dann müssen sie besonders aufmerksam sein. Wildtiere könnten ihren Weg kreuzen. Die Felder sind abgeerntet, die Deckung fehlt. Also suchen sie sich neuen Unterschlupf – und sausen dabei über die Straßen. Norbert Kutil aus Röhrmoos, ist seit 35 Jahren Fahrlehrer und sagt: „Im Prinzip sind die gleichen Sachen wichtig, wie sonst auch: vorausschauend fahren, genügend Abstand zum Vordermann einhalten, Geschwindikeitsbeschränkungen beachten und bremsbereit sein.“  Also eigentlich das ganz normale Verhalten im Straßenverkehr, möchte man meinen. 

Dass dem nicht immer so ist, weiß Karl-Heinz Kellerer, Verkehrsexperte der Polizei Dachau: „In den Köpfen ist leider verbreitet, dass man bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von zum Beispiel 80 immer diese Geschwindigkeit fahren kann. Dabei handelt es sich aber nur um die Höchstgeschwindigkeit“, mahnt er. 

Für rechtzeitiges Reagieren sollte der Blick auf den Straßenrand ausgeweitet werden. Besonders in der Dämmerung ist das Risiko hoch. Und auch nach dem einmaligen Wildwechsel eines Tieres ist Vorsicht angesagt: Das Wild ist oft in Gruppen unterwegs, läuft ein Reh über den Weg, folgen meist noch weitere. Im unerwünschten Fall der Fälle rät der BJV: Nicht auszuweichen und unbedingt abzublenden. Blicken die Tiere in den Fernlichtkegel, bleiben sie vor Schreck oft mitten auf der Fahrbahn stehen. Am besten bremsen und Ruhe bewahren. Es klinge hart, aber ein kontrollierter Aufprall sei besser, als ein unkontrolliertes Ausweichen. Außerdem ist es wichtig, bei Schäden immer die Polizei zu informieren. Selbst wenn das Tier nach dem Unfall weiterläuft, kann es stark verletzt sein. 

Obwohl das Regelbuch theoretisch das „Ausweichen, wenn keine Gefahr besteht“ zulasse, rät auch Fahrlehrer Kutil davon ab: „Es ist fast unmöglich abzuschätzen, ob ein Ausweichen tatsächlich gefahrlos möglich ist, und meist passieren dadurch noch weitaus schlimmere Unfälle.“ Die Fahranfänger werden deshalb gezielt auf Wildwechsel vorbereitet. In den Nacht- und Überlandfahrten werde das Thema gezielt angesprochen. Auch mit der sogenannten Gefahrbremsung, bei der die Schüler auf Signal des Fahrlehrers eine Vollbremsung durchführen müssen, wird eine mögliche Gefahrsituation geprobt. 

Um Wildunfälle zu verhindern, wird einiges unternommen. Besonders die Jäger setzten sich dafür ein, an für Autofahrer gefährlichen Straßenabschnitten blaue Reflektoren an den Leitpfosten anzubringen. Diese sollen das Wild nachts abschrecken und so von der Fahrbahn fernhalten. Tagsüber haben sie aber keinen Nutzen. 

Von der häufig unterschätzen Gefahr bei Tage kann auch Norbert Kutil berichten: „Tagsüber rechnet man viel weniger mit einem Wildwechsel. Da kommt es schon vor, dass wir eingreifen müssen und sich der Schüler erschreckt“, erzählt er. 

Zur Überquerung von Schnellstraßen wurden außerdem Durchlässe errichtet. Im Landkreis befindet sich etwa einer in der Nähe des Leitenbergs. Er führt unter den Bahngleisen hindurch. Das Rohr hat einen Durchmesser von circa 80 Zentimetern und bietet so allerdings nur kleinem Wild eine Alternative. 

Ein anderer Ansatz: neuen Lebensraum schaffen. Einige Flächen werden für den Zwischenfruchtanbau genutzt. Dafür arbeitet der BJV mit den Landwirten im Landkreis zusammen, die abwechselnd Wiesen zur Verfügung stellen. Diese Flächen bieten nicht nur dem Wild, sondern auch Vögeln, Hasen und Insekten Unterschlupf. 

Die Zahl der Wildunfälle ist übrigens gestiegen. Während sie 2013 noch bei rund 600 pro Jahr lag, kletterte sie im vergangenen Jahr auf rund 950 im Landkreis. Für 2016 sind noch keine Zahlen erhoben – bleibt zu hoffen, dass die Maßnahmen greifen.

Aljoscha Huber

Tabea Reisländer

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