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Der mutmaßliche Messerstecher von Grafing.

Blutbad mit einem Toten

Großeltern des Grafing-Täters: "Wir hatten alles versucht, um ihm zu helfen"

Grafing - Ein 27-Jähriger hat in Grafing-Bahnhof einen Menschen mit dem Messer getötet, drei weitere verletzt. Seine Familie hatte keinen Zugang mehr zu ihm. 

Update vom 19. Juli 2016: Schon wieder hat sich ein Amoklauf ereignet: Ein 17-jähriger Afghane hat in einem Regionalzug bei Würzburg Fahrgäste mit Axt und Messer angegriffen. In unserem Ticker zum Amoklauf in Würzburg bleiben Sie weiter auf dem Laufenden.

Auf dem Bahnsteig in Grafing-Bahnhof, Kreis Ebersberg, sieht man auch Stunden danach noch die Fußabdrücke. Die Fußabdrücke aus getrocknetem Blut, die Paul H., der Amokläufer, hinterlassen hat. Er ist barfuß unterwegs, als er in der S 4 mit einem Messer auf Siegfried W. einsticht. Der Familienvater (56) aus Wasserburg, der bei der Regierung von Oberbayern arbeitet, stirbt wenig später im Krankenhaus.

Ein zweites Opfer steht auf dem Bahnsteig, ein Einheimischer. Auch auf ihn geht Paul H. mit seinem Survival-Messer los, die Klinge ist zehn Zentimeter lang, drei Zentimeter breit. An Paul H.s nackten Füßen klebt Blut, als er den Bahnhof verlässt und 30 Meter weiter zwei Radlfahrer angreift, direkt vor der griechischen Taverne Orfeas. Wieder zückt er sein Messer. Johann B., seit 30 Jahren Austräger unserer Zeitung, trifft die Klinge besonders schlimm – er schwebt einige Stunden in Lebensgefahr. Vier Opfer. Alle erwischt es zufällig.

Die Willkür macht diesen Amoklauf, der gestern um 4.45 Uhr in dem Grafinger Ortsteil beginnt, so unvorstellbar. Die erste S-Bahn nach München steht schon am Gleis, sie soll um 5.01 Uhr abfahren. Doch dann bringt Paul H. das Grauen in die bayerische Idylle. Eine Zeugin setzt einen Notruf ab, auch einem der Opfer gelingt es, die Polizei zu rufen. Die nimmt den Täter schnell fest, er wehrt sich nicht. Weil er seinen Ausweis in die Gleise geworfen hat, wissen die Beamten sofort, wer er ist.

"Wir redeten mit Engelszungen auf ihn ein"

Paul H. ist 27 Jahre alt, deutscher Staatsbürger, ein gutaussehender junger Mann mit Dreitagebart, ein Allerweltsschönling mit kurzen braunen Haaren. Paul H. ist ledig, stammt aus dem 13 000-Einwohnerstädtchen Grünberg bei Gießen. Er hat Schreiner gelernt, ist aber seit zwei Jahren arbeitslos, lebt von Sozialhilfe. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt am Dienstagmittag in der Staatskanzlei, Paul H. habe sich vor wenigen Tagen schon „ungewöhnlich“ benommen, „verwirrt“. Sein Stiefvater bestätigt der tz am Telefon: „Er hat psychische Probleme und ist drogenabhängig. Wir haben keinen Zugang mehr zu ihm.“

Nach Informationen der tz haben aber die Großeltern noch Kontakt zu Paul H. „Wir hatten alles versucht, um ihm zu helfen“, sagt die Oma. Am vergangenen Sonntag wusste die Familie nicht mehr weiter. „Wir haben die Polizei gebeten, ihn in eine Klinik einzuweisen. Aber die Beamten lehnten das ab“, so der Großvater. Nach Angaben der Ermittler in München unternahmen die Kollegen vor Ort nichts, weil es „keine Fremd- oder Eigengefährdung“ gab. Sie rieten Paul H. nur, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Auch der Großvater erzählt: „Wir redeten mit Engelszungen auf ihn ein und brachten Paul nach Gießen in eine Klinik.“ Doch dort hält der 27-Jährige es bloß eine Nacht aus.

Bilder

Am Montagvormittag packt Paul H. seine Sachen, mit einem Rucksack steigt er in Fulda in den Zug nach München. Nur ein Zwischenstopp, glauben die Ermittler, sein eigentliches Ziel sei Österreich oder vielleicht auch Portugal gewesen.

