Heute vor 60 Jahren starb Lebensretterin Rita Mayr

Den Freundinnen treu bis in den Tod

Sie ist gestorben, weil sie ihren Freundinnen helfen wollte. Sie hat ein Mädchen vor dem Ertrinken gerettet. Mit dem zweiten ging sie unter. Erst elf Jahre war sie damals. Der Mut von Rita Mayr ist bis heute unvergessen. Ihr Bruder Karl erzählt von dem Tag, an dem seine Schwester ertrank, weil sie helfen wollte.

Sie hat den Wald geliebt. Die Bäume, die Tiere, den Geruch. Sie hat das Fußballspielen geliebt, draußen auf der Wiese mit ihrem älteren Bruder und seinen Freunden. Und sie hat das Schwimmen geliebt. In dem kleinen Weiher bei Jedenhofen mit den vielen hübschen Seerosen. Dort ist sie ertrunken, genau heute vor 60 Jahren. Rita Mayr, das Mädchen, mit den kurzen braunen Locken, war damals elf Jahre alt und wollte ihren Freundinnen das Leben retten.

Karl Mayr, heute 72, blättert mit seinen faltigen Händen in einem alten Album. Die Seiten abgegriffen und vergilbt, die Fotos darin schwarz-weiß. „Die Rita war so ein nettes Mädchen.“ Liebevoll berührt er die wenigen Fotos, die ihn mit seiner kleinen Schwester zeigen. „Sie hat immer so viel gelacht. Und immer hat sie geholfen.“ So wie damals, 1956.

Es ist ein traumhafter Sommertag, dieser 4. Juni, Sonnenschein, 35 Grad hat es draußen. Für viele Pasenbacher Freunde ist klar, wo es gleich nach der Schule hingeht. Es ist ihr perfekter kleiner Platz, das am Ufer zugewachsene Altwasser bei Jedenhofen. Seerosen wachsen auf dem Weiher, von den Bäumen am Rand springen die Kinder ins Wasser. Sieben Meter ist der Weiher tief, doch das weiß damals niemand. Schwimmen kann eigentlich keiner. Rita schon. Sie hatte es zusammen mit ihren Geschwistern in Oettingen gelernt, dem Heimatort der Mama. Um die 25 Kinder sind an dem Tag am Weiher, doch Rita ist die einzige Schwimmerin. Für heute hat die Elfjährige genug, zieht ihr Sommerkleid an, geht zu ihrem Rad. Da hört sie die Schreie.

Das Erinnerungsfoto zeigt Karl Mayr und Schwesterchen Rita.

Noch heute besucht Karl Mayr mindestens einmal in der Woche das Grab seiner kleinen Schwester. Ihm ist es wichtig, dass sich nicht nur seine Familie an die mutige Heldin erinnert. „Rita hat es verdient, dass die Leute nicht vergessen, was sie damals gemacht hat.“ Und er wird nicht müde, daran zu erinnern. Seine Heimatgemeinde Vierkirchen gedenkt mit der Rita-Mayr-Straße der kleinen Lebensretterin, an der Grundschule im Ort hängt eine Tafel, die an Rita und diesen Sommertag1956 erinnert.

Karl Mayr (72) steht vor einer Gedenktafel an der Vierkirchner Grundschule.

Ritas Freundinnen Monika (10) und Resi (13) waren mit zwei aufgeblasenen Autoschläuchen in die Mitte des Weihers gepaddelt. Früher hatte jeder so etwas zum Baden dabei, konnte ja kaum einer schwimmen. Auch die beiden nicht. Irdendwie sind sie ins Wasser gestürzt, drohen zu ertrinken. Die anderen Kinder schreien nach Rita. Die rennt sofort ins Wasser. Mit ihrem Sommerkleid und ihrer Armbanduhr. Sie bekommt Resi zu fassen, zieht sie zum Ufer, wo das Mädchen erstmal bewusstlos liegen bleibt. Rita schwimmt nochmal in die Mitte des Weihers, will auch Monika retten. Doch die ist zu panisch, packt Rita am Hals. Beide Mädchen gehen unter. 16.35 Uhr. Das ist die Zeit, die Ritas Uhr zeigt, als man sie am nächsten Tag aus dem Wasser zieht. Die Uhr, auf die sie so stolz war, weil sie ihr die Tante zur Kommunion geschenkt hatte.

Noch heute erinnert die Rita-Mayr-Straße an die Heldin.

