„Ich wollte einfach weiterleben“: Der Zeitzeuge Max Volpert mit Dr. Andrea Riedle, Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung der KZ Gedenkstätte. foto: Gedenkstätte

„Ich habe den Glauben nie verloren“

Dachau - Er war 12 Jahre alt, als er in das KZ Kaufering deportiert wurde. Max Volpert überlebte. Als einziges Mitglied seiner Familie. In der KZ-Gedenkstätte spricht er von seinen schrecklichen Erlebnissen als Jude im Dritten Reich.

„Unser Leben war weniger wert als ein kleines Steinchen auf der Straße.“ Dieses Zitat vont Max Volpert war nun auch der Titel eines Zeitzeugengesprächs im Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte in Dachau. Max Volpert erzählte von seinem Leben und dem Alltag als Jude zur NS-Zeit.

Geboren wurde er am 7. September 1931 in Kaunas in Litauen. „Von dem Start der Judenverfolgung habe ich als Kind nicht viel mit gekriegt. Es hieß nur immer, dass in Deutschland etwas vor sich geht“, erzählt Volpert den gespannten Zuhörern. Doch als er mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester Ralia im August 1941 in das Ghetto Kaunas übersiedeln musste, wurde ihm so langsam klar, was los war. Mit zehn Jahren.

Sein Vater war Anwalt, was der Familie im Ghetto einige wenige Annehmlichkeiten bereitete. Sie bekamen eine verhältnismäßig große Wohnung. Der Vater bekam eine Stelle als Anwalt im Gericht des Ghettos. Max Volpert bekam durch ihn eine Arbeit als Botengänger. Durch ihr Ansehen, aber auch durch viel Glück, entging die Familie vielen Selektionen und Abtransporten.

„Einmal gab es einen Aufruf im Ghetto, dass sich 500 schlaue Männer melden sollen, um im Archiv der Stadt zu arbeiten. Mein Vater ging auch hin. Doch dann kam ihm die ganze Sache komisch vor, und er schlich sich wieder davon“, berichtet Volpert. „Alle 500 Männer wurden erschossen. Das Ganze sollte wohl dazu dienen, die schlauen Köpfe im Ghetto auszurotten, anders kann ich mir das nicht erklären.“

Die Familie erhielt auch sogenannte Jordan-Scheine. Wieder ein glücklicher Zufall, der die Familie vor dem Tod bewahrte, berichtet Volpert: „Es gab in Kaunas zwei Ghettos, ein großes und ein kleines. Wer im kleinen Ghetto einen Jordan-Schein hatte, konnte ins große Ghetto wechseln. Wer im kleinen Ghetto bleiben musste, wurde erschossen, und das Krankenhaus dort wurde abgebrannt.“ Im großen Ghetto überstand die Familie eine weitere groß angelegte Selektion. „Dann folgten aber erste einmal etwas ruhigere Zeiten. Werkstätten wurden gegründet und Gärten angelegt. Die Menschen konnten arbeiten und die Jugendlichen durften sogar an einer Berufsschule einen Beruf erlernen. Ich wurde dort zum Schlosser ausgebildet.“

Doch der nächste Vorfall ließ nicht lange auf sich warten. Es fuhren große Lkw ins Ghetto. Kinder wurden eingesammelt. Eltern, die ihre Kinder nicht her geben wollten, wurden einfach mit abtransportiert. Von den Kindern hat niemand jemals wieder etwas gehört. Doch Max Volperts Vater hatte für solche Extremsituationen schon vorgesorgt. Er hatte den Zugang zum Keller des Hauses zuschütten lassen, und einen zweiten Zugang hinter einem Schrank versteckt. Max Volpert, seine Schwester und seine Mutter hielten sich dort versteckt und blieben bei der Selektion unentdeckt.

Doch schließlich, am 11. Juli 1944, wurde das Ghetto geräumt und gesprengt. Max war damals noch 12 Jahre alt. Alle Einwohner wurden auf Züge verladen und mussten darin zwei Tage lang herum fahren. Dann hielt der Zug. Männer riefen: „Alle Frauen und Kinder raus!“ Volperts Mutter und Schwester blieb nichts anderes übrig, als auszusteigen. Er selbst hatte auf den Tipp seines Vaters hin sein Alter höher angegeben, so dass er nicht mehr als Kind zählte. Seine Mutter und seine Schwester wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Doch das erfuhr Max Volpert erst viele Jahre später.

Er und sein Vater kamen am 15. Juli 1944 schließlich am Bahnhof Kaufering an. Dort, im größten Außenlagerkomplex des KZ Dachau, mussten sie schuften. Die Gefangenen mussten Bunkeranlagen für die Kriegswirtschaft errichten. Im KZ Kaufering waren 30 000 Menschen inhaftiert. Etwa die Hälfte starben. Sie brachen unter der schweren Arbeit zusammen oder wurden ermordet. Auch Max Volperts Vater wurde krank und starb.

Nur Max überlebte. Als einziges Mitglied der Familie. Kurz vor Kriegsende, am 24. April 1945, wurde das KZ Kaufering geräumt und alle Häftlinge im Laufschritt auf einen Gewaltmarsch nach Dachau geschickt - die sogenannten „Todesmärsche. Doch am 2. Mai 1945, nach einer kurzen Nachtruhe, waren alle Wachen verschwunden. „Wir hatten aber Angst, dass sie wiederkommen. Deswegen haben wir uns versteckt.“ Als die Gefangenen schließlich von amerikanischen Soldaten aufgegriffen wurden, wog Max Volpert gerade mal noch 30 Kilogramm. Er war 13 Jahre alt.

Nach Kriegsende kam Max in eine Kaserne und verschiedene Krankenhäuser, wurde dort wieder aufgepäppelt. Für ihn war aber klar, dass er nicht weiter in Deutschland leben wollte Es verschlug ihn hierhin und dorthin, bis er nach Israel auswanderte. Heute lebt er in Bat Jam, einer Stadt nahe Tel Aviv, ist verheiratet und hat eine Familie.

Seit 1963 kommt er immer wieder nach Deutschland, um als Zeitzeuge von seinem Schicksal zu berichte. Auch in Israel hält er Vorträge vor Schulklassen und Gruppen. Heute beschäftigt ihn noch besonders, dass die Menschen oftmals behaupten, von den Häftlingen nichts mitbekommen zu haben. „Wir sind mit unseren Karren sogar über den Marktplatz gefahren, und auch die Massengräber waren für alle Bürger öffentlich zugänglich. Aber die Menschen haben uns einfach nicht gesehen. Oder zumindest so getan.“ Besonders beeindruckt ist er nach wie vor von der deutschen Genauigkeit , Pünktlichkeit und Präzision, „leider auch beim Vernichten.“ Er weiß, dass er durch viele glückliche Fügungen überlebt hat - aber auch durch seine starke Willenskraft: „Ich wollte einfach weiterleben, und ich habe den Glauben daran nie verloren, dass ich das auch schaffen werde.“

(sr)

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