Die Kinder wissen, wie sie an Stoff kommen

Landkreis - Es gibt längst kein Stadt-Land-Gefälle mehr, keine „heile Welt“ auf dem Land. Die Drogenproblematik ist auch im Landkreis Dachau dramatisch.

So liest es sich aus den Zahlen und Beispielen, die Sylvia Neumeier, Leiterin der Dachauer Drogenberatungsstelle Drobs, im Gemeinderat Altomünster schilderte. Ihr Appell: Prävention bereits an der Schule.

Rund 400 Abhängige gibt es derzeit im Landkreis Dachau, sechs bis sieben kommen aus dem Gebiet der Marktgemeinde Altomünster. „Es gibt keinen Ort im Landkreis, wo es nicht Menschen mit einer Suchterkrankung gibt“, so Sylvia Neumeier. Doch die Dunkelziffer ist weit höher. Bereits in den siebten Klassen haben 90 Prozent erste Erfahrungen mit Alkohol, 10 Prozent mit illegalen Substanzen. Die spielen bei der Beratung und den Hilfsangeboten des Dachauer Vereins die Hauptrolle - die Alkoholabhängigen sind nicht die eigentliche Zielgruppe. Und weil die „Klientel“ immer jünger wird, ist den Mitarbeitern von Drobs die Aufklärung ab der sechsten Klasse besonders wichtig. Kein Kind oder Jugendlicher soll den Landkreis Dachau verlassen, ohne nicht Präventionsunterricht bekommen zu haben.

Doch bisher haben sich die Gemeinden Altomünster und Erdweg davon ausgeklinkt, weswegen Neumeier auch in der Marktgemeinde vorsprach. Und das, obwohl der Landkreis eine Präventionseinheit (Kosten: 150 Euro), sprich eine Doppelschulstunde, mit 120 Euro bezuschusst. Ansonsten gibt es ein breit gefächertes Präventionsnetz mit Schulen, der Polizei, dem Gesundheitsamt und den Jugendbetreuern. „Denn die Kinder wissen, wo sie wie an welche Stoffe kommen“, sagt Sylvia Neumeier und rät: „Gehen Sie mal ins Kinder- oder Jugendzimmer und schauen Sie sich ein wenig um nach Alkohol, Pillen oder Päckchen.“ Und wenn Kinder von „Badesalz“ sprächen, dann meinten sie nicht den Zusatz für das Bad, sondern ein synthetisches Stimulanzmittel.

Vier Mitarbeiter und Streetworker arbeiten für Drobs, viele auch vor Ort, direkt dort, wo Drogen konsumiert werden. Drobs bietet nicht nur Information, Beratung und ambulante Behandlung an, sondern auch Wertschätzung und zudem Hilfe für Angehörige. Neumeier erzählte exemplarisch von einem verzweifelten Vater, der Ende 1993 in einer Apotheke Spritzen für seinen heroinabhängigen Sohn zu kaufen versuchte. Durch diesen Hilferuf ist Drobs 1994 mit weiteren neun Interessierten entstanden. Alle verstehen sich als Begleitung durch alle Phasen und unterliegen der Schweigepflicht. Der etwa 100 Mitglieder starke Verein habe es geschafft, Vertrauen aufzubauen. Viele Drogenabhängige kämen sogar freiwillig, andere, weil sie von der Justiz Beratungsstunden als Auflagen bekommen haben.

Die Gemeinden sollten vor allem die Jugendarbeit hochhalten, betonte Sylvia Neumeier. Auf die Frage von Josef Haltmayr (SPD), was sie vom Standort Bahnhof für das neue Juz halte (wir haben berichtet), antwortete die Drogenexpertin: „Der Bahnhof ist superklasse.“ Dort gebe es eine gewisse Kontrolle. Von Hubert Güntner (FW) befragt nach typischen Umschlagplätzen, antwortete Neumeier: „Überall dort, wo Menschen sind.“ Zudem gebe es den Rückzug ins Internet, „wo illegale Substanzen bestellt und per Boten überbracht werden wie beim Pizzadienst“.

Bürgermeister Anton Kerle fasste am Ende die allgemeine Stimmung zusammen: „Ihre Schilderungen machen uns betroffen. Sie haben uns weitergebracht.“ Kerle will jetzt mit Rektorin Nicola Lachner über die Einführung des Präventionsprogramm auch an der Schule Altomünster sprechen und die Schulverbandsversammlung informieren.

(sas)

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