In der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs will Paul H. in einem Hotel absteigen, doch er hat nur 10 Euro bei sich. Er lernt einen Ungarn kennen, treibt sich ihm herum. Doch dann wird Paul H. „unwohl“: Er geht zum Stachus und steigt in die S-Bahn nach Grafing. „Einen besonderen Grund“, sagt Kriminaldirektor Lothar Köhler am Dienstag, „gibt es dafür nicht.“ Der 27-Jährige wollte wohl einfach „raus aus der Großstadt“.

Es ist nochmal etwas anderes, wenn es vor der Haustüre passiert

Was dann passiert, dokumentieren Kameras im Zug und auch am späteren Tatort. Noch sind nicht alle Bänder ausgewertet, doch fest steht: Paul H. ist bereits um 1.38 Uhr in Grafing-Bahnhof, er hält sich den Rest der Nacht dort auf. Als er um 4.45 Uhr auf sein erstes Opfer los geht, trägt er keine Schuhe. Später wird er der Polizei sagen, er habe Wanzen gespürt, und eine starke Hitze an den Füßen. Paul H. spielt Schicksal. Er sticht zu, er mordet, er schockt eine ganze Region.

In Grafing-Bahnhof flattern am Morgen die rot-weißen Absperrbänder der Polizei, die Spurensicherung fotografiert Blutlache um Blutlache und die beiden umgekippten Radl der Opfer, die noch immer auf der Straße liegen. Daneben ein Stapel Zeitungen, die Austräger Johann B. dabei hatte. Nachbarn gehen mit Tränen in den Augen über den Bahnhofsvorplatz. „Lebt der Hannes noch? Lebt er noch?“, fragen sie. Jeder kennt ihn hier. Einsatzkräfte können noch kurz mit ihm sprechen, bevor er in den Rettungshubschrauber getragen wird. Er ist ansprechbar. „Er hat mich“, sagt er zu den Rettern, „in den Rücken gestochen.“ Johann B. kommt schwerverletzt in die Klinik. Aber er lebt.

Der Wirt der griechischen Taverne Orfeas, vor der sich alles abgespielt hat, sagt: „Man sieht so was tagtäglich im Fernsehen, aber wenn es vor der Haustüre passiert, dann ist es anders.“ Der Zeitungsausträger macht bei ihm den Garten. Der Wirt weint. „Ich habe schon bei ihm angerufen. Ich will wissen, wie es ihm geht. Aber es geht nur die Mailbox dran. Aber er schafft das. Er ist stark, er schafft das bestimmt.“

Ebersbergs Landrat Robert Niedergesäß ist auf dem Weg ins Büro, als er im Radio von dem Amoklauf hört. Er sagt alle Termine ab. „Eine unfassbare Situation“, sagt er am Tatort. „So was passiert auf der ganzen Welt, aber doch nicht in Grafing. Denkt man.“

Religiös motivierte Tat? Ermittler gehen allen Hinweisen nach - bisher nichts gefunden

Schon kurz nach dem Amoklauf wird bekannt, dass Paul H. seine Opfer anschreit, sie seien Ungläubige, die „jetzt sterben müssen“. Auch „Allahu Akbar“, Gott ist groß, soll er gerufen haben. Und so wird schnell über ein islamistisches Motiv spekuliert – obwohl die Polizei das nicht bestätigt. Nur fünf Stunden nach der Attacke, um 10.17 Uhr, verschickt etwa Charlotte Knobloch im Namen der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eine E-Mail, in der sie, „sollten sich (...) die Hinweise bestätigen, die erste tödliche islamistische Terrortat in jüngerer Zeit in München“ verurteilt. Innenminister Herrmann betont mittags noch einmal: „Jede Äußerung über Motive erscheint mir sehr spekulativ.“ Gleichzeitig dementiert er jeden Migrationshintergrund des Täters.

Freilich gehen die Ermittler auch Hinweisen auf eine religiös motivierte Tat nach, zumal Paul H. bei der Vernehmung seltsame Andeutung macht. Bislang haben sie nichts gefunden. Keine verdächtigen Videos auf seinem Handy oder auf dem Laptop. Angehörige klopft die Polizei noch ab, die Aussagen von Paul H. seien „verwirrend“. Die Staatsanwaltschaft will deshalb auch seine Schuldfähigkeit überprüfen lassen. Ob er zur Tatzeit unter Drogeneinfluss stand, ist noch unklar – Paul H. selbst gibt an, Cannabis geraucht zu haben.

Am Abend legen die Grafinger Blumen nieder, ein Zeichen der Trauer nach diesem schrecklichen Tag. Am Mittwoch soll eine Gedenkfeier in der katholischen Kirche stattfinden.

Carina Zimniok

Carina Zimniok

E-Mail:carina.Zimniok@merkur.de

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Stefan Sessler

Stefan Sessler

E-Mail:stefan.sessler@merkur.de

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