Schau doch mal beim Glas vorbei

Dachau - Er ist Verwaltungsgenie, Betreuer und Seelenklempner in einem: Hans Glas arbeitet seit 38 Jahren als Oberstufenbetreuer im JEG - „der Glücksfall seines Lebens.“

Eigentlich ist es nur ein einfaches Klassenzimmer im ersten Stock am Josef-Effner-Gymnasium. Ein ziemlich kleines sogar. Doch wer in das Zimmer „vom Glas“ kommt, weiß gar nicht, wohin er zuerst schauen soll: Gebastelte Poster von früheren Klassenausflügen für den „Glasi-Hasi“, Fotos vom Abiturjahrgängen aus den 90ern und eine riesige Tafel mit vielen kleinen bunten Setzsteinen.

In der Mitte steht ein PC auf einem Schreibtisch. Dahinter hockt Hans Glas, Oberstufenbetreuer am JEG und zuständig für den Stundenplan. „Die Tafel enthält unglaublich dichte Informationen“, erklärt der 64-Jährige fachmännisch und zeigt auf den riesigen Stundenplan aus Holz mit den bunt gefärbten Setzsteinen, die für belegte Stunden stehen. Glas ist hier ganz der nüchterne Naturwissenschaftler. Mathematik und Physik ist ja auch seine Fächerkombination.

Die unterrichtet er aber nur noch in der zehnten Klasse und der Oberstufe. „Dann kenne ich schon die meisten, die ich später betreue“, erklärt er. Hans Glas ist nach seinen eigenen Worten nämlich genau deswegen Lehrer geworden. Nicht wegen nüchterner Naturwissenschaften oder schnöder Stundenplänen, sondern wegen des Umgangs mit jungen Menschen. „Ich wollte eigentlich nie etwas anderes machen“, gibt er nachdenklich zu.

Bis 1977 hatte der gebürtige Aichacher fünf Jahre lang an der TU Mathematik und Physik studiert, aus „Eitelkeit und Faulheit“ - es seien schon an der Schule seine besten Fächer gewesen. Weil Glas aber schon während des Studiums in der Jugendarbeit tätig war, entschied er sich für den Lehrerberuf: Nach dem Referendariat an Gymnasien in München und Pfaffenhofen wurde er am Effner festangestellt.

„Mein Seminarlehrer sagte damals zu mir: ,Ich weiß nicht, ob ich Ihnen dazu gratulieren oder kondolieren soll’“, erinnert sich Glas. Das Effner hätte damals einen sehr schlechten Ruf gehabt. Er selbst fühlte sich dort aber in kürzester Zeit wohl. Stundenpläne für die gesamte Schule erstellte Glas schließlich vor 30 Jahren das erste Mal. Vor 21 Jahren wurde schließlich die Stelle als Oberstufenbetreuer frei. Der ehemalige Rektor meinte schließlich: „Der Glas soll das machen.“ Heute sagt der 64-Jährige: „Das war der Glücksfall meines Lebens, etwas Besseres hätte mir nicht passieren können.“

Wie sehr ihm die Abiturienten am Herzen liegen, merkt jeder, der den Oberstufenbetreuer in seinem Zimmer besucht: Sei es, weil er Kopiergeld bezahlen muss. Oder Fragen zur komplizierten Notenberechnung in der Oberstufe hat. Der Lehrer hat den Überblick und steht immer mit einem Rat zur Seite. „Was sich hier schon für Dramen abgespielt haben“, meint Glas. Schüler, die Probleme mit ihren Noten haben, oder kurz vor dem Durchfallen stehen. Andererseits spielten sich auch eine „Fülle schöner Erlebnisse“ ab, wie es Glas ein wenig blumig beschreibt. Der Aichacher, der sein Bayerisch mit dem typisch schwäbischen Einschlag nicht wirklich verstecken kann, erzählt gern.

Aber nicht nur während der Schulzeit. Sondern auch wenn die Abiturienten ihren Abschluss eigentlich schon in der Tasche haben: Abiturientin Louisa Bauer schaut gerade „beim Glas“ vorbei. Die ehemalige Schülerin aus Dachau wollte nur „kurz“ Bilder von der vergangenen Abiturzeugnisverleihung für ihren ehemaligen Oberstufenbetreuer vorbeibringen. Aber aus dem Vorbeischauen werden ganz schnell eineinhalb Stunden.

Glas und die Schülerin reden ganz ungezwungen: über witzige Anekdoten von Klassenkameraden oder über die Möglichkeiten nach der Schullaufbahn. Louisa scheint nicht die einzige aus ihrem Jahrgang zu sein, die ein gutes Verhältnis zu Hans Glas hat: „Zu meinem Geburtstag haben sie mir Briefe geschrieben“, berichtet der 64-Jährige immer noch erstaunt und kramt einen Ordner mit bunten Zetteln hervor.

„Dass sich 17- bis 18-jährige Menschen so eine Arbeit machen, muss man sich erst mal vorstellen“, sagt er kopfschüttelnd. Die Abiturienten bedankten sich auch mit einem riesigen Banner bei „Herrn Glas“, auf dem sie alle unterschrieben hatten. Anschließend sangen sie das Lieblingslied des 64-Jährigen, „Wish you were here“ von Pink Floyd.

Louisa Bauer unterhält sich aber nicht nur über ihren Jahrgang: „Es fällt einem immer ein Gesprächsthema mit dem Herrn Glas ein“, meint sie. Also geht es auch um Louisas Bruder, den Hans Glas vor vier Jahren auch schon in der Oberstufe betreute. „Was macht der jetzt?“, will Glas wissen und beugt sich interessiert vor.

