1. Startseite
  2. Lokales
  3. Dachau

Bluttat in Erdweg: Mord wegen 1350 Euro

Erstellt:

Von: Nina Gut

Kommentare

null
Auftakt im Mordprozess: Justizbeamte führen den Angeklagten Arvid K. aus dem Zellentrakt in den Gerichtssaal, rechts sein Verteidiger Michael Pösl. Der 27-jährige K. aus Erdweg im Landkreis Dachau hat zugegeben, dass er die Rentnerin Ursula S. in ihrem Haus erstochen hat. © dpa

Ein 27-Jähriger aus dem Kreis Dachau hat am Mittwoch vor Gericht eine Bluttat gestanden: Er erdrosselte und erstach seine frühere Nachbarin (76) wegen 1350 Euro. Mit dem Geld holte er seine Verlobte aus dem Gefängnis.

Arvid K. (27) versteckt sich nicht hinter Aktenordner oder Baseball-Kappe. Der bullige Typ mit den kurz geschorenen Haaren, in Jeans, Kapuzenpulli und Turnschuhen, schaut ungerührt in die Kameras. Auch während der Verhandlung blickt er immer wieder ins Publikum. Nur einmal, da zeigt er Regung. Eigentlich sollte um 13 Uhr seine Verlobte (39) kommen, doch sie hat sich beim Vorsitzenden Richter Martin Rieder entschuldigt, weil der Hund angefahren wurde. „Wie geht’s dem Hund?“, fragt K. besorgt. Schließlich geht es hier um den Hund seiner Verlobten. Der Frau, für die er alles getan hätte. Für die er sogar getötet hat.

Nun sitzt Arvid K. wegen Mordes auf der Anklagebank des Landgerichts München II. Die Staatsanwaltschaft beschreibt in ihrer Anklage, wie er die 76 Jahre alte Ursula S. aus Erdweg im Kreis Dachau mit dem Maus-Kabel gedrosselt und mit 14 Messerstichen in Gesicht und Hals erstochen habe, um ihr 1350 Euro zu rauben. Mit dem Geld löste er seine Verlobte aus der Haft aus. Die Staatsanwaltschaft geht gleich von drei Mordmerkmalen aus: Habgier, Heimtücke und die Absicht, eine andere Straftat zu verdecken.

Angeklagter gesteht - und lässt seinen Lebenslauf verlesen

Arvid K. äußert sich zu Prozessauftakt nicht selbst. Über seinen Verteidiger Michael Pösl lässt er eine Erklärung verlesen. Sie beginnt mit einem Geständnis: Ja, er habe Frau Ursula S. am 28. Oktober 2014 in ihrem Haus in Erdweg getötet. Dann folgt der Lebenslauf des 27-Jährigen. Sein Werdegang spiele eine wichtige Rolle, heißt es in der Erklärung. Er stammt aus Thüringen, zog dann mit seinen Eltern in den Kreis Dachau. Schon in der Grundschule sei er ein Außenseiter gewesen, der gemobbt worden sei, weil er übergewichtig war und thüringischen Dialekt sprach. Er schaffte weder Hauptschulabschluss noch theoretische Führerscheinprüfung. Stattdessen eine abgebrochene Konditorlehre, Gelegenheitsjobs, Arbeitslosigkeit. Seine erste Zigarette rauchte er mit sieben Jahren, seinen ersten Joint mit zwölf, mit 14 schnupfte er zum ersten mal Heroin. Bald nahm er alles, auch LSD, Kokain, Beruhigungsmittel. „Er verfügt über keine Ader, in die er sich noch keine Spritze gesetzt hat“, sagt der Verteidiger. Zuletzt hauste K. in einem Wohncontainer in Erdweg. Im April 2013 lernte er seine ebenfalls drogensüchtige Freundin kennen, die mitsamt Hund zu ihm zog. „Er hat sie abgöttisch geliebt“, sagt Pösl.

Arvid K. wollte mit dem Geld seine Verlobte freikaufen

Dann nahm das Unheil seinen Lauf. K.s Verlobte wurde verhaftet, um eine Ersatzfreiheitsstrafe abzusitzen, weil sie eine Geldstrafe von 1350 Euro für einen Diebstahl nicht aufbrachte. „Ihre Verhaftung war nicht nur Tragödie, sondern auch Anlass zu größter Sorge.“ Die Verlobte war nämlich im fünften Monat schwanger. Er wollte sie freikaufen, doch niemand lieh ihm Geld. Am Tag vor der Tat bekam er einen Brief von ihr aus dem Gefängnis: Sie habe Blutungen wegen des Entzugs und habe Angst um das Kind. K. sei noch mehr unter Druck geraten, habe Panik bekommen, sagt Pösl. Der 27-Jährige nahm viele Drogen, irrte durch die Nacht.

Am Nachmittag des 28. Oktobers klingelte er bei Ursula S. und bat, den Schlüsseldienst rufen zu dürfen. Die 76-Jährige, die ihn als früheren Nachbarn kannte, ließ ihn ein und bot ihm sogar Kaffee an. Arvid Ks. Version der Tat: Als sie das Esszimmer verließ, machte er sich über ihre Handtasche her, nahm 21 Euro und zwei Bankkarten samt einem Zettel mit zwei PIN-Nummern darauf. In diesem Moment sei S. wieder gekommen und habe gesagt: „Du Teufel, gib das her!“ – und ihn am Arm gepackt. „Alle Anspannung und Sorge“ habe sich nun an der völlig unschuldigen Ursula S. entladen.

„Es gibt keine Rechtfertigung und keine Entschuldigung für die Tat“, lässt der Angeklagte ausrichten. „Durch nichts kann der Tod von Frau S. wieder gut gemacht werden.“ Der Prozess dauert an.

Auch interessant

Kommentare