Auch die zweite Generation ist betroffen: (von links) Ilana Pecker, Tochter von Zipora Schindelheim, mit Historikerin Verena Buser beim Zeitzeugengespräch. foto: map

Wenn Kindern die Heimat genommen wurde

Dachau - Fünf Zeitzeugen haben an dem Workshop „Nach der Befreiung" im Jugendgästehaus teilgenommen. Und erzählt, wie es ist, als Kind die Heimat zu verlieren.

Von Polen in die Ukraine, nach Russland und dann nach Kasachstan. Und das innerhalb von zwei Jahren. Mit sechs Jahren floh Miriam Schwartz 1939 vor den Nazis. Sie war polnische Jüdin. „Ich habe mich lange nicht für meine Erinnerungen interessiert“, gestand die ältere Dame in hebräischer Sprache. Doch für ein Zeitzeugengespräch am Dienstagabend im Dachauer Jugendgästehaus kam sie aus Israel angereist. Zusammen mit den Zeitzeugen Abba Naor, Nahum Bogner, Masha Goren und Zipora Schindelheim nahm sie am wissenschaftlichen Workshop „Nach der Befreiung - zur Situation von Überlebenden und Kindern als Displaced Persons. Neue Zugänge in Bildung und Wissenschaft“ teil.

Allen fünf Zeitzeugen ist gemein, dass die Nationalsozialisten sie wegen ihres Glaubens bereits im Kindesalter um ihre Heimat und auch Familie brachten. Doch ihre Einzelschicksale konnten unterschiedlicher nicht sein. Miriam Schwartz musste als neunjähriges Kind zusammen mit ihrer Schwester für die schwer erkrankte Mutter sorgen. „Wir haben einmal auf einem Feld Kartoffeln geklaut, bis all unsere Taschen voll waren“, erzählte sie. Diese Erinnerung zeige ihr bis heute auf, wie schlecht es ihnen damals ging. Die Mutter erlag schließlich ihrer Krankheit, der Vater war schon lange vorher in die sowjetische Armee eingezogen worden.

Masha Gorens Eltern überlebten den Krieg. Die sechsköpfige Familie lebte an verschiedenen Orten in der Sowjetunion, bis sie ins jüdische Kinderzentrum Kloster Indersdorf zog. „Ich war dort das einzige Kind mit Eltern, dafür schämte ich mich fast schon“, erzählte die gebürtige Polin in einer Mischung aus Hebräisch, Deutsch und Englisch.

Die Zeitzeugen hatten am Vortag das Indersdorfer Kloster, fast alle hatten dort im jüdischen Kinderzentrum die Zeit vor ihrer Auswanderung nach Israel verbracht. Zipora Schindelheim, 1931 geboren, erkannte vom Ort jedoch nicht mehr viel wieder. „Nur an das viele Lernen erinnerte sie sich wieder“, übersetzte ihre Tochter Ilana Pecker ins Englische. Dass ihre Mutter im Gespräch überhaupt so viel erzählt habe, verwunderte sie. Zipora Schindelheims Familie schaffte es nicht, vor den Nazis zu fliehen. Der Vater kam bei Zwangsarbeit um, die Mutter versteckte das Kind bei einer nichtjüdischen Familie in einem Erdloch. Dort musste Zipora Schindelheim bis zur Befreiung durch die Sowjetarmee Zwangsarbeit leisten. Auch Zipora Schindelheim kam schließlich als Waisenkind über die Orte Zakopane, Prag und Landsberg nach Indersdorf.

Die Auswirkungen auf ihr Leben als „Displaced Person“, als „Person, die nicht an diesem Ort beheimatet ist“, erfährt Tochter Ilana Pecker noch heute an sich selbst. Bei ihrem Besuch in Indersdorf war es für die 62-Jährige „seltsam zu sehen, dass ein kleines Dorf mit schönen, sauberen Häusern ein Leben so beeinflussen konnte.“ Die Vergangenheit ihrer Mutter sei immer etwas Vages gewesen, vor dem sie Angst hatte, Näheres zu erfragen. „Ich habe als Kind nur mitgekriegt, dass meine Mutter oft nicht so funktionierte, wie Erwachsene sollen. Sie schlief beispielsweise sehr viel“, erzählte Pecker nachdenklich.

Für die anwesenden Historiker aus ganz Deutschland war das Gespräch sehr erkenntnisreich: „Durch die Effekte auf die Kinder wird gut sichtbar, wie Erinnerung eigentlich funktioniert“, meinte eine Geschichts-Studentin aus Hamburg und Teilnehmerin des Workshops. „Wie ging es nach der Befreiung weiter? Wie gingen die Überlebenden mit dem Verlust um?“ Diese Fragen wurden auch laut Kuratorin Susanne Urban lange nicht gestellt.

Die Wanderausstellung

„Wohin sollten wir nach der Befreiung?“ Zwischenstationen: Displaced Persons nach 1945“ ist noch bis zum 31. Juli im Max Mannheimer Studienzentrum/Internationales Jugendgästehaus, Roßwachstr. 15 zu sehen, in der Regel von 10 bis 20 Uhr. Die Aussteller zeigen unter anderem Identitätskarten und Zitate der einzelnen Betroffenen und Überlebenden. Der Eintritt ist frei.

(map)

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