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„Das schaffen wir“, sagen Jutta und Heinrich Fink sowie Nachbarin Angelika Krüger (v.l.), die das 100-jährige Jubiläum ihres Kramerladens in Tegernau im Visier haben.

Einer der letzten Kramerläden des Landkreises steht in Tegernau

Die Wurst vom Schneider

Frauenneuharting - In Tegernau kaufen die Leute die Wurst beim Schneider. Verrückt sind sie deswegen aber nicht: „Beim Schneider“ lautet der Hausname des kleinen Geschäfts, von dem aus die Familie Fink seit 95 Jahren den Ort und die Gemeinde mit Äpfeln, Brot und Klopapier versorgt. 

Die Ladentür geht auf, wie ungefähr alle zwei Minuten an diesem Freitagvormittag. Herein kommt ein junger Mann in Latzhose und Arbeitsjacke. Heinrich Fink nickt ihm vom Verkaufstisch aus zu und hebt einen Karton mit gut 20 Wurstsemmeln auf die Ladentheke. Handwerker aus einem Frauenneuhartinger Betrieb haben Brotzeit vorbestellt. Die belegten Semmeln sind gefragt. In einem kleinen Ofen schmoren Leberkäse, Rollbraten und Schweinebraten. Bis Mittag wird davon nichts mehr übrig sein.

Gleich daneben steht die Kaffeemaschine. „Für hier oder zum Davonrennen?“, fragt Heinrich Fink, als eine Kundin aus dem Ort einen Cappuccino bestellt.

„Ist gleich fertig“, sagt er dann zu dem Handwerker, der auf die Brotzeit wartet, und legt noch ein paar Käsebrezen in den Karton. Neben ihm schmiert die Nachbarin Angelika Krüger an der Fleischtheke schon die nächsten Semmeln. Sie arbeitet seit fast auf den Tag genau zehn Jahren immer freitags im Laden mit.

Sechs Tage die Woche, von Montag bis Samstag, stehen Jutta und Heinrich Fink hinter dem Verkaufstresen – direkt vor der Brottheke, den Blick aufs Süßigkeitenregal und das Zeitschriftensortiment. Das Ehepaar hat den Laden 2000 von Heinrich Finks Eltern übernommen. Die beiden grüßen so gut wie jeden ihrer Kunden mit dem Vornamen – man kennt sich in der 1500-Einwohner-Gemeinde.

Der Kramer ist zu oft nur Notnagel

Trotzdem müssen die Finks um ihre Kunden kämpfen. Die meisten aus der Umgebung kaufen in den großen Supermärkten in Aßling und Grafing ein. Der Kramer sei zu oft nur der Notnagel für jene, die etwas vergessen haben oder samstags schnell Frühstück holen, sagt Jutta Fink. „Die Leute sehen nicht, dass wir von zwei Semmeln und einer Zeitung nicht leben können.“

Es gibt aber auch die anderen, die lieber „zum Schneider“ gehen, bevor sie in die Stadt fahren. Heinrich Fink wickelt für eine solche Kundin, die sich den Einkaufskorb vollgepackt hat, einen Salatkopf in Zeitungspapier ein. Dann deutet er in den kleinen Ladenraum mit den prall gefüllten Regalen. „1300 verschiedene Artikel haben wir hier stehen“, sagt er. Das sind übrigens mehr als beim Discounter Aldi.

Das Angebot ihres Lieferanten ergänzen die Finks mit Lebensmitteln aus der Region, darunter Nudeln, Kartoffeln und Senf. Gleichzeitig müssen sie für ihr Sortiment Mindestabnahme-Mengen einhalten. Das gilt auch für Grablichter, Luftballons, Nähgarn und die Spargelspitzen im Glas – nicht alle diese Artikel sind Verkaufsschlager.

"Am besten gehen die Grundnahrungsmittel"

„Am besten gehen die Grundnahrungsmittel“, sagt Heinrich Fink. Ohne die große Auswahl würden die Kunden aber wegbleiben. Deshalb passen die Finks ihr Sortiment ständig an: Gerade haben sie ein Würzpulver ins Regal gestellt, das es sonst in der Gegend nicht zu kaufen gibt. Manchmal machen die kleinen Dinge den Unterschied.

Angelika Krüger räumt die letzten Reste der Morgenlieferung in die Regale: Limo, Küchentücher und Bananen. Die Arbeit „hinter den Kulissen“, wie Heinrich Fink es nennt, beginnt oft schon zwischen vier und sechs Uhr morgens: Wenn der Lieferant klingelt, muss die Ware ins Lager und dann ins Regal. Nach Ladenschluss ist noch Putzen und Aufräumen angesagt.

„Wenn man sich dann die Gewinnspanne anschaut, ist der Laden eher ein Hobby“, sagt Heinrich Fink trocken. Vom Aufhören wollen die Finks aber nicht reden, dafür macht das Kramerleben zu viel Freude. Sie haben das 100-jährige Ladenjubiläum im Visier. „Das schaffen wir“, sagen sie. „Mindestens“.

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