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Alexander Preissinger (19) hat gelernt, mit seinem Schicksal umzugehen. Jetzt sucht er einen Job, damit er endlich Geld verdienen kann.

Im Rollstuhl auf Jobsuche

Der schwere Weg ins Leben

Niclasreuth - Ein Geburtsfehler fesselt Alexander Preissinger aus Thal bei Niclasreuth an den Rollstuhl. Der 19-Jährige hat sich trotzdem durchgekämpft. Jetzt will er endlich einen Job.

Die steile Treppe in den ersten Stock lässt Alexander Preissinger wie immer links liegen. Stattdessen nimmt er den extra für ihn gebauten Aufzug. Der 19-Jährige mit der roten Brille und dem freundlichen Lächeln sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl. „Ich bin der Alex“, grüßt er, schwingt sich aus dem Rollstuhl und robbt gekonnt durch den Flur in Richtung Küchentisch.

Ihre Schuhe müssen die Besucher anlassen, wenn sie in der Preissinger Mühle in Thal bei Niclasreuth (Gemeinde Aßling) vorbeischauen. Das hat Alex so verfügt. Wer sich stets mit dem ganzen Körper und den Händen über den Boden bewegt, möchte nicht ständig „Barfuß-Mief“ oder den Geruch von getragenen Strümpfen einschnaufen. Alex findet seinen Weg unterm Küchentisch hindurch, schwingt sich auf die Bank am Fenster, holt seine Beine zu sich und blickt in die geräumige Wohnküche.

Einfach war es nie – und manchmal zum Verzweifeln

Alex hat gelernt, mit seinem Schicksal umzugehen. Einfach war es nie – und manchmal zum Verzweifeln. Mutter Susi setzt sich zu ihrem Sohn an den Tisch und erzählt gemeinsam mit ihm die Geschichte eines lebenslangen Kampfes, der schon vor der Geburt begann.

Bis zur 31. Woche hatten Susi Preissinger (47) und ihr Ehemann Hans (51) die Schwangerschaft als reibungslos erlebt. Sieben Wochen vor dem Geburtstermin dann die Schreckensdiagnose: Wegen eines offenen Rückens werde Alex lebenslang körperlich eingeschränkt sein. Susi Preissinger stürzte diese Nachricht in ein tiefes Loch. Doch sie bewies Kampfgeist und den Mut zu einem bedingungslosen Ja zu ihrem Sohn.

Als seine Mutter von ihrer schwersten Krise erzählt, während ihr die Tränen über die Wangen kullern, merkt man auch Alex an, wie ihn die Geschichte mitnimmt. Obwohl die beiden sehr offen miteinander reden, hatte Susi mit ihrem Sohn noch nie zuvor über diesen Zeitabschnitt gesprochen.

Lieber spricht sie über das Leben danach, als Stück für Stück die Perspektive zurückkam: Mit einem geplanten Kaiserschnitt kam Alexander am 10. Januar 1997 zur Welt und wurde sofort operiert. Seine Wirbelsäule lag offen, der Rücken musste geschlossen werden. Bis zum Jahr 2013 folgten 30 weitere Operationen. Ab dem dritten Lebensjahr sollte Alexander durch einen Reha-Buggy beweglicher werden. Doch im Sanitätshaus suchte sich der Bub selbst zielsicher einen kleinen Rollstuhl aus, ließ sich hineinheben und rollte begeistert durchs Geschäft. „Er wusste schon damals genau, was er wollte“, sagt Susi Preissinger. Darüber steht ihr die Freude ins Gesicht geschrieben, und auch Alex muss lachen.

Sein Anderssein aber bekam er bald zu spüren: Vor Aufnahme in den Kindergarten Hohenthann musste Alex einen Test bestehen, um zu beweisen, dass er „nur“ körperlich, nicht aber geistig eingeschränkt ist. Ein Inklusionskindergartenmodell wie heute üblich gab es damals noch nicht, die Erzieherinnen improvisierten und lernten dazu. Mit Erfolg: Alex gefiel seine Kindergartenzeit sehr. Um in die Grundschule Schönau aufgenommen zu werden, musste Alex erneut einen Kompetenztest bestehen.

„Wie fühlt sich wohl ein Kind, ein Mensch, der zu seiner körperlichen Einschränkung noch ständig beweisen muss, dass er fit ist im Kopf?“, fragt Susi Preissinger in den Raum. Man merkt ihr an, dass die Vorurteile gegen ihren Sohn sie auch nach all den Jahren noch wütend machen. Alex machte trotzdem seinen Weg, wechselte schließlich an die Hauptschule Ostermünchen. Seinen Klassenkameraden voraus hatte er ein Faible für Rechtschreibung, entsprechend zählte Deutsch zu seinen Lieblingsfächern.

