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Nach 44 Jahren im Dienst wird er heute feierlich verabschiedet: Kreisbrandrat Heinrich Schmalenberg.  

Heute wird Dachaus Kreisbrandrat Heinrich Schmalenberg verabschiedet

"Ich bin kein Held"

Im Interview spricht  Heinrich Schmalenberg über einen Einsatz, den er nie vergessen wird, darüber, wie sich das Feuerwehrwesen im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, und warum die Landfeuerwehren nicht verschwinden dürfen.

 Er hat zig Brände gelöscht, so viele, dass er sich nicht mal an alle erinnern kann. Zudem war er jahrzehntelang bei Verkehrsunfällen zur Stelle. Ein Held ist er aber nicht. Das sagt Kreisbrandrat Heinrich Schmalenberg zumindest über sich selbst. Die, denen er in den 44 Jahren als Feuerwehrler bereits geholfen hat, würden wahrscheinlich vehement widersprechen. Am heutigen Freitagabend wird der Indersdorfer (62) mit einer großen Feier mit vielen Gästen aus Politik und Wirtschaft beim Doll in Ried verabschiedet.  

Wie sind Sie eigentlich zur Feuerwehr gekommen, Herr Schmalenberg? War das von klein auf Ihr Traum – Menschen helfen, Feuer löschen?

Heinrich Schmalenberg: Eigentlich nicht. Es war sogar recht unspektakulär. Ein Arbeitskollege hat mir damals immer von seiner Arbeit bei der Aubinger Feuerwehr vorgeschwärmt und mich so dazu animiert, mich auch zu engagieren. Also bin ich 1972 der Indersdorfer Wehr beigetreten.


Wie hat sich das Feuerwehrwesen in den vergangenen 44 Jahren verändert?

Schmalenberg: Ganz am Anfang war die Indersdorfer Feuerwehr noch in dem Häusl am Marktplatz. Damals hatte noch nicht jeder seinen eigenen Schutzanzug oder eigene Stiefel. Da hing einfach die Ausrüstung für alle rum. So konnte es sein, dass man beim Einsatz einen viel zu großen Anzug anhatte oder zu kleine Schuhe. Mittlerweile sind alle Wehren professionell mit Atemschutz und allem drum und dran ausgestattet. Bei einem der ersten großen Brände, an die ich mich erinnere, haben wir von außen ohne Atemschutz gelöscht. Damals hat ein Stall in Kataleich gebrannt, Tiere sind gestorben.


Inwiefern haben sich die Aufgaben gewandelt?

Schmalenberg: 1976 haben wir langsam Spreizer und Schere bekommen. Vorher musste bei schweren Verkehrsunfallen das THW anrücken. Mittlerweile ist es völlig normal, dass sich die Landfeuerwehren um solche Dinge kümmern. Im Aufgabengebiet eines Feuerwehrlers gibt es weit mehr als nur Brände löschen. Wir öffnen Türen, beseitigen Ölspuren, helfen bei Unfällen, sichern Straßen oder sind bei Hochwasser im Einsatz.


Was war Ihr erster Einsatz?

Schmalenberg: Ganz ehrlich? Ich kann mich nicht mehr erinnern. In 44 Jahren erlebt man einfach so viel.

Und Ihr letzter?

Schmalenberg:  Lacht. Das weiß ich ja noch nicht. Gerade meine letzte Amtswoche verlief völlig verrückt. Als wollte mir das Schicksal noch mal zeigen, welche Bandbreite unser Job so bietet: Montagnacht musste ich zu einem Unfall in Niederroth, ein Mann war im Auto eingeklemmt, nachdem er gegen einen Baum gefahren war, am Dienstag rückten wir nach Schönbrunn aus – Gott sei dank nur Fehlalarm – und am Abend war ich schon wieder im Einsatz: Beim Großbrand in Dachau, als die Lagerhalle auf dem Seebergelände in Flammen stand. Unsere Einsatzzentrale war dann inmitten von Lansing, dem Dahoam-is-Dahoam-Dorf. Aber wer weiß, was jetzt noch kommt. Lacht wieder.

Aufregung – ist das für Sie mittlerweile ein Fremdwort, oder ist sie nach wie vor bei jedem Einsatz mit dabei?

Schmalenberg: Zu jedem Einsatz gehört eine gewisse Anspannung. Auch heute noch. Gerade, wenn man über Funk die Infos bekommt, geht einem genau durch den Kopf, was einen erwarten könnte. Besonders seit einigen Jahren – denn da fahre ich zu allen großen Einsätzen mit. Da ist man sowieso immer angespannt.

Gibt es einen Einsatz, den Sie bist heute nicht vergessen können?

Schmalenberg: Das war in einem Sommer irgendwann in den 80er Jahren. Ein ganz junges Mädel hatte in der Nähe des Niederrother Bahnübergangs einen schweren Unfall. Ihr Auto lag auf dem Dach. Ich bin damals durch den Kofferraum zu ihr reingekrochen und hab’ sie so gut ich konnte abgelenkt, während die Kammeraden das Auto aufgeschnitten haben, um sie zu befreien. Ich weiß noch genau, ich hab’ gesagt, ich bin der Heini, und Du? Dann haben wir uns unterhalten. Dem Mädel hat äußerlich nichts gefehlt, als sie beim Notarzt auf der Trage lag, hat sie sich noch bei mir bedankt. Ich dachte nur: Gott sei Dank ist ihr nichts passiert. Zwei Tage später hab’ ich in der Zeitung ihre Todesanzeige gesehen. Das trifft einen sehr. Das vergisst man nicht.


