„Ich habe selbst Ähnliches erlebt, wie die Menschen, die mir gegenübersitzen. Ich bin einer von ihnen“: Michael Herrmann war psychisch am Ende. Heute geht es ihm wieder gut und er hilft anderen. Foto: Stefan Rossmann

Nach Burn-Out hilft er anderen

Ebersberg - Vor Jahren war Michael Herrmann am Boden. Heute steht er fest im Leben. Der 57-Jährige hilft Menschen aus Krisen, die er selbst bewältigt hat.

Sein Elternhaus war gut und gesund, sagt er, die Karriere steil. Nach dem Studium und der Promotion steigt er in die Unternehmensberatung ein. Bereits mit 40 ist Michael Herrmann Abteilungsleiter in einer großen Münchner Firma. Eine Respektsperson stellt er für manche Kollegen dennoch auch nach Jahren nicht dar. Michael Herrmann wird gemobbt. Er leidet, er verkümmert, schließlich bricht er ein.

Seine Hausärztin diagnostiziert Burn-Out. Michael Herrmann ist damals 47. Zwei Monate verbringt er in einer Klinik, als er heimkommt, setzt er die Psychotherapie und -analyse ambulant fort, beschäftigt sich mit sich selbst, versucht verschiedene Heilmethoden. Es klappt. Nach mühsamen Jahren gilt der Mann als geheilt. Zurück in seinen Job - für Michael Herrmann unvorstellbar. Es war die Arbeit, das Umfeld, die Leute in der Branche, die ihn krank gemacht haben. Das will er in der Zwischenzeit erkannt haben. Er will einen anderen, einen neuen Weg gehen, beschließt er vor wenigen Jahren. Das hat er getan.

Heute geht Michael Herrmann, 57, beim sozial-psychiatrischen Dienst Ebersberg in der Sieghartstraße ein und aus. Nicht weil er rückfällig ist. Nein. Dahingehend fühlt er sich nicht gefährdet - auch dank seiner neue Aufgabe, die ihm Halt gibt. Er ist hier, um andere Menschen mit psychischen Erkrankungen aus der Krise zu helfen. Er ist kein Therapeut oder Psychologe. Michael Herrmann kann nicht auf ein medizinisches Studium zurückgreifen. Seine Wissensquelle ist eine andere: die Erfahrung. Er war Teil des EX-IN-Modellprojektes des Bezirks Oberbayern (siehe Kasten). Nun ist er fester Bestandteil des Angebots des sozial-psychiatrischen Dienstes in Ebersberg, er ist ein sogenannter Genesungsbegleiter.

„Ich habe selbst Ähnliches erlebt, wie die Menschen, die mir gegenübersitzen. Ich bin einer von ihnen“, sagt Michael Herrmann. Seine Beziehung zu Hilfesuchenden sei deshalb oft eng und freundschaftlich, anders als die der Psychologen und Sozialpädagogen. „Die Klienten öffnen sich mir gegenüber oft schneller, sie fühlen sich mit mir auf Augenhöhe.“ Der Mann auf dem Stuhl neben ihm nickt. Es ist Andreas K. (57, Name geändert), der sich jeden Dienstagnachmittag beim sozial-psychiatrischen Dienst mit Michael Herrmann trifft. Zunächst mit anderen in der Gruppe, dann allein.

„Wir haben eine ähnliche Geschichte“, sagt K.. Auch seine Lebensumstände schienen lange geordnet: Er war verheiratet, bekam mit seiner Frau drei Kinder, hatte einen guten Job. Doch die Beziehung zu seiner Partnerin bröckelte, dazu kamen Schwierigkeiten in der Arbeit. „Ich habe dort nie das bekommen, was ich wollte“, erzählt K. Seine Gefühle wahrnehmen oder analysieren konnte K. damals nicht. „Ich war Wirtschaftsinformatiker mit Buchhalter-Mentalität. Da denkt man nur schwarz-weiß. Erklärbares konnte ich verstehen, Emotionales nicht.“

K. fing an Zeitungen zu horten, später sammelte er auch Fahrräder. Irgendwann hatte er gar 30 Stück. Er hörte auf zu arbeiten, blieb daheim bei den Kindern. Doch sein Daheimbleiben half nicht. Im Gegenteil: die „Frauenarbeit“ im Haushalt und die Erwerbslosigkeit habe seinen Status gegenüber seiner Frau, Freunden und letztlich auch gegenüber ihm selbst noch verringert. Das habe er zumindest so gefühlt. Eines Abends legte ihm seine Frau einen Artikel über Depressionen aufs Bett. Er las ihn nicht. „Dann veranlasste sie, dass ich in die Psychiatrie komme“, sagt K.

Die Diagnose: zwanghafte Persönlichkeit, Anpassungsstörung, Depression. Nach langen Klinikaufenthalten der Scheidung von seiner Frau und noch immer andauernder ambulanter Therapie, sitzt Andreas K. nun hier, gegenüber von Michael Herrmann - ein Mann, der weiß, was in ihm vorgeht. „Er hilft mir meine Krankheit immer mehr zu verstehen“, sagt K.. Dem Genesungsbegleiter könne er nie vorwerfen, er wisse ja nicht, wie es ihm gehe. So hatte er es mit Ärzten oft getan. Michael Herrmann aber weiß es. Und er kann K. vorwärts bringen.

Eine wichtige Lektion in Herrmanns Sitzungen: achtsam sein, hinterfragen: Was ist mit mir los? Wie kann ich meine Situation, mit der ich unzufrieden bin, verändern? „Fragen an einen selbst sind sehr wichtig“, sagt Michael Herrmann. Das habe auch ihm immer geholfen. Außerdem spreche er in den Gruppenstunden oder Einzelgesprächen über Entscheidungen, die bei den Klienten anstehen. Oft sind es Kleinigkeiten. „Ich gebe aber keinen Rat. Wir überlegen gemeinsam, welche Möglichkeiten es gibt. Darauf kommen die Klienten oft selbst nicht.“

Klar, Michael Herrmann ist für manche Klienten nicht nur Zuhörer und Berater. Er ist auch Hoffnungsträger. Er hat schließlich bereits bewältigt, was die Erkrankten quält. Auch Andreas K. geht es so. Irgendwann, wie Herrmann, wieder ein selbstständiges Leben führen zu können, „das ist mein Ziel“, sagt er. Längere Zeit schon lebt er in einem Appartement im „Betreuten Wohnen“ in Ebersberg, arbeitet bei den Steinhöringer Werkstätten in der Archivierung. Für ihn sind die Gespräche mit Michael Herrmann nur ein Baustein seiner Therapie, nach zwei Jahren aber ein wichtiger Baustein geworden. Auch Herrmann fühlt sich durch die Sitzungen bereichert.

Der Genesungsbegleiter und Heilpraktiker lebt mit seiner Familie in München. Weil er mit Menschen arbeiten und seinen Genesungserfolg teilen wollte, absolvierte er als einer der ersten Menschen bundesweit die Ausbildung zum EX-IN-Trainer, arbeitet mittlerweile für verschiedene psychiatrische Einrichtungen und sagt: „Früher habe ich gutes Geld verdient. Heute bin ich glücklich.“

Carolin Nuscheler

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