Oft, nicht jedesmal, am Grab, fragt Karl Mayr sich, warum das damals alles so kommen musste. An manchen Tagen scheint ihm das Schicksal unausweichlich, die Umstände „zu verrückt“. Verständlich, wenn man hört, wie leicht damals alles hätte ganz anders laufen können. Wenn sich nur eine kleine Begebenheit in der Geschichte geändert hätte... „Eigentlich hätte Rita an dem Tag gar nicht am Weiher sein sollen“, erzählt der Mann mit den tiefen Falten im Gesicht. Gezeichnet von einem langen Leben, das seine kleine Schwester nie hatte. Wenn er von Rita spricht, ändern sich seine hellblauen Augen. Die selben hellblauen Augen, die Rita hatte. Er ist dann irgendwo weit weg, ganz bei ihr. Rita war am Tag vor dem Unglück mit ihrem Papa unterwegs. „Jeden Sonntag durfte ein anderes Kind mit ihm einen Ausflug mit dem neuen Motorrad machen“, erinnert sich Mayr. Das Motorad blieb an diesem Tag liegen, bei Rain am Lech. Ein Knecht half irgendwann, reparierte den Schaden. Rita und ihr Vater kamen erst um drei Uhr morgens nach Hause. Für die Mutter war klar, das Kind braucht erstmal Schlaf: „Morgen gehst Du nicht in die Schule.“ – „Doch.“ Natürlich ging Rita, war sie doch am Nachmittag mit ihren Freunden zum Baden am Weiher verabredet. Auch ihr Bruder, nur eineinhalb Jahre älter, war dort. „Wir beide sind eingentlich immer zusammengewesen.“ Er, zwölf damals, war wie Rita zum Rettungsschwimmer ausgebildet, doch eine halbe Stunde vor dem Unglück fuhr er mit dem Rad zu einem anderen Weiher nach Asbach. „Ich wäre doch viel stärker gewesen als sie“, denkt er sich noch heute oft. Auch ein Knecht, der neben dem Weiher auf dem Feld arbeitete, hörte die Hilferufe, hielt sie aber tragischerweise für harmloses Kindergeschrei.

Vieles weiß Karl Mayr noch, als wäre es gerade eben passiert. Wie er damals nach dem Baden beim Kramer eine Semmel kaufen wollte und ihm die Verkäuferin sagte, dass seine Schwester ertrunken sei. Wie er mit seinem Vater zum Weiher fuhr und die Polizei, die damals noch mit dem Radl kam, erzählte, was passiert war. Wie gegen zehn Uhr Abends der leblose Körper von Monika aus den Wasser gezogen wurde. Wie sich seine Familie die Taucher der Wasserwacht nicht leisten konnte und Bauernbuben am nächten Morgen Haken an lange Stöcke banden, um nach Rita zu suchen. Einer bekam sie an ihrem Kleid zu fassen.

Manche Dinge wird Karl Mayr nie erfahren. Zum Beispiel, wie die beiden Mädchen genau ins Wasser gestürzt waren. Alle, die dabei waren, waren völlig unter Schock. Auch heute können alte Freunde von Rita nicht über das sprechen, was sie damals miterlebt haben. Die gerettete Resi lebt heute noch. Zur Familie Mayr hatte sie allerdings seit dem Unfall keinen Kontakt. Doch das ist es nicht, was Karl Mayr wichtig ist. Wichtig ist ihm nur: Rita und ihren Mut nicht zu vergessen.

Viele wollen der kleinen Lebensretterin gedenken. 1957 hat Karl Mayr für seine tote Schwester die Bayerische Rettungsmedaille entgegengenommen, die Gemeinde Vierkirchen benannte eine Straße nach ihr, widmete ihr eine Gedenktafel. Doch im Ort gibt es noch mehr, das an Rita erinnert. Wer heute im Naturbad schwimmt, sieht auch die Rettungshütte der Wasserwacht. Auch sie trägt Ritas Namen. 2002 führte Mayr eine Grundschulklasse zum Weiher, an dem nach dem Unglück niemand mehr schwimmen ging, mähte dafür vorher das Gras. Die Kinder forschten für ein Projekt. Als ihnen Mayr von Rita erzählte, waren alle ganz still. Sie waren alle im selben Alter wie Rita damals, als es passierte. Für das Projekt wurden die Kinder ausgezeichnet.

Als Rita beerdigt wurde, regnete es. Der Pfarrer sagte bei der Beerdigung: Rita war ihren Freunden treu bis in den Tod, und „Hab’ dank, liebe Rita für Dein frohes, fleißiges Singen im Kirchenchor“.

„Sie hat einfach so gern gelacht“, sagt ihr Bruder heute. Weiße Schuhe, ein weißes Kleid mit weißen Rüschchen, im kurzen braunen Haar ein weißer Blumenkranz, das trägt Rita auf dem letzten Bild, das sie lebendig zeigt, aufgenommen an Fronleichnam, einen Tag vor ihrem Tod. Auf dem Foto lächelt sie.

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