Einmal vergaßen ihn seine Mitschüler im Keller

Es sind viele schöne Erinnerungen, die Alex mit seiner Schulzeit verbindet, doch gab es auch Momente, in denen er seine Behinderung schmerzhaft zu spüren bekam: Einmal hatte die Informatiklehrerin den Computerunterricht in den Kellerraum des Schulgebäudes verlegt, der nur über Treppen erreichbar war. Alex musste hinuntergetragen, sein Rollstuhl nachgebracht werden. Pünktlich mit dem Gongschlag stürmten alle Mitschüler aus dem Raum, auch die Lehrerin beeilte sich, aus dem Keller nach draußen zu kommen. An Alex aber hatte niemand gedacht. Erst nach langem, lautem Schreien hörte ihn eine Putzfrau und befreite den Rollstuhlfahrer aus seinem Gefängnis.

Doch selbst von den schmerzhaftesten Erlebnissen ließ sich Alex nicht seinen Lebensmut und seine Lebensfreude nehmen. In seiner Freizeit entwickelte er sich immer mehr zum großen Fan des FC Bayern München und trat dem Fanclub Mietraching bei. Zur Weihnachtsfeier dieses FC Bayern Fanclubs kam im Jahr 2005 auch der Vorstandsvorsitzende, Karl-Heinz Rummenigge. Rummenigge sprach Alexander Preissinger an, nahm sich richtig Zeit für ein längeres Gespräch, zeigte offenes Interesse für Alex’ Lebensgeschichte und versprach, Karten für ein Fußballspiel der Bayern zu schicken.

Dass es dann sogar die VIP-Lounge wurde, von der aus Alex zusammen mit seiner Mutter Susi im Dezember 2005 den Bayern beim Spiel gegen Kaiserslautern zusehen konnte, das war schon „der Hammer!“, erinnert sich Alex mit leuchtenden Augen an den siegreichen Abend. Genau weiß er noch den Endstand damals – 2:1, Torschützen: Roy Maakay und Michael Ballack. Es sollte nicht das einzige Spiel sein, zu dem er eingeladen wurde. Die Wand im Gang der Preissinger Wohnung ist mit vielen Erinnerungsfotos geschmückt. Mit Karl-Heinz Rummenigge blieb Alex in gutem Kontakt, 2011 absolvierte er ein Praktikum im Büro des FC Bayern. Schließlich sollte beruflich etwas vorwärtsgehen.

Alex will arbeiten, sein eigenes Geld verdienen

Nach dem Hauptschulabschluss stand für Alex erst einmal der Entschluss fest: „Nie wieder Schule!“ Stattdessen setzte er sich zum Ziel, als Verwaltungsfachangestellter zu arbeiten. Doch wieder zeigte sich, dass für Alex wegen seines Handicaps bereits kleine Erfolge große Arbeit bedeuten: Mehr als 20 erfolglose Bewerbungen bei umliegenden Gemeinden und verschiedenen kommunalen Arbeitgebern ließen ihn spüren: Barrierefreiheit besteht nicht nur aus Rampen und Aufzügen.

Meist lauteten die Absagen gleich: „Wir haben uns für einen anderen Bewerber entschieden.“ Begründen mochte das Nein keiner. Alex dachte sich seinen Teil. Es ist einen Moment still in der Küche der Preissingers, als Alex seine Enttäuschung noch einmal Revue passieren lässt.

Löwenmutter Susi Preissinger aber hielt zu ihm, als er kurz vor dem Verzweifeln war. Sie recherchierte im Internet, stieß auf die Bayerische Landesschule für Körperbehinderte Menschen, die eine dreijährige Ausbildung zum Fachpraktiker für Bürokommunikation anbietet. Alex ließ sich darauf ein – einen Entschluss, den er nicht bereuen sollte, wie er glücklich erzählt. Er fühlte sich sofort wohl in der Schule, aufgenommen und verstanden von Menschen mit ähnlicher Lebenssituation.

Letztes Jahr hat Alex Preissinger seine Ausbildung zum Fachpraktiker für Bürokommunikation erfolgreich mit IHK-Abschluss abgeschlossen. Jetzt will er arbeiten, sein eigenes Geld verdienen. Wieder gestaltet sich die Erfüllung dieses Wunsches zäh: Viele Bewerbungen hat Alexander bis heute an Firmen und Kommunen geschrieben. Noch hat er keine Zusage. Sein Wunsch: eine Arbeit im Bereich Bürokommunikation, beim Empfang eines Unternehmens oder Hotels zu finden. Auch mit einer Halbtagesstelle wäre er schon zufrieden. Hauptsache es geht was vorwärts. Denn Aufgeben ist so gar nicht sein Ding.

Von Susann Niedermaier

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