Wie schafft man es, solch traurigen Geschichten zu verarbeiten?

Schmalenberg: Wir Feuerwehrler sitzen eigentlich nach jedem größeren Einsatz zusammen und reden über das, was passiert ist. Wenn jemand wirklich betreut werden muss, haben wir unseren Diakon, Albert Wenning.

Haben Sie seine Hilfe schon mal gebraucht?

Schmalenberg: Nein, ich persönlich noch nicht. Das liegt aber nicht dran, dass ich besonders hart oder besonders heldenhaft bin.


Haben Sie nach tragischen Erlebnissen je ans Aufhören gedacht?

Schmalenberg:  Nein, nie. Als Feuerwehrler muss man auch was wegstecken können. Trotzdem nimmt es einen immer mit. Aber so etwas trägt man in sich – dass man anderen Menschen helfen will.

Warum opfert man so viele Jahrzehnte für dieses Ehrenamt?

Schmalenberg: Es klingt so banal, aber das Schönste ist, wenn sich Leute im Nachhinein bedanken. Auch wenn das nicht so oft passiert.

Ganz ehrlich: Oft werden kleine Landfeuerwehren immer belächelt. Wie wichtig sind sie wirklich – wie würde es ohne sie aussehen?

Schmalenberg: Die kleinen Feuerwehren sind unabdinglich. Wir haben im Landkreis 67 – das ist aber keine zu viel. Während meiner ganzen Amtszeit hab’ ich immer dafür plädiert, dass man sie vernünftig ausstatten muss. Sie haben die Ortkenntnisse, können sofort helfen, können zum Beispiel die Wasserversorgung bauen und müssen nicht warten, bis die großen Wehren anrücken. Zudem wird es personell gesehen immer schwieriger, gerade deshalb sind wir auf jede Wehr angewiesen.

Können Sie das genauer erklären?

Schmalenberg: Es ist längst nicht mehr so, dass jeder von 7 bis 17 Uhr arbeitet, und schon gar nicht mehr vor Ort, sondern meist irgendwo anders. Das heißt, wir sind um jeden Mann, oder um jede Frau, die vor Ort sein kann, dankbar.

Ist auf lange Sicht eine Berufsfeuerwehr unvermeidbar?

Schmalenberg: Nein, das ist schlicht unbezahlbar. Es wir zwar schwerer als früher, aber es wird auch weiterhin funktionieren – weil es funktionieren muss.

Wie wichtig ist die Unterstützung der Familie?

Schmalenberg: Ohne meine starke Frau hätte ich diese Aufgabe nicht bewältigen können. Zum einen ermöglicht sie, dass man nach einem schweren Einsatz wieder zum Alltag übergehen kann. Zum anderen hat sie Verständnis, dass man mitten unterm Essen, unterm Spiel mit den Kindern oder mitten in der Nacht plötzlich los muss, um irgendwo zu helfen. Ohne Ritas Verständnis wäre das nicht gegangen. Schon gar nicht der Aufstieg zum Kreisbrandinspektor und Kreisbrandrat.

Was sind überhaupt die Aufgaben eines Kreisbrandrats?

Schmalenberg:  Er holt tief Luft und nimmt einen Zettel zur Hand. Puh. Das ist eine ganze Palette an Pflichtaufgaben: Ich bin natürlich bei größeren Übungen und Einsätzen dabei. Man tauscht sich ständig mit Kreisbrandmeistern und -inspektoren aus und muss die großen Landkreisübungen organisieren. Ein Kreisbrandrat berät die Gemeinden bei Neubeschaffungen und stimmt alles mit der Regierung ab. Die Kommandaten muss man auf dem Laufenden halten und die Kommandantenversammlungen leiten. Theoretisch sollte ich regelmäßig unsere 67 Feuerwehren besuchen, aber das ist zeitlich nicht zu schaffen. Es stehen zudem zig Dienstversammlungen und Besprechungen mit der integrierten Leitstelle an. Da kommt so einiges zusammen. Lacht.

Gibt es ein Projekt, auf das Sie stolz sind?

Schmalenberg: In den kommenden Jahren wird ein zentrales Landkreislager für Notfall und Katastrophenequipment entstehen.

Freuen Sie sich, dass Ihre Amtszeit jetzt ein Ende hat?

Schmalenberg:Ich bin froh, dass ich jetzt nicht mehr so viel Verantwortung habe. Das geht mit zunehmendem Alter ganz schön an die Substanz. Man merkt, dass man nicht mehr so belastbar ist. Aber die Treffen mit den Kammeraden, von denen viele zu engen Freunden geworden sind, werden mir fehlen. Zudem muss ich neu lernen, meinen Tagesablauf zu gestalten. Jetzt denke ich nach dem Frühstück immer: Was hab’ ich heute alles für die Feuerwehr zu erledigen?

Das Interview führte:

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