Am Radio wurde der Generationenkonflikt sichtbar. Dieser Radioapparat Graetz stammt aus den 50er Jahren und ist im Heimatmuseum Karlsfeld zu sehen. foto: braun

In Festkleidung vor dem Radio versammelt

Landkreis - In Dachau setzte Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung ein Wandel ein. An die Stelle der Feldarbeit war für viele Menschen die Fabrikarbeit getreten, manche Neuerungen brachten Annehmlichkeiten mit sich. In unserer Serie werden Objekte vorgestellt, die Dachaus Weg in die Moderne zeichnen. Heute: das Radio. Genauer: Objekt: der Radioapparat Graetz 50er Jahre aus dem Heimatmuseum Karlsfeld.

Der moderne Mensch bewegt sich heute nur noch mit Musik fort. Kopfhörer beim Joggen oder beim S-Bahn-Fahren und im Auto geht das Radio - auf bayerisch: der Radio - schon an, wenn man den Motor startet. Jeder kann überall seine Lieblingsmusik hören.

Das war in den 50er Jahren - die Zeit, aus der der Radioapparat Graetz stammt, der im Heimatmuseum Karlsfeld zu sehen ist - noch anders. Die meisten Familien hatten nur ein Radiogerät, und das stand im Wohnzimmer auf einem zentralen Platz, so wie heute der Fernseher. Am Radio wurde der ganze Generationenkonflikt sichtbar. Die Eltern wollten Volksmusik oder Schlager hören, die jungen Leute Jazz-Musik. „Immer diese ,Negermusik‘“, grantelten die Eltern. Aber es gab aber auch Sendungen, bei denen sich die ganze Familie um das Radio versammelte, zum Beispiel die Hörspielreihe „Familie Brandl“ mit Lisl Karlstadt.

Die Auswahl an Sendungen war damals nicht sehr groß. Bis 1950 gab nur ein einziges Hörfunkprogramm und zwischendurch waren Sendepausen. Der Hörfunk war das, was heute der Fernseher ist. Man saß zusammen und hörte sich Sendungen zur Unterhaltung an oder um sich zu bilden. Frauen schätzten es sehr, neben ihrer Hausarbeit so viel Interessantes aus der Welt zu erfahren. Beim Socken stopfen und Kartoffeln schälen hörten sie sich Wissenswertes über Pädagogik im Frauenfunk an oder verfolgten die Debatten um die gesetzliche Gleichberechtigung.

In den 20er Jahren, als die ersten Apparate aufkamen, war Radiohören noch etwas ganz Besonderes. Wenn die Hörer und Hörerinnen sich ein Konzert anhörten, setzten sie sich in festlicher Kleidung vor den Radioapparat. Oftmals kam die ganze Nachbarschaft dazu, um diesem Wunderwerk der Technik zu lauschen.

Doch nicht immer diente das Radio zur Unterhaltung und Bildung. Für Adolf Hitler war es ein wirksames Mittel der Propaganda. Deshalb ließ er von den Hörfunk-Herstellern ein Radiogerät produzieren, das zwar nur einen begrenzten Empfangsradius hatte, aber für fast alle erschwinglich war. Jeder konnte am Volksempfänger die hetzerische Ansprachen Hitlers und seiner Gefolgschaft hören. Andere, die sich ein besseres Radiogerät leisteten, waren umfassender informiert. Doch wer im Krieg „feindliche Sender“ hörte, dem drohte die Todesstrafe.

Nach dem Krieg war der Rundfunk das wichtigste Medium. Wegen Papiermangel gab es kaum Zeitungen, aber es existierten noch viele Volksempfänger. Die Amerikaner sendeten wichtige Informationen, zum Beispiel über Lebensmittelkarten oder Vermisstensuche. Und sie nutzten den Hörfunk auch als Mittel der Reeducation, um den Deutschen demokratische Werte nahezubringen. Zur Unterhaltung stand Jazz-Musik auf dem Programm.

Das Radiogerät war eine begehrte Anschaffung. Es war das Tor zur Welt. Doch erst während des Wirtschaftswunders konnten sich viele ein Radio leisten und kauften sich das wertvolle Gerät - auf Kredit.

Die Autorin:

Dr. Annegret Braun ist Kulturwissenschaftlerin und lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität Europäische Ethnologie. Als Projektleiterin der Geschichtswerkstatt im Landkreis forscht sie über Nachkriegsgeschichte.

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