Darum geht es: Rudolf Wilhelm zeigt die Stelle, an der er den Randstein absenken möchte. Foto: Stefan Rossmann

Er wollte das genaue Gegenteil

Dieser Grafinger hat plötzlich keine Parkplätze mehr

Grafing - Wer einen Zustand verbessern will, erreicht manchmal das genaue Gegenteil, von dem, was er eigentlich wollte. Der Grafinger Versicherungsagent Rudolf Wilhelm kann dafür als Beispiel gelten. Es geht um die Parkplätze vor seinem Büro.

Seit zwölf Jahren fahren Wilhelm, seine Mitarbeiter und Kunden in der Kapellenstraße täglich über den Randstein des Bürgersteigs, um dort vor dem Haus ihr Fahrzeug abzustellen. Schaden genommen hat deswegen niemand, sieht man einmal von den malträtierten Reifen der Autos ab. Das Büro besteht seit über einem Jahrzehnt. „Wir zahlen regelmäßig Gewerbesteuer“, sagt der Versicherungsvertreter. Das Gewerbe sei selbstverständlich angemeldet worden, die Parkplatzsituation sei dabei nie ein Thema gewesen.

Das war sie tatsächlich nicht, bis der Versicherungsmakler den Versuch unternahm, in der Kapellenstraße den Randstein absenken zu lassen. „Das hab ich wohl in einem Anfall geistiger Umnachtung gemacht“, ärgert sich Wilhelm jetzt angesichts der Entwicklung, die die Angelegenheit genommen hat.

Es kam zu einem Ortstermin mit Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne), die darauf verwies, dass es sich bei der Kapellenstraße um einen stark frequentierten Schulweg handele. Sie sei in Sorge um die Sicherheit der Schulkinder, bat sie um Verständnis. Einer Absenkung des Randsteines könne sie deshalb nicht zustimmen, auch wegen der Kosten. „Ich würde das selbst bezahlen“, bot Wilhelm an. Der Vorgang bekam Schwung. Denn wenn die Randsteine nicht abgesenkt werden, gelten die Stellflächen dahinter nicht als offizielle Parkplätze. Das hatte bis zu diesem Zeitpunkt im Bauamt niemand auf dem Plan und kam erst auf, als vom Eigentümer der Versuch unternommen wurde, die Situation zu verbessern. Wilhelm hat jetzt aber plötzlich das Problem, dass er für sein Gewerbe nicht mehr die notwendige Anzahl von Abstellplätzen für Fahrzeuge nachweisen kann.

Der Schulweg für die Kinder der Grund- und Mittelschule wurde in der Vergangenheit optimiert. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind rot markierte Flächen, die die Kinder auf ihrem täglichen Weg benutzen. Aber sogar dort sind die Gehsteige abgesenkt, fahren Autos in Einfahrten und kreuzen dabei den gekennzeichneten Schulweg. Auf der Fahrbahnseite, an der Wilhelm sein Büro hat, sind die Gehsteige ebenfalls mehrfach abgesenkt.

„Wenn in der Kapellenstraße weiterhin die Hochborde abgesenkt werden, verlieren sie ihre Schutzfunktion“, heißt es dazu aus der Verwaltung. So sieht das auch Obermayr: „Das Problem habe ich inzwischen überall in Grafing“, schildert die Bürgermeisterin. Es häuften sich derartige Anfragen mit dem Effekt, dass auch die davor liegenden Stellplätze verloren gehen würden, weil der Bürgersteig plötzlich zu einer Einfahrt werde. Das Argument trifft auf die Kapellenstraße nur bedingt zu. An der Stelle, um die es geht, gilt ein absolutes Halteverbot.

Die Grafinger Rathauschefin hat den Vorschlag gemacht, dass Wilhelm und seine Kunden längs des Hauses parken können. Dort gibt es eine alte Einfahrt, die wohl noch aus der Zeit herrührt, als hier ein ebenfalls angemeldetes Keramikgewerbe bestand, dass von Wilhelms Tochter betrieben wurde.

Der Nachteil dieser Lösung: Wenn das hinterste Fahrzeug rausgefahren werden soll, müssen alle davor stehenden Autos bewegt werden. Der Verkehr über den Bürgersteig würde zunehmen. Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Bauamtsleiter Josef Niedermaier glaubt aber an eine „einvernehmliche Lösung“.

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