Im Abiturjahrgang dieses Jahres waren sogar 14 Schüler, deren Eltern er auch schon unterrichtete. Viele weitere Ehemalige besuchen den 64-Jährigen immer noch. „Wenn man alt wird, weiß man es schon zu schätzen, ständig unter Jungen zu sein“, meint Glas gerührt.

Genau dieser persönliche Kontakt ist dem Lehrer wichtig. Er will die Schule „entanonymisieren“, wie er es nennt. Und damit dem späteren Leben an riesigen, einschüchternden Universitäten etwas entgegensetzen. „Der Kontakt per Mail ist für mich nicht der Sinn der Übung“, macht er deutlich.

Deswegen hören die Schüler des Öfteren ihren Nachnamen durch das ganze Effner schallen, wenn sie wieder einmal nicht alle Unterlagen pünktlich abgegeben haben. Der Lehrer hält auch immer persönlich „Oberstufentreffen“ ab, um dort die Abiturienten auf dem Laufenden zu halten. Viele Schüler würden denken, jetzt „labert er schon wieder“. Aber Glas hält dagegen: So seien die jungen Menschen „nicht ganz allein“, wenn sie so viele Entscheidungen in der Schule treffen müssen - trotz Oberstufe seien die Schüler ja oft noch Kinder.

Aber Glas sagt seinen Schülern auch - in astreinem Aichacher Dialekt: „Wennsch woasch wosd wuischt, wirscht viel erreichen.“ Manche machen dem Lehrer aber schon den Vorwurf, die Leute zu überbemuttern, sagt Glas und zieht die Schultern nach oben.

Bei der letzten Abiturfeier warnte Schulleiter Kurt Stecher bereits die Abiturienten: „An der Uni gibt es keinen Glas mehr.“ Damit es die Schüler dorthin oder zumindest zum angestrebten Abschluss schaffen, bietet Hans Glas den Schwächeren sogar Mathematik-Nachhilfe am Nachmittag an - für den gesamten Jahrgang.

„Das Verhältnis von Herrn Glas zu seinen Schülern ist wirklich etwas Besonderes“, stellt Schulrektor Dr. Kurt Stecher fest. Er merke das dem gesamten Abiturjahrgängen von Hans Glas an. Denn der Oberstufenbetreuer setze sich für seine Schüler ein - und das bekommt er laut Dr. Stecher auch wieder von ihnen zurück. „Ich könnte mir keinen besseren vorstellen.“ Seit 16 Jahren arbeiten die beiden Lehrer-Kollegen laut Dr. Stecher zusammen. Kurt Stecher erzählt sogar ein bisschen stolz, dass es Hans Glas beim bundesweiten Wettbewerb für den Lehrerpreis sogar einmal bis in die enge Endauswahl geschafft hat. Hans Glas selbst erzählt nichts davon - auch hier ist er wie immer ganz bescheiden. Viel wichtiger als Geld und Ruhm sind ihm nach eigener Aussage sowieso Gesundheit und der Umgang mit Menschen. Auch zu seinen Kollegen: Zu Kurt Stecher pflegt er ein „freundschaftliches“ Verhältnis. „Wir beide gehen auf die Schüler zu.“ Nur Glas zeige das eben gerne durch persönlichen Kontakt. Hans Glas sagt abwägend: „Der Chef kriegt das Schöne am Schulleben nicht so mit wie ich.“

Das Schöne kann in diesem Fall auch zu einer Art Lebensretter werden: 2011 hatte Hans Glas einen leichten Schlaganfall. Damals galt es die Stundenpläne und Kursbelegungen dreier Abiturjahrgänge zu planen: Die K13 des letzten G9-Jahrgangs so wie die 11. und 12. Klassen der neuen G8-Oberstufe. Stress pur für Hans Glas, denn: „Wir hatten keine Erfahrung mit der Planung.“ Von Weihnachten des Vorjahres bis zu den Sommerferien hat er nur für die Schule gearbeitet - alles unter Zeitdruck. Viele Stunden verbrachte er vor der großen Wandtafel mit dem Setzen vieler bunten Steinchen, die für die jeweilige Lehrer und Unterrichtsstunden stehen. Es waren zu viele Stunden.

Der Hirninfarkt äußerte sich schließlich durch Sprachfindungsschwierigkeiten und Probleme beim Schreiben. „Es war ein Schreckschuss zur rechten Zeit“, meint Hans Glas ernst. Der Lehrer hatte mit den Folgen zu kämpfen. Die Handschrift hat er sich selbst wieder beibringen müssen. „Das war eine sehr depressive Zeit“, erzählt der 64-Jährige in Gedanken versunken. Doch durch die „emotionale Zuwendung“ der Schüler sei er aus diesem Loch wieder rausgekommen. Jetzt genießt er dafür umso mehr die Zeit am JEG.

Denn in zwei Jahren soll Schluss sein: Genau dann wäre auch der Pensionstermin des Lehrers. „Ich könnte also mit dem nächsten Jahrgang Abitur machen“, scherzt er. Was der 64-Jährige eigentlich meint: Dann wäre auch „der Glas“ runter vom Effner. Der richtige Moment ist ihm dabei jedoch wichtig: „Damit nicht alle sagen, jetzt wird der Glas schon langsam tatterig.“

Maxi Pichlmeier

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