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Lehrer und Schüler: Der achtjährige Wotan erklärt Diage, wie die Berufe im Deutschen heißen.

Drei besondere Deutschlehrer für Flüchtlinge

So einfach ist das: Kinder unterrichten Asylbewerber

Odelzhausen - Sie sind noch Kinder und trotzdem Lehrer: Wotan, Lisa (beide 8) und Anna (11) geben Asylbewerbern Deutschunterricht – und zeigen, wie kinderleicht diese schwierige Sache mit der Integration sein kann.

Ein Xylophon? Chima Phillip, 30, aus Nigeria zuckt ratlos mit den Schultern. Das Wort hat er noch nie gehört. „Ein Instrument“, erklärt ihm die elfjährige Anna. Sie wackelt mit den Händen auf und ab, so als würde sie mit zwei Schlägeln spielen. Chima Phillip nickt, dann spricht er das Wort nach. Und Anna malt ihm dafür einen Smiley mit Krone ins Heft. Chima Phillip lacht. So macht der Unterricht Spaß.

Es ist Samstagvormittag, in der Asylunterkunft in Odelzhausen (Kreis Dachau) findet ein Deutschkurs statt. Das Besondere hier: Drei der ehrenamtlichen Sprachhelfer drücken normalerweise selbst noch die Schulbank. Denn neben der elfjährigen Anna helfen auch ihre drei Jahre jüngere Schwester Lisa und der ebenfalls achtjährige Wotan. „Es ist schön“, sagt Wotan, während er gerade dabei ist, mit Diage (26) aus Mali einzelnen Bildern Berufe zuzuordnen. Mechaniker, Kaufmann, Bäcker – Diage kennt sich schon gut aus, Wotan muss fast gar nichts erklären. Und falls doch, schaffen es die beiden immer, sich irgendwie zu verständigen. Mit Gesten, Wiederholungen oder auch mal einer kleinen Zeichnung. Sie reden Deutsch miteinander, manchmal auch ein paar Brocken Englisch. „Das lerne ich auch in der Schule“, erzählt der Drittklässler stolz.

Leseübung: Anna und Lisa üben mit Chima Phillip (2. v. r.) und Jidi Nomoka die richtige Aussprache.

Er könnte am Samstagvormittag ausschlafen, mit Freunden toben oder spielen. Doch er gibt Sprachunterricht. Freiwillig, ganz ohne Druck. „Mir hat es einfach gleich beim ersten Mal gut gefallen“, sagt er. Wotans Mutter Bärbel Zöger engagiert sich im örtlichen Helferkreis und ist ebenfalls Sprachhelferin. Im April nahm sie ihren Sohn mit zum Unterricht, es hatte sich durch Zufall so ergeben. Seitdem ist Wotan dabei geblieben. Etwas später kamen dann Lisa und Anna dazu. Lisa ist eine Klassenkameradin von Wotan, die Familien kennen sich schon länger. „Wir wollten auch helfen, Integration ist schließlich das A und O“, sagt Hans-Martin Kick, der Vater der beiden Mädchen. „Und die beiden waren sofort Feuer und Flamme.“

Die Containerunterkunft am Ortsrand von Odelzhausen, die jungen Männer aus fernen Ländern wie Syrien, Afghanistan, Mali oder Nigeria und die fremden Kulturen – für die drei Kinder war das anfangs komplett neu. Sie konnten sich nur schwer vorstellen, wie es ist, sich ein komplett neues Leben tausende Kilometer fernab der Heimat aufbauen zu müssen.

„Beim ersten Mal waren wir schon ein bisschen aufgeregt“, erinnert sich Anna. Vorher war sie noch nie in der Unterkunft und kannte auch keinen Flüchtling. Jetzt weiß sie: „Sie sind ganz normale Menschen wie wir auch. Und sehr nett. Man muss sie unterstützen.“

An den Wänden im Unterrichtsraum hängen Plakate, auf denen zum Beispiel die Arbeit des Helferkreises, Tugenden wie Pünktlichkeit oder die Gleichberechtigung erklärt werden, auf einem Flipchart stehen konjugierte Verben. Anna erklärt Chima Phillip einen Text aus der Broschüre der Volkshochschule über ein Infoangebot zum Thema „Integration und Einbürgerung“. Doch das ist nicht alles. Die Unterstützung von Wotan, Lisa und Anna bedeutet für die Flüchtlinge oft mehr als nur Infos, Wörter lernen, Aussprache üben und Grammatik pauken. Es bedeutet auch Abwechslung und vor allem Lachen. Eine Unbeschwertheit, die manche Asylbewerber in ihrer Kindheit nicht hatten. Für einige ist es auch eine Erinnerung an kleine Geschwister, an die Heimat. „Manchmal spielen wir auch ein Spiel“, erzählt Lisa. „Das macht besonders Spaß.“

Zuerst aber wird gelesen. Der 23-jährige Jidi Nomoka aus Mali ist an der Reihe. Danach ballt Lisa ihre beiden Fäuste, in einer Hand hat sie ein Papierkügelchen versteckt. Nur wo? Jidi Nomoka lacht. Er kennt das Spiel schon, dafür braucht es nicht viele Worte. „Ich mag Kinder einfach“, sagt er, während er die falsche Hand antippt. Bald spielen auch Wotan, Anna, Diage und Chima Phillip mit. Gemeinsam albern die Sechs herum, versuchen, Tierzeichnungen zu erraten und bauen Papierflieger. Berührungsängste gibt es längst nicht mehr – weder bei den jungen Sprachlehrern, noch bei den Flüchtlingen. Manchmal ist Integration eben kinderleicht.

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